Trotz Missbrauchsskandalen, Vertrauensverlusten und massiven Kirchenaustritten ist die Kirche für eine Mehrheit der Deutschen offenbar mehr als ein Auslaufmodell. Das legt eine neue repräsentative Studie der Managementberatung Horváth nahe – und stellt zugleich unbequeme Fragen an kirchliches Selbstverständnis und kirchliche Reformdiskurse. Die Zahlen sind angesichts der vielerorts herrschenden, durch jahrelange Austrittsraten auf Höchstniveau geprägten Erwartungen auf den ersten Blick überraschend. 71 Prozent der Bevölkerung in Deutschland geben an, dass ihnen etwas fehlen würde, wenn es die Kirchen hierzulande nicht mehr gäbe.
Diese Einschätzung gilt nahezu unabhängig von Region, Konfession oder religiöser Sozialisation. Selbst in den stärker säkular geprägten Regionen Ost- und Norddeutschlands liegt der Wert nur wenige Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. In einer Zeit, in der die Kirchen Jahr für Jahr Hunderttausende Mitglieder verlieren, wirkt dieses Ergebnis wie ein Paradox.
Bedürfnis nach Symbolen
Die im November 2025 vom Marktforschungsinstitut Toluna im Auftrag von Horváth durchgeführte Befragung von 1.000 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern zeichnet ein differenziertes Bild: Die Kirchen verlieren zwar an Bindekraft, aber nicht zwangsläufig an gesellschaftlicher Bedeutung. Was schwindet, ist weniger die Erwartung an kirchliche Lehre oder institutionelle Autorität, sondern die Selbstverständlichkeit kirchlicher Präsenz im Alltag. Was bleibt, ist ein erstaunlich stabiles Bedürfnis nach Orten, Symbolen und Leistungen, die bislang vor allem mit Kirche verbunden werden. Am häufigsten vermisst würden – so die Horváth-Studie – Kirchen als Orte der Stille und Besinnung. Gut ein Drittel der Befragten nennt diesen Aspekt ausdrücklich. Erst danach folgen Kirchengebäude als kulturelle und architektonische Landmarken, das christliche Wertesystem sowie soziale und bildungsbezogene Angebote. Klassische kirchliche Kerndienste wie Seelsorge, Glaubensvermittlung oder geistliche Begleitung rangieren dagegen deutlich weiter unten.
Diese Verschiebung ist bemerkenswert. Sie bestätigt eine Entwicklung, die sich bereits in der KAAD/IWM-Studie „Synodaler Weg – weltkirchliche Perspektiven“ abzeichnete. Auch dort zeigte sich, dass Kirche vor allem dort als relevant wahrgenommen wird, wo sie Räume öffnet, nicht dort, wo sie Positionen setzt. Während deutsche Reformdebatten oft um Machtstrukturen, Ämterfragen und Moralnormen kreisen, artikulieren Gläubige weltweit – und zunehmend auch in Deutschland – ein Bedürfnis nach spiritueller Verfügbarkeit ohne institutionellen Anspruch. Die Kirche wird nicht primär als moralische Instanz gesucht, sondern als Resonanzraum.
Das ist kein theologischer Nebenaspekt, sondern berührt den Kern kirchlicher Existenz. Wer Kirche auf Strukturreformen oder politische Wirksamkeit reduziert, verfehlt möglicherweise genau das, was Menschen heute – oft unausgesprochen – von ihr erwarten. Der Vergleich mit der MHG-Studie macht deutlich, wie unterschiedlich die Erkenntnisinteressen gelagert sind. Die MHG-Studie war eine schmerzhafte Analyse systemischer Ursachen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Sie hat Machtmissbrauch, klerikale Abschottung und Verantwortungslosigkeit sichtbar gemacht. Doch die Horváth-Studie macht deutlich, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kirche nicht ausschließlich durch die Missbrauchsskandale bestimmt wird. Austritte erfolgen zwar häufig aus finanziellen Gründen oder aus Empörung über institutionelles Versagen, doch sie bedeuten nicht automatisch eine innere Abkehr von allem, was Kirche verkörpert. Die Bevölkerung trennt erstaunlich klar zwischen Institution, Glauben und gesellschaftlicher Funktion. Die Horváth-Studie fragt nach ihrer äußeren Anschlussfähigkeit. Beide Perspektiven sind notwendig – doch sie wurden bislang zu selten zusammengeführt.
