Die Raben halfen dem Propheten Elijah in der Bibel: Fast verhungert, da er die Ungerechtigkeit der Mächtigen aufdeckte, verfolgt wurde und fliehen musste, brachten sie ihm „Brot und Fleisch am Morgen und ebenso Brot und Fleisch am Abend“, so berichtet die Bibel. Rabe – „cioar(a)“ auf Rumänisch – ist in Rumänien das schlimmste Schimpfwort für die Roma; die Zigeuner, wie sie sich selber gerne nennen. Ein Schimpfwort, sinnbildlich dafür, dass Roma dort teilweise noch unterdrückt werden.
Der Verein „ELIJAH“ setzt sich darum für sie ein: Seit 2012 unterstützt er Roma-Familien in Siebenbürgen. „Die Raben sind treu, sozial, lernfähig und schlau. Wie unsere kleinen Freunde und Freundinnen. Wenn die Familien zu essen haben und die Kinder lernen dürfen, werden sie sich für andere einsetzen. Wie die Raben des Elijah in göttlichem Auftrag“, so die Erklärung des Hilfsprojekts auf seiner Internetseite. „Die Roma sind ausgestoßen von der Gesellschaft und leben am Dorfrand. Wenn einer arbeiten gehen möchte, dann zieht ihn die Familie meistens wieder zurück, denn das passt oft nicht mit ihrem Leben zusammen. Andererseits setzt die Gesellschaft auch Mauern“, sagt Ruth Zenkert, neben dem Jesuitenpater Georg Sporschill eine der beiden Gründer von „ELIJAH“.
Bildung als Waffe gegen die Armut
Alles begann mit Trommelunterricht. Das war Ende des Jahres 2011. Die deutsche Religionspädagogin Ruth Zenkert erteilte ihn Romakindern im rumänischen Dörfchen Nou. Die Kinder nahmen Zenkert mit zu sich nach Hause, in zugige Hütten ohne Wasser oder Elektrizität. Dass diese Lebensumstände sich bessern und die Familien aus dem über Generationen weitergegebenen Elend herauskommen, macht Zenkert sich seitdem zur Aufgabe. Zusammen mit Sporschill gründete sie das Hilfsprojekt im Dorf Hosman, 30 Kilometer westlich von Sibiu („Hermannstadt“ auf Deutsch). Heute ist ELIJAH in sechs Orten tätig: mit vier Sozialzentren, zwei Musikschulen, einem Schülerwohnheim, einem Frauenhaus und einem Obdachlosen-Tageszentrum mit Notschlafstellen.
„Wir unterstützen die Mütter, unabhängiger zu werden und selber Geld zu verdienen. Denn, wenn sie arbeiten, dann geht das Geld normalerweise an den Mann. Viele Frauen haben auch gewalttätige Männer, die oft sehr schwierig sind. Wir helfen den Frauen, die es nicht mehr zu Hause aushalten oder verfolgt werden, indem wir ihnen einen Platz in unserem Frauenhaus anbieten. Wenn sie erst mal merken, es gibt einen Weg, sich ein Leben ohne den schwierigen Mann aufzubauen, dann ist das eine Chance für sie, von ihm wegzukommen“, so die Deutsche, die seit Langem fließend Rumänisch spricht.
Täglich kommen über 300 Kinder in die auf vier Dörfer verteilten Sozialzentren. 16 Sozialarbeiter helfen bei der Kinderbetreuung, sorgen für warme Mahlzeiten und im Notfall für Erste Hilfe. Die Sozialzentren sind vor allem gewaltfreie Räume, in denen Kinder lernen können. Wichtig sei die Gemeinschaft, die die Kinder zusammenhält. Sie würden nicht fragen, ob der Freund Rumäne oder Zigeuner sei. Das schaffe eine Zukunft ohne Vorurteile. Oft kämen die Kinder der Roma aus einem Zuhause, wo sie das Gegenteil erleben: Gewalt, Alkohol, Verwahrlosung, Missbrauch, erklärt der Verein auf seiner Internetseite. Sie könnten dort nicht spielen, sondern müssten arbeiten oder betteln gehen. „Teilweise wachsen die Kinder in Haushalten auf, wo es weder Tisch noch Stuhl gibt. Mit neun Geschwistern. An Hausaufgaben ist in so einem Umfeld nicht zu denken“, sagt Zenkert im Gespräch mit der „Tagespost“. „Die Eltern sind keine wirkliche Unterstützung, weil sie häufig selber weder lesen noch schreiben können.“
Nachmittags ist Zeit für Freizeitangebote: Besonders beliebt seien Karate und Fußball. Jedes der vier Sozialzentren hat sein eigenes Team. Höhepunkt des Jahres ist das jährliche Fußballturnier in der eigenen „ELIJAH-Arena“ des Zentrums „Casa Martin“ in Nou.
Eine NGO
Das Hilfsprojekt besitzt in der Stadt Sibiu ein Schülerwohnheim. Dort befinden sich Wohngemeinschaften für 36 junge Menschen, die vor Ort in die Schule gehen. Denn, so sieht es der Verein, Bildung ist eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Armut. Wer erwachsen ist, dem vermitteln Sporschill und Zenkert in Sibiu eigene „Startwohnungen“, um für Studium oder Ausbildung in der geografischen Mitte Rumäniens bleiben zu können. Eine Hand wäscht die andere: Erwachsene ehemalige Roma-Kinder übernehmen Dienste wie Putzen oder Bügeln im Schülerwohnheim.
