Vor dem Kaffeestand liegt ein zusammengefalteter 50-Euro-Schein auf dem Boden. Ein junger Mann hebt ihn auf und rennt hinter dem älteren Mann her, aus dessen Tasche er gefallen ist. Der Ältere bedankt sich. „So etwas passiert wirklich nur auf der MEHR“, kommentiert leise eine Frau, die in der Schlange für Kaffee ansteht. Pausenlos schieben sich Jugendliche, Familien mit Kleinkindern, der Sicherheitsdienst oder auch „Promis“ wie der ehemalige WELT-Journalist Robin Alexander an ihr vorbei. 11.000 Menschen haben sich in der Neujahrswoche auf dem Augsburger Messegelände versammelt – „um im Glauben neue Leidenschaft zu entdecken“, wie es der Veranstalter, das Gebetshaus Augsburg, formuliert. In diesem Jahr steht die Konferenz unter dem Motto „The Sound of Joy“.
Neben dem Kaffeestand gibt es christliche Bücher zu erwerben, Taschen oder Jutebeutel mit Bibelzitaten darauf und einfarbige Sweatshirts mit geschwungenen Schriftzügen. „Faith“ steht hochkant und schwarz auf weiß auf einem. Hier präsentieren sich christliche Medien, Organisationen und Initiativen. Neben der Hallentür informiert eine junge Frau an ihrem Stand über die Organisation „Mercy Ships“. Wer interessiert stehen bleibt, dem bietet sie mit strahlendem Lächeln Flyer und Broschüren an. „Auf der MEHR-Konferenz versammeln sich Christen mit einer unglaublichen Offenheit. Sie wollen ihren Glauben in die Tat umsetzen und sind bereit dazu, für Jesus etwas zu investieren. Und genau diese Menschen brauchen wir und suchen wir für unsere Hospitalschiffe“, begründet die Frau ihre Anwesenheit.
Lobpreis aus 8.000 Kehlen
Nun wird es leerer an den Ständen. Gleich beginnt der Lobpreis, darum strömen die Teilnehmer zum „MEHRauditorium“, der großen Veranstaltungshalle mit Bühne. Kleinkinder schlafen mit Gehörschützern auf den Ohren in den Armen ihrer Eltern. Ein junger Mann aus der Nähe von Amberg sichert sich gerade einen der letzten Sitzplätze. Er ist mit seiner Mutter zur MEHR gekommen, wegen der „sehr guten Vorträge und dem sehr guten Lobpreis“. Er schätze die gelebte Ökumene, welche die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht ignoriere: „Wir fokussieren uns gemeinsam auf Jesus“, sagt er.
Scheinwerfer jagen nun rote Lichtstreifen quer durch den Saal. Über den Köpfen spannt ein schwarzes Kabel, an dem eine Kamera systematisch von links hinten nach rechts vorne fährt. Der Lobpreis mit Veronika Lohmer und ihrer Band beginnt mit zwei ruhigen Taizé-Liedern, „um in Gottes Gegenwart anzukommen“, wie der junge Moderator vorher erklärte. Lohmer singt mit sanfter und andächtiger Stimme „Confitemini Domino, Quoniam Bonus“. Auf den Bildschirmen ist der Text eingeblendet, inklusive deutscher Übersetzung: „Ich bekenne mich zum Herrn, denn er ist gut“. Mehrmals wiederholt Lohmer den lateinischen Gesang. Nach und nach stimmen die mindestens 8.000 Anwesenden mit ein.

