Die Stadt Hannover hat eine Empfehlungsliste mit „queeren Büchern“ an ihre städtischen Kitas verteilt. Ich dachte mir: Schau ich mir mal an. Man muss ja schließlich immer „up to date“ sein.
Zu den empfohlenen Büchern gehört auch „Das alles ist Familie“ von Michael Engler. Hauptfigur Lars entdeckt ein Päckchen, auf dem „an Familie“ steht. Der Rest ist unlesbar und gibt ihm Anlass, nach dem Adressaten in seiner Straße zu suchen. Auf der Suche, die er mit Lina, einem dunkelhäutigen Mädchen, unternimmt, treffen beide Kinder auf Familien „in all ihren bunten Facetten“.
Ich fühle mich dabei wie aus dem letzten Jahrhundert, denn die Normalfamilie erscheint hier als Auslaufmodell. Ständig wird insinuiert, dass es nichts ausmache, wenn eine Familie zerfällt, Eltern sich trennen und neue Beziehungen eingehen. Angeblich kümmern sich die neuen „Mamas“ und „Papas“ ja mindestens ebenso gut um die Kinder wie leibliche Eltern.
Der Autor konstruiert eine ideologische Märchenwelt. Ich frage mich: Welchen Nutzen haben Kinder davon? Die Beziehung zu leiblichen Elternteilen wird im Buch geradezu als bedeutungslos dargestellt. Besonders krass ist der Fall eines Mädchens, das seine Mutter bei einem Autounfall verloren hat und nun nur mit seinem Vater aufwächst.
Das Mädchen erklärt, es vermisse seine Mutter nicht, weil es sie kaum gekannt habe und der Vater alles perfekt meistere. Ich bin perplex: Das Schicksal von Halbwaisen lässt sich wohl kaum zynischer darstellen.
"Warm, weich und bunt"
Auch erstaunlich – und konträr zu meinen Alltagsbeobachtungen: In der Patchworkfamilie mit mehreren Ex-Partnern und Halbgeschwistern gibt es im Buch keine Streitigkeiten. Für das aufwachsende Kind sei die Lebenssituation nicht kompliziert, sondern ganz einfach, weil sich alle lieb haben. Diese Familie ist „warm, weich und bunt wie eine Patchwork-Decke“.
Im Vergleich dazu wirken sogar amerikanische Soap-Operas über Patchworkfamilien aus den 1990er-Jahren realistischer. Da gibt es wenigstens auch mal Streit unter Halbgeschwistern.
Die Eltern der Hauptfigur sind zwar getrennt, aber wenn es Probleme gibt, besprechen das die Eltern des Kindes gemeinsam. Auch diese Naivität ist fern vom Alltag vieler Kinder, die die Konflikte getrennter Eltern oft hautnah miterleben.
Dann zeigt das Buch eine Familie mit zwei Müttern …, die sich für „eine Samenspende entschieden“ hätten.
Was kann sich ein Kindergartenkind wohl darunter vorstellen? Ich kann mir die Erzieherinnen unseres Jüngsten nicht dabei vorstellen, wie sie den Kindern die technische Erzeugung eines Babys erklären. Laut Buch können auch zwei Männer Eltern sein. Als ob Kinder im Kita-Alter nicht wüssten, dass Babys aus dem Bauch einer Frau kommen! Wie Männer an den Nachwuchs kommen sollen, erfahren die Kinder wohlweislich nicht. Schließlich ist in Deutschland die Leihmutterschaft illegal.
Das wäre doch Unsinn!
Meine zwei älteren Söhne sind durch die sanften Illustrationen neugierig geworden und haben das Buch durchgeblättert. Meinem Siebenjährigen sind sofort die zwei Mütter aufgefallen. Das wäre doch Unsinn! Wie froh bin ich, dass er die Realität offenbar eher erfasst als so mancher Erwachsener.
Ich bin überzeugt: Es sind ganz andere Bücher über Schwangerschaft und Familie, die Kindern gefallen. Zigmal haben wir unseren Kindern aus dem Buch „Unser Baby“ aus der Reihe „Wieso? Weshalb? Warum?“ vorgelesen. Hier wird erklärt, dass „jeder Mensch zu Beginn seines Lebens einen Vater und eine Mutter hat. Auch bei den meisten Tieren ist es so.“ Kindgerecht wird gezeigt, wie das Baby im Bauch der Mutter wächst.
Die Größe eines Embryos wird am Beispiel eines Gummibärchens veranschaulicht – diese Passage mochten unsere Kinder immer besonders.
Und: Hier kommen auch Konflikte vor. Geschwister müssen lernen, wenn ein Baby kommt. „Das kann manchmal sehr anstrengend sein! Meistens macht es aber richtig Spaß, eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder zu haben!“ So wird Geschwisterliebe vermittelt. Das ist tatsächlich Familie.
Die Autorin hat Politikwissenschaften studiert, ist Mutter von drei kleinen Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
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