Der römische Kollege ist fast erstaunt, mit welcher Konsequenz Papst Leo Hinterlassenschaften seines Vorgängers einkassiert. Den Fall hatten wir schon einmal, und zwar den von Pater Enzo Fortunato – er lieferte im Sommer bereits den Titel für diese Kolumne: „Der glücklose Franziskaner“. Denn „Fortunato“ heißt eigentlich „der Glückliche“, aber bei dem Pater lief es umgekehrt. Er leitete das Pressebüro des Franziskaner-Konvents in Assisi und verlor diesen Job, als Mauro Gambetti, bis dahin Generalkustos des Mutterhauses der Franziskaner, Kardinal und Erzpriester der Petersbasilika wurde. Gambetti holte seinen Ordensbruder nach Rom und verschaffte ihm bei Papst Franziskus die klangvolle Position des Präsidenten eines für ihn geschaffenen Päpstlichen Komitees für die Weltkindertage – mit eigenem Sekretariat und Budget. Doch aus „Fortunato“ wurde ein „Sfortunato“ (Glückloser): Zuerst gliederte Papst Leo dieses Komitee im August dem Dikasterium für die Laien, Familie und das Leben ein – und hat es jetzt endgültig aufgelöst, womit Pater Enzo und sein Team nun überflüssig sind.
Wir sitzen in der Trattoria „Giggi Vaticano“, gegründet von Luigi (Giggi) Tondinelli, der bis in die 90er-Jahre in einigen italienischen Filmen mitgespielt hat – etwa in Federico Fellinis Komödie „Ginger und Fred“ von 1986. Viele Größen der Leinwand hängen hier noch immer an der Wand, fotografiert mit dem Chef des Hauses, dessen Spezialität, „Spaghetti alla grigia de Giggi“, wir uns gerade schmecken lassen. Nach Giggis Tod führte die Tochter Floriana die Trattoria weiter und hält das fotografische wie kulinarische Erbe ihres Vaters hoch. Nach der Pasta lassen wir ein „spezzatino“, Gulasch mit Linsen und Bohnen, kommen. Sehr römisch … Doch gibt es übrigens an einigen Tagen bei Floriana ganz auf die deutsche Art auch richtige Leberwurst.
Brücke für die Päpste
Pater Fortunato war ein gefragter Medienmann, fast ein Star, oft zu sehen beim staatlichen Sender RAI und wie der Jesuit Antonio Spadaro ein leidenschaftlicher Franziskus-Erklärer – gemeint ist der verstorbene Papst, nicht der Poverello von Assisi. Ganz im Stillen wirken dagegen die Basilianermönche der Territorialabtei Santa Maria in Grottaferrata vor den Toren Roms, die uns bei unseren Tischgesprächen bereits beschäftigt hat. Denn die Abtei ist in ihrer Art einzigartig, da sie seit Jahrhunderten den byzantinisch-griechischen Ritus und die östliche Klostertradition bewahrt, obwohl sie seit jeher in Gemeinschaft mit dem Papst steht: Sie wurde 1004 gegründet, also vor dem Bruch zwischen Rom und Konstantinopel, und ist im Laufe der Zeit eine von den Päpsten geschätzte Brücke zwischen Ost und West geblieben. Jetzt hat Papst Leo nach 13-jähriger Vakanz der Abtei einen Apostolischen Exarchen gegeben, den spanischen Benediktiner Manuel Nin Güell, der zuletzt Apostolischer Exarch und Bischof für die Katholiken des byzantinischen Ritus in Griechenland war.
Auch damit endet eine Anomalie: Papst Franziskus hatte Marcello Semeraro zum Apostolischen Administrator der Abtei in Grottaferrata eingesetzt, weil dieser Bischof im benachbarten Albano war, aber auch, als er als Kardinal an die Spitze des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungen wechselte, weder ein besonderes Interesse am Ordensleben noch für die östliche Tradition der Kirche zeigte. Ganz anders Papst Leo, der sich von der Schönheit der östlichen Traditionen Impulse auf die Liturgien des Westens erhofft, wie er vor den Hilfswerken für die Ostkirchen bekräftigt hat. Darauf nehmen wir einen kräftigen Amaro und geben der Trattoria ganze zehn Punkte – natürlich im Andenken an den alten Giggi, der uns von den Wänden zugeschaut hat.
Die „Trattoria Vaticano Giggi“ liegt tatsächlich in Vatikannähe, in der Via Catone, Hausnummer 10.
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