Gott will nicht deine Großartigkeit
Die MEHR-Konferenz organisieren der Theologe und Gebetshausgründer Johannes Hartl und sein Team seit dem Jahr 2008. Um dafür zu sorgen, „dass das Wichtigste das Wichtigste bleibt“, erklärt er im Gespräch mit der „Tagespost“ seine Beweggründe für das mittlerweile größte ökumenische Glaubensfestival im deutschsprachigen Raum. Hartl selber hält während der MEHR täglich einen Vortrag. Jesus sage zu uns: „Was ich wirklich von dir will, ist nicht deine Großartigkeit, sondern deine Bereitschaft, dich von mir lieben zu lassen. Ich glaube, dass unsere Weigerung, uns lieben zu lassen, tiefer ist, als wir denken“, adressiert er sich am ersten Tag an die Teilnehmer.
Jedes Jahr kommen prominente Redner zur MEHR – die ihren christlichen Glauben nicht vor der Öffentlichkeit verstecken. In diesem Jahr gehört dazu Tini Brüning, die bei dem katholischen Sender K-TV arbeitet. Sie trägt ein knallrotes Oberteil und dazu eine Stoffhose sowie Ohrhänger im gleichen dunkelblauen Farbton. Für sie sei es wesentlich gewesen, zu verstehen, dass sie als Mensch keine Maschine ist. „Die Welt ist oft so, dass wir funktionieren müssen. Und dann übertrage ich dieses Konzept auch auf mein christliches Leben“, spricht sie ins Mikrofon. „Aber ich glaube, und das lehrt auch die Kirche, wir sind eine Einheit aus Leib und Seele.“ Die Seele sei der Ort, wo Menschen angreifbar und bedürftig seien. „Unsere Seele ernährt sich von dem Wort Gottes und Beziehungen. Das können wir uns nicht selber nehmen. Das ist Geschenk.“ Ihre Bedürftigkeit zu akzeptieren, sei in ihrem Leben ein „totaler Durchbruch“ gewesen, sagt Brüning.

Johannes Hartls „Zwillingsbruder”
John Eldredge, Autor des Bestsellers „Der ungezähmte Mann“, ist aus Colorado in den USA angereist. „Die atemberaubende Neuigkeit ist: Eine Seele wird heil durch die innige Verbindung mit Christus. Das ist das Beste, was man an Nachrichten bekommen kann, und steht uns täglich zur Verfügung“, erklärt er dem Publikum. Wieder sind alle Sitzplätze belegt, sodass an den Rändern Menschen stehen müssen. Wenn gerade kein Vortrag oder Konzert stattfindet, warten dort „Gebetsteams“. Wer möchte, darf zu ihnen gehen und für sich oder ein spezielles Anliegen beten lassen.
Weihbischof Florian Wörner und der Augsburger Bischof Bertram Meier feiern in der großen Halle am Sonntag und am Dienstag Eucharistiefeiern, am Montag gibt es einen evangelischen Gottesdienst mit Landesbischof Tobias Bilz aus Sachsen. Weihbischof Wörner ist gleichzeitig Bayerns „Jugendbischof“ – passend zu den vielen jungen Erwachsenen und Berufseinsteigern auf der MEHR, zu denen auch Samuel Hartl gehört, der Sohn von Johannes Hartl. „Ich bin der Zwillingsbruder von Johannes“, witzelt am Sonntag Mojtaba Barahimi. Der Iraner, welcher seine Geschichte als verfolgter Christ teilt, sieht Hartl tatsächlich ähnlich. „Nur halt die persische Version“, erläutert Barahimi. Drei Jahre lang saß er in Haft. „Es wurde eine Reise mit Jesus, der an meiner Seite selbst gelitten hat. Ich ging den Leidensweg mit ihm, durch die Kraft seiner Auferstehung“, erzählt er.

Am Abend bebt die große Halle. Auf der Bühne stehen die christlichen Rapper „O’Bros“ – beziehungsweise hüpfen. Begleitet von Bässen und Gitarrenmusik singen sie Verse wie „Ja, ich weiß, es wird alles gut. Wenn ich auf deinen Schultern nach den Sternen greif“. Die Menge singt und jubelt dazu. Wem das zu laut ist, der kann in den „Raum der Stille“ ausweichen. Dort ist während der Konferenz meistens das Allerheiligste ausgesetzt. „Jesus wird an Weihnachten einer von uns, damit wir zu ihm kommen“, predigt Bischof Wörner am Sonntagnachmittag. „Die Kirche hat von Gott den Auftrag erhalten, ihn bis an die Grenzen der Erde zu tragen. Ihn auch heute sichtbar, hörbar, berührbar werden zu lassen.“ Die MEHR in Augsburg ist wohl ein Puzzleteil in diesem Auftrag.
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