Wenn heute im Vatikan der Glaubenspräfekt, Kardinal Victor Manuel Fernández, und der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., Pater Davide Pagliarani, über die für den 1. Juli angekündigten Bischofsweihen sprechen, ist der Ausgang völlig offen. Eine Überraschung war es nicht, als Pagliarani am 2. Februar ankündigte, man wolle im Sommer Priester der Bruderschaft zu Bischöfen weihen. Eine Priesterbruderschaft lebt davon, jungen Männern, die sich als Seminaristen auf die Weihe vorbereiten, diese auch zu ermöglichen.
In dieser Situation befand sich 1988 schon Erzbischof Marcel Lefebvre, als er, bereits 82 Jahre alt, die Piusbrüder Bernard Fellay, Alfonso de Galarreta, Bernard Tissier de Mallerais und Richard Williamson zu Bischöfen weihte – nachdem er eine mit dem Glaubenspräfekten Joseph Kardinal Ratzinger erzielte Einigung mit Rom über Nacht wieder einkassiert hatte. Die Exkommunikation des Weihenden und der Geweihten war als Tatstrafe die unmittelbare Folge. Johannes Paul II. hat sie damals öffentlich festgestellt. Von einem Schisma war die Rede.
Ablehnung des Zweiten Vatikanums
Heute ist die Lage ähnlich. Eine mögliche Einigung, die unter Papst Benedikt XVI. mit der Wiederzulassung der „alten“ Messe 2007 und der unglücklich in die Öffentlichkeit transportierten Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe im Jahr 2009 zum Greifen nah schien, hat sich als frommer Wunsch erwiesen. Den Piusbrüdern geht es nicht nur um die Liturgie. Sie lehnen das gesamte Zweite Vatikanum in wesentlichen Teilen ab.
Außerdem würde die Bruderschaft gegenüber anderen Instituten, die das Messbuch von 1962 verwenden dürfen, ihr Alleinstellungsmerkmal als vermeintlich einziger Hort, an dem die katholische Wahrheit unverfälscht hochgehalten wird, verlieren – und wahrscheinlich viele Geldgeber. Bischof Tissier de Mallerais ist im Oktober 2024 verstorben, Richard Williamson, den die Bruderschaft bereits 2012 wegen Ungehorsams ausgeschlossen hatte, folgte ihm vor einem Jahr.
Papst soll unter Druck gesetzt werden
Die Bischöfe Fellay und de Galarreta gehen zwar beide erst auf die 70 Jahre zu, brauchen aber „Verstärkung“ als Weihende. In einer offiziellen Mitteilung der Bruderschaft zu der nun beabsichtigten Bischofsweihe hieß es, man habe bereits im vergangenen Jahr dem Vatikan schriftlich die „besondere Notwendigkeit der Bruderschaft, die Fortführung des Dienstes ihrer Bischöfe sicherzustellen“, dargelegt, habe dann aber ein Schreiben aus Rom erhalten, „das in keiner Weise auf unsere Anfragen antwortet“.
Darum der Entschluss, die unerlaubten Bischofsweihen für den 1. Juli anzukündigen und den Papst somit unter Druck zu setzen. Doch die Art und Weise, wie der Vatikan das heutige Treffen von Kardinal Fernández und Generalprior Pagliarani ankündigte, lässt erkennen, dass Rom kein Interesse daran hat, die Spannungen mit der Piusbruderschaft zu erhöhen. „Die Kontakte zwischen der Bruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl werden mit dem Ziel fortgesetzt, Brüche oder einseitige Lösungen in Bezug auf die aufgetretenen Probleme zu vermeiden“, erklärte Vatikansprecher Matteo Bruni am 3. Februar auf Anfrage von Journalisten.
Und als er kurz darauf auch das heutige Datum für das Gespräch mitteilte, hieß es ähnlich gewunden: „Das Treffen wird Gelegenheit zu einem informellen und persönlichen Dialog bieten, der dabei helfen soll, wirksame Instrumente des Austauschs zu identifizieren, die zu positiven Ergebnissen führen können.“
Vatikan will weiteren Bruch verhindern
Dass die Piusbruderschaft auf die Weihen verzichtet, dürfte ausgeschlossen sein. Doch die Ankündigung Bruni macht deutlich, dass der Vatikan in jedem Fall einen weiteren Bruch oder Abbruch der Beziehungen verhindern will. Wenn die Bischöfe der Bruderschaft im Sommer unerlaubt, aber doch gültig, die angekündigten Weihen vornehmen sollten, steht wieder das Wort im Raum, das man in den letzten Jahren vermieden hat: Schisma. Davon hat man selbst im Vatikan nicht mehr gesprochen, seitdem Papst Franziskus den Priestern der Bruderschaft 2015 die Beichtvollmacht erteilte und ihnen 2017 erlaubte, Eheschließungen vorzunehmen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der kirchenrechtliche Status der Piusbruderschaft weiterhin ungeklärt bleibt, was Rom jedoch in den letzten Jahren stillschweigend akzeptiert hat.
Als Benedikt XVI. im März 2009 einen Brief an den Weltepiskopat schrieb, um die von vielen falsch verstandene Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe – darunter des als Holocaustleugner hervorgetretenen Richard Williamson – im Nachhinein zu erklären, beschrieb er das Dilemma Roms und insbesondere des Papstes, das sich mit dem Ungehorsam der Piusbruderschaft stellt: „Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen?“, fragte damals der deutsche Papst und fügte an: „ Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten?“
Eine Kirchenspaltung ist für den Vatikan eine ernste Sache, und Rom ist bereit, sehr flexibel zu agieren, um es nur ja zu verhindern oder ein Schisma zu heilen. Um die Spaltung der Kirche Chinas in einen dem Pekinger Regime unterworfenen Episkopat und die Geistlichen der Untergrundkirche zu überwinden, schloss der Vatikan die Übereinkunft mit Rotchina über die gemeinsame Bestellung von Bischöfen, was jedoch von Peking sehr zum Nachteil Roms ausgelegt und angewandt wird. Wie weit Papst Leo in seinem Bemühen um die Einheit der Kirche gehen wird, um den Bruch mit den Lefebvrianern zu vermeiden, werden die kommenden Wochen zeigen.
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