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Pontifex politicus – der Brückenbauer aus dem Kanzleramt

Eine Gesellschaft braucht für ihre funktionierende Infrastruktur nicht nur Brücken, sondern auch Kirchen.
Feuilletonredakteur Henry C. Brinker, Friedrich Merz
Foto: DT / IMAGO / Rüdiger Wölk | Großer Brückenbauer? Immerhin die Rahmedetalbrücke konnte Friedrich Merz nun eröffnen. Begonnen wurde der Bau allerdings in der Amtszeit seines Vorgängers.

Es war DAS Großereignis kurz vor Weihnachten: Die neu errichtete Rahmedetal-Brücke der viel befahrenen Sauerlandlinie als Verkehrsschlagader des Ruhrgebiets wurde freigegeben. Noch ist das Bauwerk nicht vollständig nutzbar, aber Erleichterung und Freude waren greifbar, als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Verkehrsminister und viele Beteiligte mehr das Ereignis feierten. Sogar ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher gaben der Straße auf Stelzen ihren Segen.

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Ein einziges gelungenes Infrastrukturprojekt soll in schwierigen Zeiten deutsche Kompetenz und Leistungsfähigkeit am Bau dokumentieren. Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen – sie waren für einen Moment fast vergessen, wenn nicht einige Spielverderber in den Medien auch daran erinnert hätten. Trotzdem: Das ikonische Brücken-Bauwerk, das unverzichtbare Verbindungen schafft und die Wirtschaft am Laufen hält, war an Symbolkraft kaum zu überbieten. Dabei sind es mindestens 8000 Brücken, die noch saniert oder wiedererrichtet werden müssen. Friedrich Merz könnte zum Brückenkanzler werden, Pontifex politicus.

Mit einer anderen Entwicklung von Bauwerken möchte der ostwestfälische Christdemokrat wahrscheinlich nicht so gern in Verbindung gebracht werden. Zwar geht es auch um Verbindungen und Infrastruktur, aber weniger um Verkehr und Wirtschaft. Vielmehr ist die geistig-geistliche Infrastruktur Deutschlands betroffen. Allein die katholische Kirche hat im letzten Jahr 66 Kirchen für immer geschlossen oder sogar abgerissen, in diesem Jahr waren es mindestens 46. Von den weit über 40.000 katholischen und evangelischen Gotteshäusern müssen in den nächsten Jahren sicher 20 Prozent geschlossen werden. Damit entspricht die Zahl der von der Schließung bedrohten Gotteshäuser in etwa der Zahl der zu sanierenden Straßenbrücken.

Auch die geistliche Infrastruktur ist erhaltenswert

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob für eine Gesellschaft mit ihren Verbindungen und ihrem inneren Zusammenhalt Autobahnbrücken oder Kirchenbauten wichtiger sind. Wahrscheinlich ist, dass es beide Lebensadern braucht, damit Gesellschaft funktionieren kann. Der Hauptunterschied ist, dass sich der Brückenbau mit aufmerksamer Beteiligung und im breiten Konsens fast der gesamten Gesellschaft vollzieht – als Erhaltungsmaßnahme, als Zukunftsprojekt. Anders ist es bei den Kirchen. Mit Blick auf die kommende Neujahrsansprache des Bundeskanzlers möchte man sich wünschen, dass Friedrich Merz auch daran erinnert, dass es neben der verkehrstechnischen auch noch eine geistig-geistliche Infrastruktur gibt, die erhaltenswert ist. Und das gilt in besonderem Maße aus der Perspektive christlicher Politik. Merz ist nicht zuständig für Kirchenaustritte und den Zustand der Kirchenbauten. Aber er sollte klarmachen, dass ihn auch dieser Aspekt gesellschaftlicher Entwicklung umtreibt.

Dankenswerterweise erinnerte Bundespräsident Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache an das christliche Licht, das Mut macht, und erwähnte als besonders wirkmächtige Beispiele die Pfadfinder mit ihrem Bethlehem-Licht und die Sternsinger mit ihrer Haussammlung. Ein Kanzler, der den Kirchen im Land trotz allem Mut macht, mehr den Erhalt und Aufbau als die Schließung und den Abriss in den Fokus zu nehmen: Das wäre doch ein würdiger Impuls zum Ende eines komplizierten Jahres 2025, sicher auch zur Freude des Pontifex maximus.

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