Der Sozialverein ist ausschließlich spendenfinanziert; eine NGO. „Wir müssen schauen, dass wir einen guten Freundeskreis haben, der uns treu und zuverlässig unterstützt. Wir versuchen auch, Beziehungen zu pflegen und unseren Unterstützern etwas zurückzugeben. Sie sind nicht nur eine Geldquelle. Pater Georg ist viel in Österreich unterwegs, um Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen in befreundeten Familien zu feiern“, erklärt die Religionspädagogin.
Die ersten „Straßenkinder“ sind heute erwachsen
Das „Arbeitstraining“ ist ebenfalls Bestandteil von „ELIJAH“: Im Dorf Marpod gibt es neben dem Sozialzentrum eine Reparaturwerkstatt, eine Tischlerei und eine Töpferei. Dort wohnen auch Zenkert und Sporschill. „Wie eine Familie“ lebe man dort, finden sie: „Den Tag beginnen wir mit einem Morgengebet, das unsere Volontäre vorbereiten und leiten. Nach dem Frühstück gehen wir an die Arbeit – im Sozialzentrum, in der Werkstatt, der Küche, der Musikschule und im Büro. Die Kinder gehen in die Schule.“ Gute acht Kilometer weiter, im Dorf Hosman, wird in der Bäckerei oder der Kantine gearbeitet. Auch gibt es dort ein Gästehaus. Eine Weberei befindet sich noch ein Dorf weiter. Am Abend feiern sie die heilige Messe mit dem Jesuitenpater, oft kommen Kinder, Freunde und Mitarbeiter hinzu.

„Es ist uns wichtig, eine christliche Gemeinschaft zu sein. Gerade in der Sozialarbeit müssen wir uns an eine höhere Kraft wenden können. Wir wissen, unsere Sorgen und Probleme können wir Gott ans Herz legen. Er gibt uns die Kraft, weiterzugehen und zeigt uns den Weg“, erzählt Zenkert. Und das, obwohl die Roma-Kinder und ihr ganzes Umfeld orthodox sind. Auch gebe es dort in der Gegend viele Pfingstgemeinden und evangelikale Kirchen. Außerdem muslimische Freunde, weswegen jeden Tag einer der 99 Namen Gottes aus dem Koran meditiert würde. Das Hilfsprojekt sei somit ökumenisch. „Die Kinder sind offen. Wenn ich manchmal zu schnell in mein Brot beiße, sagen sie entrüstet: ‚Was, du betest nicht vor dem Essen? – Das hilft doch‘“, erzählt Zenkert schmunzelnd.
Mittlerweile gibt es über 160 Familienwohnhäuser von „ELIJAH“. „Die Familien lebten davor in Lehmhütten, viele Menschen auf engstem Raum, Wind und Wetter ausgesetzt. Wer so wohnt, kann weder lernen noch arbeiten“, sagt Ruth Zenkert. Jedes neu errichtete Haus sei darum ein Fortschritt. Und doch, bei dem Projekt gehe es um Arbeit, die ein größeres Ziel hat, als Häuser zu bauen: „Sie bringt Menschen einander näher und auch zu sich selbst“, sagt die 63-Jährige.
Musik hat bei den Roma einen hohen Stellenwert
Heute, 13 Jahre nachdem das Hilfsprojekt gestartet hat, sind die ersten „aufgelesenen Straßenkinder“ erwachsen – und kümmern sich wiederum um kleinere Kinder. Da gibt es Florin und Ali. Sie sind mittlerweile zwei der wichtigsten Mitarbeiter des Vereins. Auch sie wuchsen auf der Straße auf. Ali spielt Klavier – das hat er sich selber beigebracht. Die Musik hat in der Kultur der Roma einen hohen Stellenwert – und auch bei „ELIJAH“, wo fast jedes Kind ein Instrument spielt. Somit verbindet die Musik das ausländische Hilfsprojekt mit der traditionsreichen Zigeunerkultur. Die Kinder kennenzulernen, das geschehe oft über den Zauber der Musik. Und in der Gegend von Sibiu seien die Menschen ungewöhnlich musikalisch. Man müsse nur das Talent wecken, das in ihnen schlummere.
„Florin hat den Zugang zu allen Familien hier im Dorf und ist überall willkommen. Irgendwie spricht er die richtige Sprache. Das ist für uns sehr wertvoll, weil wir dadurch anders in Verbindung mit den Menschen sind und sie uns über ihn kennen und vertrauen“, sagt Zenkert stolz. Mittlerweile wohnen in den Studentenwohnheimen von „ELIJAH“ die ersten Studentinnen. „Bislang gibt es da nur Mädchen“, sagt Zenkert. Für sie sind die Roma-Kinder wie ihre eigene Familie. „Weil wir mit vielen gelebt haben. Die ehemaligen besuchen uns, mit ihren Kindern. Ich habe sozusagen schon Enkelkinder“, fügt sie lächelnd hinzu.
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