„Winterfest statt Weihnachten”
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Horváth-Studie betrifft die christlichen Feiertage. Nur knapp ein Viertel der Deutschen kann sich vorstellen, sie durch säkulare Alternativen zu ersetzen. Besonders deutlich ist der Generationenkonflikt: Während jüngere Befragte offener für ein „Winterfest statt Weihnachten“ sind, halten ältere Generationen mit großer Mehrheit an den christlichen Festen fest. Hier zeigt sich eine kulturelle Tiefendimension, die in kirchlichen Reformdebatten oft unterschätzt wird. Feiertage sind nicht nur arbeitsfreie Tage, sondern verdichtete Sinnspeicher. Sie verbinden Biografie, Familiengeschichte und kollektives Gedächtnis. Dass selbst viele Nicht-Religiöse an ihnen festhalten wollen, verweist auf eine symbolische Kraft, die weit über kirchliche Praxis hinausreicht.
Die Erkenntnisse der Horváth-Studie ergänzen jene der jüngsten PEW-Studie (siehe DT 15. Januar). Letztere kommt zu einem ähnlichen Befund. Auch in den USA gelten Kirchen – trotz stärkerer religiöser Polarisierung – als Träger sozialer Kohäsion, insbesondere dort, wo sie Rituale, Gemeinschaft und Verlässlichkeit bieten. Der Unterschied: In den USA wird diese Funktion stärker mit freiwilligem Engagement und lokaler Präsenz verbunden, während in Deutschland der institutionelle Rahmen stärker im Fokus steht – und damit auch stärker in der Kritik. Besonders deutlich ist in der Horváth-Studie der Wunsch, die Kirchen sollten sich auf soziales und karitatives Engagement konzentrieren.
Mehr als ein Drittel der Befragten nennt dies als oberste Priorität, gefolgt von Bildung und Erziehung. Spirituelle Angebote und Glaubensvermittlung spielen demgegenüber eine nachgeordnete Rolle. Dies kann auch damit zusammenhängen, dass die Kirche auf diesem Feld in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Kompetenz verloren hat. Während die Ressourcen in Sachen Bildung, Pflege und soziales Engagement sichtbar sind und gesellschaftlich wahrgenommen werden, ist die spirituelle Strahlkraft der Kirche in Deutschland geradezu marginal. Die Horváth-Studie macht über deren Wahrnehmung in der Gesellschaft also sichtbar, in welchem Zustand sie sich befindet und wo ihre sichtbaren Stärken liegen. Das ist einerseits Anerkennung, andererseits Zumutung. Anerkennung, weil Kirche dort geschätzt wird, wo sie konkret hilft. Zumutung, weil sie damit Gefahr läuft, auf eine Art religiöse Sozialagentur reduziert zu werden. Die US-Studie zeigt, dass Kirchen dort an Bindung verlieren, wo sie zwar sozial wirksam, aber geistlich unsichtbar werden. Auch die KAAD/IWM-Studie warnt vor einer Entkopplung von Caritas und Spiritualität.
Wofür steht die Kirche?
Besonders heikel ist der Blick auf die Finanzierung. Knapp die Hälfte der Deutschen lehnt staatliche Leistungen an die Kirchen ab, ein Drittel befürwortet sie weiterhin. Diese Ambivalenz spiegelt eine wachsende Erwartungshaltung: Wer öffentliche Mittel erhält, muss seinen öffentlichen Mehrwert erklären können. Die bloße Berufung auf Tradition reicht nicht mehr aus.
Die Horváth-Studie ist keine kirchliche Studie, sondern eine gesellschaftliche Standortbestimmung. Gerade darin liegt ihre Stärke. Sie zeigt, dass Kirche dort Bedeutung behält, wo sie nicht laut ist, wo sie nicht sich selbst erklärt, sondern Raum gibt, Orientierung ermöglicht und konkret hilft. Fazit: Die Krise der Kirche ist auch eine Deutungskrise. Die Frage lautet nicht nur, was die Institution tut, sondern wofür sie steht – und ob sie den Mut hat, das Eigene nicht im Modischen, sondern im Wesentlichen zu suchen. Für die Kirchen in Deutschland ist das eine unbequeme, aber hoffnungsvolle Diagnose. Denn was vermisst würde, wenn sie fehlten, ist nicht nichts. Es betrifft den eigentlichen Auftrag der Kirche: Menschen den Weg zum Leben zu weisen.
Die Autorin ist promovierte Theologin und Kirchenmusikerin.
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