Vor fast 100 Jahren lebten in Bayern, im Dorf Marktl, ganz nah an der Grenze zu Österreich, zwei Kinder: Sie hießen Maria und Georg und wohnten mit ihren Eltern in einem weißen Haus mit gelben Bemalungen und braunen Fensterläden. Ihr Vater arbeitete als Polizist. Ihre Mutter war früher Köchin gewesen und kümmerte sich jetzt um das Haus und die Kinder. Maria war fünf Jahre alt und Georg zwei. Obwohl in wenigen Tagen Ostern war, lagen ihr Dorf und auch die Berge, die es umringten, in tiefem Schnee. Draußen war es klirrend kalt.
Eines Morgens, es war Karsamstag, hatten ihre Eltern eine wundervolle Überraschung für Maria und Georg: Ihr kleiner Bruder war in der Nacht zur Welt gekommen! Er hieß Joseph, genau wie ihr Vater. Gleich am Vormittag wurde er getauft. Maria und Georg durften in der Kirche nicht dabei sein, weil es so kalt war. Sie waren darüber traurig. Doch die Eltern hatten Sorge, dass sie sich erkälten könnten.
Der Teddybär im Schaufenster
Die Familie war glücklich. Sie hatten wenig Geld, doch sie liebten sich. Die Mutter war sehr liebevoll. Der Vater war streng, denn er wollte den Kindern beibringen, was gut und was schlecht ist im Leben. Auch waren sie umgeben von lieben Freunden, denen sie halfen und die ihnen halfen. Sie feierten Feste und gingen häufig in ihre kleine Kirche in Marktl, die fast direkt neben ihrem Haus stand. Ab und zu machten sie auch eine Wallfahrt: zum Städtchen Altötting, um dort bei der Muttergottes zu beten.
Mitten in ihrem Dorf, auf dem Marktplatz, gab es einen Laden mit wunderschönem Spielzeug. Die drei Kinder gingen dort jeden Tag vorbei und schauten es sich an. Joseph mussten sie an der Hand halten, weil er noch keine zwei Jahre alt war. Er hatte nur Augen für einen braunen Teddybären, der eine blaue Mütze trug. Einmal gingen die Geschwister sogar in das Kaufhaus hinein, um zu fragen, wie der Teddybär hieß. „Teddy“, antwortete der Verkäufer. Doch dann, kurz vor Weihnachten, verschwand Teddy plötzlich aus dem Schaufenster. Als er das bemerkte, weinte Joseph, so traurig und enttäuscht war er darüber. Dann kam Heiligabend. In ihrer Wohnung stand ein schöner, grüner Christbaum. Und darunter saß niemand anders als: Teddy! Joseph freute sich sehr. Solange er Kind war, spielte er viel mit ihm. Später, als er erwachsen war, saß Teddy häufig in seinem Büro.
Ein schrecklicher Verbrecher
Maria, Georg und Joseph waren frohe Kinder und fühlten sich bei ihren Eltern sehr geborgen. Was sie nicht mitbekamen, aber was ihren Eltern immer mehr Sorgen bereitete, war die Armut in Deutschland. Damals fanden dort viele Menschen keine Arbeit. Erst wenige Jahre zuvor war ein furchtbarer Krieg gewesen, der die Städte und Häuser zerstört hatte. Außerdem gab es damals nicht so viel Medizin wie heute, um schwere Krankheiten zu heilen. Ein Mann namens Adolf Hitler und seine Anhänger, die Nationalsozialisten, hängten überall grelle Wahlplakate auf. Sie versprachen, dass es den Menschen besser gehen wird, wenn Hitler Deutschland regiert. Doch das war eine Falle. Die Eltern von Maria, Georg und Joseph sahen in Hitler einen schrecklichen Verbrecher. Der Vater musste als Polizist bei den Versammlungen der Nationalsozialisten immer wieder einschreiten. Sie waren nämlich gewalttätig. Schon bald zog die Familie um, denn der Vater hielt es mit den Nationalsozialisten in ihrem Dorf nicht mehr aus.
