Die zarte Stimme des kleinen Mädchens am Leitungsende verschwindet fast im Rauschen des ICE. „Mit wem bist du?“, fragt sie interessiert. „Alleine“, lautet die Antwort. Dass man mal alleine unterwegs ist – in Deutschland nicht erstaunlich. Für das Sinti-und-Roma-Mädchen aus Rumänien anscheinend schon. „Aber wieso? Wo sind denn die Anderen?“, hakt sie etwas besorgt nach. Die Geräusche bei ihr zu Hause dringen bis in den ICE durch: Mehrere Frauen unterhalten sich, ein Kleinkind schreit, ein Huhn gackert und jemand schaltet ein Motorrad an.
„Die Anderen“, das sind in ihrem Fall ihre Eltern und ihre beiden Geschwister, mit denen sie in der garagengroßen Hütte in der kleinen Siedlung am Waldrand lebt. Und ihre Tante mit den sieben Kindern in der selbst gezimmerten Baracke gegenüber, ihre Großeltern eine Gasse weiter, ihr Großonkel am Ende der Straße, ihre beste Freundin am Fuße des Hügels und so weiter. Dann muss sie auflegen. Ihre nikotinabhängige Mutter schickt sie nun Zigaretten kaufen, wie fast jeden Tag.
Die Sinti und Roma leben nach westlichem Ermessen unter prekären Bedingungen: Unter ihnen befinden sich Analphabeten, ihnen fehlen häufig die Schulabschlüsse, darum bekommen sie schlecht bezahlte Jobs und sind arm. Aber sie leben. Und sie sind stolz auf ihre großen Familien, ihre eigene Musik, traditionelle Kleidung und den Hang zum Tanzen. Sparen scheint bei ihnen keine geläufige Praxis zu sein. Einer der Familien in der Siedlung des kleinen Mädchens fiel monatelang die Haustür aus den Angeln. Als sie im Sommer endlich wieder Geld zusammengespart hatten, kaufte der Vater, statt sich um die Tür zu kümmern, spontan einen aufstellbaren Swimmingpool – „damit die Kinder bei dem heißen Wetter schwimmen können“, begründete er.
Cola, Sprite und sehr viel Fleisch
Dort, wo das kleine Mädchen lebt, herrscht eine lebendige Stimmung: so, wie man sie in Deutschland vielleicht vom Zeltplatz kennt. Auf der Wiese spielen 13 Jungen Fußball, auf dem Spielplatz Kinder fangen. Am Wegesrand schwimmen ein zerlöcherter Fußball, leere Cola-Dosen und ein schwarzer Handschuh in einer Pfütze. Halbfertige Hütten, teils mit Vorhängen und Plastikplanen abgedichtet, reihen sich an dem matschigen Weg auf. Lauter Jazz, begleitet von bebenden Bässen, ertönt aus dem Lautsprecher in einer backsteinroten Hütte.
In den Gassen laufen Hühner, Kleinkinder und Hundewelpen herum. Ein kleiner Junge erprobt sich auf viel zu großen Rollschuhen. Immer wieder fliegen die Türen – oder Vorhänge – der Häuser auf. In der einen rauchen zwei Mütter am kleinen Küchentisch, schauen sich dabei Tiktok-Videos auf ihren Handys an. Auf dem Tisch stehen Cola- und Sprite-Flaschen im 1,5-Liter-Familienformat. Daneben liegt in einer Plastiktüte geschnittenes Weißbrot. Auf dem Herd kocht das Essen: irgendetwas Fleischiges. „Wenn es kein Fleisch gibt, ist das für mich kein Essen“, merkte eine der Mütter dazu an. Eine Frau mit bodenlangem Kleid trägt einen riesigen Haufen Wäsche herein, die sie hier waschen darf, weil ihre Nachbarin eine Waschmaschine besitzt. „In Deutschland und Frankreich, da muss man anrufen, wenn man jemanden besuchen möchte. Stellt euch das mal vor“, setzt die eine Frau nun an. „Das verstehe ich nicht. Zu mir kann immer jeder kommen“, erwidert die andere.
