Liberale Theologie ist ein Irrweg, der zu einem ausgehöhlten, leeren Glauben führt. Diese These hat Johannes Hartl, Gründer des Gebetshauses Augsburg, jüngst aufgestellt und in einem rund 35-minütigen Video auf seinem YouTube-Kanal verteidigt. Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten. Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat auf Hartls Video in einem ausführlichen Beitrag geantwortet. Die Vorwürfe: Zum einen bleibe im Vagen, wer und was mit „liberaler Theologie“ überhaupt gemeint sei, zum anderen zeige Hartl zu wenig Verständnis für das „zentrale religiöse Anliegen der liberalen Theologie“.
Der zweite Einwand widerlegt freilich schon den ersten. Denn offenbar weiß Fritz sehr wohl, was mit liberaler Theologie gemeint ist, auch wenn der Begriff in der Tat luftig ist und auf eine Vielzahl sehr unterschiedlicher theologischer Positionen zutreffen dürfte. Fritz bringt den Kern der von Hartl kritisierten liberalen Theologie wie folgt auf den Punkt: „Sie muss das Wesentliche des Christentums, das, worauf es wirklich ankommt im Glauben, immer wieder neu für die eigene Gegenwart beschreiben und dabei zwischen Tradition und Gegenwart vermitteln.“ Dazu aber, so Fritz, gehört auch, „Elemente des traditionellen Christentums zu relativieren oder auch zu negieren, weil sie für Zeitgenossen zu einer unübersteigbaren Glaubenshürde geworden sind (oder zu werden drohen)“.
Das ganze Elend der „liberalen Theologie“
Damit aber ist das ganze Elend der „liberalen Theologie“ fast pointierter auf den Punkt gebracht als in dem von philosophischen, theologischen und geistesgeschichtlichen Verweisen durchzogenen Video Hartls. Liberale Theologie im beschriebenen Sinne bedeutet die Bereitschaft, den Glauben in allen Punkten an die Welt anzupassen. Damit aber wird der Gedanke eines depositum fidei, eines göttlich hinterlegten und daher unantastbaren Glaubensgutes, abgeschafft. Wenn die Glaubensinhalte beliebig form- und veränderbar sind, dann ist göttliche Offenbarung durch menschliche Konstruktion ersetzt worden. Fritz argumentiert, dass viele Christen von sich sagten, „dass sie nur dank der liberalen Theologie an ihrem Glauben festhalten konnten.“ Festgehalten haben diese Menschen dann aber nur an sich selbst, am eigenen Geschmack, an den eigenen Vorlieben, nicht am Gottmenschen Christus und dem, was er uns offenbart hat und seine Jünger uns überliefert haben. Wer sein eigenes Bild von Gott an die Stelle des von Gott von sich selbst Offenbarten setzt, kann höchstens dem Namen nach „Christ“ sein.
Wären die Jünger liberale Theologen im Sinne Fritzens gewesen, wäre das Christentum zerfallen, bevor es entstand. Der Gedanke an einen menschgewordenen, gekreuzigten Gott war für die Zeitgenossen Jesu eine Zumutung, die größer nicht hätte sein können: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir gerettet werden, ist es Gottes Kraft“, schreibt Paulus im ersten Korintherbrief (1,18); das zentrale Ereignis des Christentums sei „den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ (1,23). Wenn Fritz bezweifelt, dass „das Christentum zum Beispiel mit dem Fürwahrhalten der Jungfrauengeburt Jesu stehen und fallen“ sollte, weil es dann „für viele Zeitgenossen von vornherein obsolet“ würde, verkennt er völlig, dass das Christentum aus westlicher Sicht von Anfang an ein Skandal war.
Das Christentum - aus westlicher Sicht von Anfang an ein Skandal
Und doch ist dieser Skandal namens Christentum auch rational zu verteidigen, da er die Wahrheit ist. Auch hier ist an ein Paulus-Wort zu erinnern: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ (1 Kor 15,13–14) Die Anzahl an gewichtigen Arbeiten, die aus Philosophie, Theologie, Bibelwissenschaft und Geschichte gerade auch in den letzten Jahrzehnten und Jahren zur Verteidigung christlicher Wahrheit vorgelegt worden sind, ist groß. Unter dem Label „liberale Theologie“ wird man sie allerdings nicht finden.
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