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Die Kirche der französischen Könige

Fernab von den sonstigen Pariser Sehenswürdigkeiten erwartet die Besucher im Vorort Saint-Denis ein sakraler Prachtbau mit reicher Geschichte.
St Denis
Foto: Andreas Drouve | Blick vom Altar Richtung Mittelschiff der Kathedrale von St. Denis.

Die Kathedrale Notre-Dame – ein Höhepunkt in Paris, keine Frage. Die Basilika Sacré-Cœur auf dem Montmartre – ebenfalls ein Klassiker. Doch die wenigsten Besucher haben die Kathedrale Saint-Denis auf dem Radar, die im Norden von Frankreichs Hauptstadt liegt. Die zur Metropolregion gehörende Vorstadt Saint-Denis ist ein sozialer Brennpunkt und doch einen Besuch wert: Über alle Stürme der Zeiten erhaben, bestimmt dort nämlich die Kathedrale das Bild. Geweiht ist sie Saint-Denis, auf Deutsch: dem heiligen Dionysius, einem Glaubensboten, der das Evangelium in Gallien predigte. Er avancierte vermutlich zum ersten Bischof von Paris, war den Christenfeinden ein Dorn im Auge und erlitt um 250 sein Martyrium durch Enthauptung. Das Gotteshaus, so sagt man, steht genau am Ort eines gallorömischen Friedhofs mit dem Grab des Heiligen.

Der Gedenktag für Dionysius, den fränkischen Reichspatron und einen der Vierzehn Nothelfer, ist der 9. Oktober. Die Überlieferung will, dass Dionysius nach dem gewaltsamen Tod seinen abgetrennten Kopf vom Boden aufhob, ihn unter den Arm nahm und einer frommen Adelsfrau übergab. Dargestellt ist er gewöhnlich in bischöflichen Gewändern und trägt sein abgeschlagenes Haupt. Verehrt wird er als Patron gegen Kopfschmerzen und Seelenleiden – aber auch bei Hundebissen und Syphilis ruft man ihn an.

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Die eintürmige Kathedrale Saint-Denis erhebt sich über einem weiten, freien Platz. Es tut wohl in den Zeiten von Übertourismus, dass sie nicht überlaufen ist wie Notre-Dame und Sacré-Cœur. Oft stellen Schulklassen den höchsten Besucheranteil und bekommen praktischen Anschauungsunterricht der Geschichte vor der eigenen Haustür.

Der Blick in die lange, wechselvolle Historie zeigt den Bau einer ersten Wallfahrtskirche im 5. Jahrhundert. Später erhielt sie generöse Spenden durch Dagobert I.; König Pippin der Jüngere ließ sich hier 754 salben. Später stieg Saint-Denis zu einer der mächtigsten Benediktinerabteien des Mittelalters auf. Dazu liest man in der Chronik: „Im 12. Jahrhundert war Suger, der Abt von Saint-Denis, eine einflussreiche politische Persönlichkeit. Er machte die Abtei zu einem Meisterwerk, das man später als Initialbau der Gotik bezeichnete. Er veranlasste den Neubau des Gebäudes nach neuen Techniken (Rosette, Kreuzrippengewölbe u. a.), die dessen Durchflutung mit buntem Licht ermöglichten.“ Verbürgt ist, dass die Basilika im 13. Jahrhundert unter Ludwig dem Heiligen nach erneuten Baufortschritten ihr heutiges Aussehen erhielt. Doch auf den Aufschwung folgte der Niedergang. Kriege und Revolutionen setzten dem Bauwerk zu, das im 19. Jahrhundert umfassend restauriert und 1966 zur Kathedrale erhoben wurde.

Royale Grablege

Was mit feinen Türbeschlägen und Portalreliefs beginnt, setzt sich im Innern mit mächtigen Bündelpfeilern und einer Flut an Buntglasfenstern fort, die beim Eintritt in den Bann ziehen. In der Kirche fanden ab dem Frühmittelalter die meisten französischen Könige ihre letzte Ruhe. In Zahlen ausgedrückt: Hier liegen 43 Könige, 32 Königinnen sowie über 60 Prinzen und Prinzessinnen begraben. Die Skulpturen sind kostbare Kulturschätze. Um sie zu sehen, muss man den gebührenpflichtigen Bereich betreten und elf Euro bezahlen. Eine lohnende Investition.

