Jesus bildet ein kirchliches Bewusstsein seiner Jünger, indem er sie „definiert“: Ihr seid Salz der Erde, Licht der Welt. Ihm ist daran gelegen, dass sie eine Gemeinschaft mit klarer Identität bilden, denn nur so können sie ihre Mission in der Welt erfüllen. Im Gegensatz zur Definition nach „innen“ (Mt 23, 8: „Ihr alle seid Brüder“) ist hier die Definition nach „außen“ gerichtet. Die Jünger sind für die Welt unersetzlich und ihre Rolle entspricht der des Salzes für die Speise. Umso mehr stehen sie unter dem Risiko des Versagens. Ihr Verfehlen der eigenen Sendung wiegt schwer und stellt vor allem ihre Identität in Frage, was ein Gericht nach sich zieht. Mit dem Bild des Salzes korreliert das des Lichtes.
Verweist das Salz auf die missionarische Aufgabe, proaktiv zu wirken, stehen die Bilder von Licht und Stadt auf dem Berg eher für die Anziehungskraft der Kirche beziehungsweise der Jüngergemeinschaft Jesu, in Erinnerung an die Völkerwallfahrt von Jes 2, 2–5. Die Kirche soll so leuchten, dass die Menschen zu ihr kommen. Das tut sie nicht kraft eigenen Lichtes, sondern sie erhält es von dem, der sie konstituiert hat. Genauso sind die guten Werke keine Selbstdarstellung, sondern Folge des auf Lob Gottes gerichteten Glaubens.
Beim Salzsein geht es nicht um etwaige geistige Vorzüge der Christen. Der heilige Chromatius, Bischof von Aquileja im 4. Jahrhundert, sieht darin vielmehr die Weisheit des Evangeliums beziehungsweise den Glauben an sich, indem er die verändernde und erhaltende Kraft des Salzes hervorhebt. Freilich, mit solchen Schätzen ausgestattet, könnten die Christen sie auch verwirken und „zur Torheit der Heiden zurückkehren“. Das genau bedeute, schal zu werden.
Eine Chance zum Richtungswechsel
Der christliche Glaube ist ein Mehrwert, den man auch verlieren kann. Wie fremd klingen solche Worte im Zeitalter der kirchlichen Leisetreterei und der Identitätsverunsicherung des übrig gebliebenen „Salzes“. Einerseits wird heute der Beitrag der Christen zum Gemeinwohl der Gesellschaft heraufbeschworen, andererseits scheint es, dass es keinen Unterschied mehr macht, Christ zu sein, denn jeder definitorische Versuch, der notwendigerweise die Bestimmung einer Besonderheit implizieren müsste, könnte mit dem Hinweis auf die grundsätzliche Gleichheit aller religiösen und nichtreligiösen Überzeugungen und Weltanschauungen beschwichtigt werden.
Das heutige Evangelium ist eine Chance zum Richtungswechsel: Ja, die Christen wollen und sollen diese Welt mit- und umgestalten, aber nicht, indem sie durch ihre Anpassung jede Störung des Systems vermeiden, vielmehr, indem sie das werden, was sie sind: Salz und Licht, um diese Welt auf christliche Weise zum Heil zu führen.
Jesaja 58, 7–10
1 Korinther 2, 1–5
Matthäus 5, 13–16
Zu den Lesungen des 5. Sonntags im
Jahreskreis 2026 (Lesejahr A)
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