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„Ein Schlag ins Gesicht aller wirklichen Opfer“

Der „Neue Anfang“ kritisiert Bischof Bätzing für die Aufnahme von Wolfgang Rothe in den DBK-Betroffenenbeirat und fordert die Hirten zum Handeln auf.
Wolfgang F. Rothe
Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber (www.imago-images.de) | Vertritt im DBK-Betroffenenbeirat die Interessen von Opfern sexuellen Missbrauchs: Wolfgang F. Rothe, hier auf einer Demonstration.

Die Initiative „Neuer Anfang“ hat am Mittwoch die Aufnahme des im Erzbistum München tätigen Geistlichen Wolfgang Rothe in den Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz kritisiert. Zuvor hatte das Magazin „Cicero“ ausführlich über den Geistlichen, der mehrfach beim Münchner Christopher Street Day auftrat und durch Segnungen homosexueller Paare medial bekannt wurde, berichtet. Im Jahr 2004 stand Rothe nach Darstellung des Magazins als Subregens und somit stellvertretender Leiter des Priesterseminars in St. Pölten im Zentrum eines Skandals, der die Presse monatelang beschäftigte und über den sowohl Bischof Krenn als auch Subregens Rothe ihre Ämter verloren. Am 12. Juni 2004 sei im österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ zu lesen gewesen, dass sowohl der Seminarleiter wie auch sein Vize, Wolfgang Rothe, sexuelle Beziehungen zu Seminaristen unterhielten.

Rothe habe gegen den Verlag von „Profil“ geklagt, aber das Wiener Landesgericht – so „Cicero“ – wies am 15. September 2005 die Klage ab. Nach eingehender Prüfung verschiedener Zeugenaussagen habe das Gericht es für erwiesen gehalten, dass der Antragsteller eine homosexuelle Beziehung zu einem Seminaristen unterhalten habe, die er offen im Priesterseminar ausgelebt habe. Die Berichterstattung sei daher gerechtfertigt. „Cicero“ berichtete: Rothe ging gegen das Urteil in Berufung, scheiterte aber. Das Wiener Oberlandesgericht bestätigte demnach am 28. Juni 2006 das Urteil der ersten Instanz. Rothe zog vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – und unterlag auch dort mit seinem Versuch, die Veröffentlichungen zu unterbinden. Viele sind weiterhin online.

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Die Kritik des „Neuen Anfangs“ richtet sich vor allem gegen die mangelnde Sensibilität gegenüber Missbrauchsbetroffenen. Bernhard Meuser, Mitbegründer des „Neuen Anfang“ und der Theologe Gabriel Weiten, die beide als Jugendliche Opfer von geistlichem und sexuellem Missbrauch wurden, kritisieren die Personalie mit Nachdruck. Die Nachricht von der Berufung Rothes in den DBK-Betroffenenbeirat im Dezember 2024 empfanden sie „als Schlag in die Magengrube“. Die Website der Initiative zitiert Gabriel Weiten: „Wie auf Knopfdruck waren die Albträume wieder da. Die waren zuvor tatsächlich weg, seit klar war, dass mein Täter wegen seiner Vergehen aus dem Priesterstand entlassen wurde.“ Bernhard Meuser ergänzte: „Wir dachten: Da muss ein Irrtum vorliegen und wandten uns an den Betroffenenbeirat.“ Beide seien allerdings mit ihren Protesten „abgeblitzt“. Die Initiative zitiert Meuser und Weiten: „Wir liefen gegen eine Wand. Es wurde gemauert, abgewiegelt und totgeschwiegen, und zwar auf allen Ebenen der Deutschen Bischofskonferenz, den Vorsitzenden der DBK nicht ausgenommen.“

Vor dem Hintergrund der Zusage Bischof Bätzings bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe im Jahr 2023, Missbrauchsfälle transparent aufzuarbeiten, bezweifeln Meuser und Weiten nun die Glaubwürdigkeit der Beteiligten: „Was sind aber diese markigen Worte wert, wenn die Deutsche Bischofskonferenz es nicht einmal schafft, dass ihre ‚Verfahren‘ als Täter beschuldigte Personen vom Betroffenenbeirat ausschließen? Hätte der Vorsitzende am Ende des ‚Verfahrens‘ nicht die moralische Pflicht gehabt, zu intervenieren und einen offensichtlichen Systemfehler des ‚Verfahrens‘ zu korrigieren?“

Auch Proteste beim Betroffenenbeirat selbst seien letztlich erfolglos verlaufen, obwohl das Gremium über die mehrfach gerichtlich bestätigten Vorwürfe gegenüber Rothe schriftlich informiert wurde. Darüber hinaus hätten Meuser und Weiten dem Sprecher des Betroffenenbeirats, Johannes Norpoth, ihre Einschätzung mitgeteilt: „Wir halten die Berufung für eine fatale Fehlentscheidung, gegen die Sie schleunigst vorgehen sollten. Diese Entscheidung ist gleich in mehrfacher Hinsicht unerträglich.“ Sie sei „ein Schlag ins Gesicht aller wirklichen Opfer“. In einem Schreiben an alle deutschen Bischöfe, das dieser Zeitung vorliegt, fordern Meuser und Weiten Konsequenzen. Es sei aus Opfersicht „ein unerträglicher Skandal“, dass Bischof Bätzing „ohne jeden Einwand seines Gewissens“ – die Unterschrift zu Rothes Ernennung geleistet habe. Wörtlich heißt es in dem Brief: „Es ist ein ebensolcher Skandal, dass der scheidende Vorsitzende nach wie vor behauptet, dass er keinerlei sittliche Verantwortung für seine Unterschrift trägt.“

Gegen die Berufung Rothes in den Betroffenenbeirat hatte der Münchner Kardinal Reinhard Marx protestiert, in dessen Erzbistum Rothe gegenwärtig tätig ist. Bereits im Dezember 2024 hatte der „Neue Anfang“ dem scheidenden DBK-Vorsitzenden Bätzing kritische Fragen bezüglich der Berufung Rothes schriftlich vorgelegt. Eine Anfrage dieser Zeitung um Stellungnahme an den Pressesprecher der deutschen Bischöfe blieb unbeantwortet. (DT/reg)

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