Bestimmt fragt ihr euch, was es mit diesen Kindern auf sich hat und was an ihnen so besonders war. Das Besondere war: Joseph, der kleinste von ihnen, ist später Papst Benedikt XVI. geworden. Vielleicht erinnert ihr euch noch an ihn. Vor drei Jahren ist er an Silvester gestorben. Die Eltern lebten damals natürlich schon lange nicht mehr, und selbst Maria war schon 30 Jahre zuvor verstorben. Georg starb sechs Jahre vor seinem Bruder. Er und Joseph waren ihr ganzes Leben lang sehr gute Freunde gewesen und hatten sich besucht, so oft es ging.
Die Brüder wollten Priester werden
Die Brüder wussten schon als Kinder, was sie werden wollten: Priester. Bevor es dazu kam, mussten sie jedoch mehrere schreckliche Jahre im Krieg kämpfen. Denn Hitler war an die Macht gekommen. Nun wütete der Zweite Weltkrieg. Die Männer in Deutschland wurden gezwungen, zu kämpfen. Auch Georg, der 18 Jahre alt war, und Joseph, obwohl er erst 16 Jahre alt war. Zusammen mit den anderen Jungen, mit denen er in München kämpfte, bekam er Schulunterricht, wann immer die Zeit dazu reichte.
Die Nazis wollten mit Gott nichts zu tun haben. Für sie war Adolf Hitler der wichtigste Mensch der Welt und sie verehrten ihn fast so wie einen Gott. Eines Tages fragte der Lehrer Joseph, was er einmal werden wollte. Joseph sagte: „Priester“. Daraufhin erwiderte der Lehrer verächtlich: „In Deutschland wird es bald keine Priester mehr brauchen.“ Joseph wusste, dass das falsch war. Er war sich sicher, die Menschen würden in Deutschland die Priester bald dringender brauchen als zuvor. Sie würden Menschen brauchen, die sie wieder zu Gott führten und sie trösteten. Nach all dem Leid, das der Krieg über sie gebracht hatte, und all den Vätern, Ehemännern, Söhnen und Brüdern, die in den Kämpfen gestorben waren.
Joseph wurde also Priester – und dann Bischof, Kardinal und schließlich Papst. Teddy nahm er jedes Mal mit, wenn er wieder umzog. Er unterrichtete auch als Professor an mehreren Universitäten. Seine Studenten lud er gerne zu sich nach Hause ein. Einmal bemerkte er, dass ein Student etwas nervös war, ihn zu besuchen. Joseph hatte eine Idee: Er empfing den Studenten mit Teddy auf dem Arm an der Tür und sagte: „Schau, Teddy, wir haben Besuch.“ So war die Aufregung des jungen Mannes schnell verschwunden.
Georg sah Joseph im Fernsehen
Georg, der ein Talent für die Musik hatte, leitete später in Regensburg einen berühmten Knabenchor, die „Regensburger Domspatzen“. Als er eines Abends, das war im Jahr 2005, den Fernseher einschaltete, um die Papstwahl zu verfolgen, traute er kaum seinen Augen: Der neue Papst, der nun auf den Balkon des Petersdoms schritt, kam ihm sehr bekannt vor: Es war sein Bruder Joseph, der ab jetzt Papst Benedikt XVI. hieß! Im ersten Moment machte Georg das traurig. Würde Joseph noch Zeit für ihn haben? Schnell verstand er, dass er sich darum keine Sorgen machen musste. Bruder bleibt Bruder. Vielmehr brauchte ihn sein Bruder nun umso mehr. Bei Georg konnte Joseph, den nun fast die ganze Welt kannte, wieder ganz normal und er selber sein: der kleinere Bruder.
Am Ende seines Lebens war Georg fast blind. Joseph besuchte ihn ganz kurz vor seinem Tod in Regensburg, um ihn das letzte Mal in dieser Welt zu sehen. Im Himmel sind sie nun wohl wieder vereint. Auch mit ihren Eltern, mit ihrer Schwester Maria und mit Jesus – für immer. Das Haus der drei Kinder steht noch immer in Marktl. Es ist nun ein Museum, das ihr besuchen könnt. Dort wartet auch Teddy.
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