In Europa leben heute geschätzte zehn bis zwölf Millionen Sinti und Roma. In Rumänien sind es bis zu drei Millionen, in Deutschland schätzungsweise 70.000. Ihre Vorfahren stammen aus Indien, beziehungsweise dem heutigen Pakistan. Im achten, neunten und zehnten Jahrhundert wanderten sie durch Persien, Kleinasien und Armenien und im 13. und 14. Jahrhundert über Griechenland und den Balkan nach Mittel-, West- und Nordeuropa. Die traditionsbewussten Mitglieder ihres Volkes arrangieren die Ehen ihrer Kinder. In der kleinen rumänischen Sinti-und-Roma-Siedlung lebt seit Kurzem ein 14-jähriges Mädchen. Sie ist nun mit einem jungen Mann von dort verheiratet und erwartet ein Kind. Ihre Schwiegerfamilie und ihren Mann hatte sie vor der Hochzeit ein einziges Mal getroffen. Ob sie glücklich ist? Eine Frage, die man nicht stellen möchte. Schließlich hätte sie keine andere Wahl gehabt. Zur Schule geht sie schon lange nicht mehr. Nun ernährt sie ihr Schwiegervater, und bald auch ihr Mann. Äußerlich passt sie wie angegossen herein in ihre neue Familie: die gleichen traditionellen Röcke wie ihre Schwiegermutter, das gleiche Kopftuch, ebenfalls lange, schwarze, geflochtene Haare. Die Ähnlichkeit kommt sicherlich auch dadurch, dass sie mit ihrer Schwiegermutter verwandt ist. Heiraten innerhalb der Familie – kein seltenes Phänomen bei den Sinti und Roma.
Familienidyll mit Schattenseiten
„Die Familie hält zusammen, und man gehört für immer und ewig dazu, egal was passiert. Und sie sind sehr musikalisch, was mir persönlich besonders wichtig ist.“ Auch würden sie „hier und da klauen“ und „sich durchs Leben tricksen“, beschrieb der deutsche Rapper „Sido“ die Sinti einmal gegenüber der „Berliner Morgenpost“. Er hat selber „Sinti-Wurzeln“. Doch so familienfreundlich die Kultur scheint – es gibt viele Schattenseiten: gebrochene Ehen, häusliche Gewalt, Drogen- und Alkoholabhängigkeiten, vernachlässigte Kinder.
Ein sechsjähriges Mädchen aus dem kleinen Dorf spricht besser Englisch als Rumänisch. Wenn sie läuft, bewegt sie sich fast wie ein Playmobil-Männchen. Das hat sie durch Youtube-Videos gelernt. Ihre Mutter bekam sie als Jugendliche und lehnt sie ab. In dem Haus ihrer Großeltern wächst sie auf – kaum beachtet und handyabhängig. An einem anderen Tag ist ihr Gesicht vernarbt, ihre Hände überdecken geschwollene und vereiterte Wunden. Sie sei „irgendwie gefallen, aber das wird schon wieder“, erklärt ein Verwandter etwas ratlos.
Mit Anfang 30 Großmutter
Ein anderes kleines Mädchen nimmt die Autorin dieses Textes an die Hand. „Kannst du mitkommen und unsere Schweine angucken?“, fragt sie flehentlich. In die beiden Schweine investieren ihre Eltern einen Großteil ihres Geldes. Einmal im Jahr, meist um Weihnachten herum, wird geschlachtet. Eine Portion Fleisch verschenkt die Mutter spontan an zwei Besucherinnen aus dem Ausland. Einfach so. Die beiden lehnen betreten ab. Wie soll die Familie sich denn sonst ernähren?
Die Mutter versteht nicht, wieso ihr Geschenk abgelehnt wird. Die Sinti und Roma wirken manchmal so, als würden sie nach anderen Gesetzen leben als die westliche Gesellschaft. „Wie viele Kinder hast du?“ scheint bei ihnen eine höhere Priorität zu haben als die Frage „Was studierst du?“ oder „Was arbeitest du?“.
Sie werde bald Großmutter, berichtet die Anfang 30 Jahre alte Familienmutter jetzt stolz. Ihr jüngster Sohn schläft auf dem Sofa der kleinen Hütte, das tagsüber zum Schreibtisch seiner Geschwister oder Esstisch wird und nachts als Bett dient. Über ihm kreisen Fliegen, neben ihm brutzeln Hähnchenschenkel auf dem Feuerofen, um ihn herum spielen nun sein Bruder und seine Cousins Fußball. Den Einjährigen scheint das nicht zu stören. Hauptsache, er ist nicht alleine.
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