Wer sich jemals mit französischer Geschichte befasst hat, trifft an den Grablegen viele bedeutende Protagonisten wieder. Weniger bekannt mag König Dagobert I. (um 610–639) sein, dessen Ruhestätte neben den Reliquien des heiligen Dionysius platziert wurde. Das prächtige Mausoleum, wo ein Relief ganz oben den segnenden Christus zwischen Dionysius und dem heiligen Martin von Tours zeigt, stammt aus späterer Zeit.

Unter der Vielzahl prominenter Persönlichkeiten ist etwa Karl Martell (um 688–741) zu nennen, der 732 durch den Schlachtensieg bei Tours und Poitiers über die Mauren das Frankenreich vor der islamischen Expansion bewahrte. Barfuß auf ihren Grabmälern dargestellt sind die Liegefiguren von Franz I. (1494–1547), der aus der Weinbrandstadt Cognac stammte und als Wegbereiter des französischen Absolutismus gilt, und seiner Gemahlin Claude de France (1499–1524).

Ein Herz in der Krypta

Vierzehn Stufen führen hinab in die Krypta, wo sich weitere Ruhestätten finden. Das längliche Grabgewölbe der Bourbonen hat eine prägnante Raumwirkung. Über dem Boden zeigen uniforme schwarze Platten die Begräbnisplätze von Ludwig XVI. (1754–1793), der die Finanzkrise der Monarchie nicht lösen konnte, und seiner Frau, der aus Österreich stammenden Marie-Antoinette (1755–1793); im Zuge der Französischen Revolution wurden beide im Abstand von neun Monaten hingerichtet. Über die Entfremdung zum hungerleidenden Volk ist Marie-Antoinette ein Ausspruch in den Mund gelegt worden, den sie jedoch niemals gesagt haben soll: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen.“

Eine mit blauem Samt ausgelegte Nische mit einer Glasurne enthält das in Alkohol eingelegte Herz des Kronprinzen Ludwig XVII.; wobei der etwas unförmige, hellbraune Inhalt für Nicht-Spezialisten schwer als menschliches Organ identifizierbar ist. Der 1785 geborene Ludwig gelangte allerdings nie an die Macht. Er starb mit zehn Jahren.

Ludwig XVIII. war 1824 der letzte hier begrabene König. Was in der Krypta ebenfalls auffällt, sind kunstvolle Kapitelle und schmiedeeiserne Gitter. Das charakteristische Königswappen mit drei Lilien sieht man auf einem Buntglasfenster.
Zurückgekehrt aus der Krypta in den Kirchenraum, kann man sich auch dort den Buntglasfenstern zuwenden und sie in Ruhe betrachten. Die Motive reichen von der Wurzel Jesse über die Apokalypse bis zu den Martyrien des heiligen Vinzenz und des heiligen Stephanus, der auf Französisch Saint Étienne heißt.

Zwei Hündchen, ein Löwe

Typische Darstellungen an diversen Grabskulpturen sind – zu Füßen der Dame – zwei Hündchen als Zeichen der Treue und – zu Füßen des Mannes – ein Löwe als Symbol der Stärke. Im Chorumgang trifft man erneut auf Ludwig XVI. und Marie-Antoinette, diesmal als Figuren in festlicher Tracht. Die Faltenwürfe der Gewänder strahlen eine erhabene Eleganz aus; der König hat seine Hände zum Gebet gefaltet. Ein weiterer Blickfang ist das Mausoleum von Heinrich II. (1519–1559) und Caterina de’ Medici (1519–1589); ihre Liegefigur ist nicht nur „oben ohne“ dargestellt, sondern auch „ganz unten ohne“, nämlich barfuß. Auch Ludwig XII. (1462–1515) und Anne de Bretagne (1477–1514) tragen als Zeichen christlicher Demut kein Schuhwerk.

Wer die vielen Eindrücke aus der Kathedrale in einem Café in Saint-Denis etwas sacken lassen möchte, wird sich freuen: Dort ist es weder so voll noch so teuer wie in den touristischen Hochburgen rund um Notre-Dame und Sacré-Cœur.

Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt seit vielen Jahren in Spanien und ist auf Reisethemen spezialisiert.

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