Das Forschungsprojekt „Taş Tepeler“ („Steinhügel“) im Südosten der Türkei richtet den Blick auf eine Schlüsselphase der Menschheitsgeschichte: den Übergang von Jäger-und-Sammler-Gruppen zu sesshaften Gemeinschaften im 10. Jahrtausend vor Christus und damit auf den Beginn einer Zivilisation im Sinne dauerhafter Institutionen und kultureller Traditionen.
Beim Presserundgang durch die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ in der Berliner James-Simon-Galerie erläuterten Barbara Helwing, Direktorin des Vorderasiatischen Museums Berlin, und Necmi Karul, Professor an der Universität Istanbul und Koordinator des Forschungsprojekts, die grundlegenden Veränderungen jener Epoche: feste Siedlungen, Versammlungsbauten, frühe Formen von Ackerbau und Viehhaltung – soziale und wirtschaftliche Weichenstellungen, die das menschliche Leben nachhaltig prägten.
Die Ausstellung deutet diesen Wandel bewusst als „gebaute Gemeinschaft“. Gezeigt werden rund 100 Objekte aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa, viele davon erstmals außerhalb der Türkei. In acht Abschnitten führt die Schau durch zentrale Lebensbereiche – von Alltag und Ritual bis zum Umgang mit den Toten. Fotografien und Videos der spanischen Künstlerin Isabel Muñoz eröffnen zusätzlich einen zeitgenössischen Zugang zur Bildwelt des frühen Neolithikums.
Räumliche Gemeinschaft wird sichtbar
Besonders prägend sind die Fundorte Göbeklitepe (seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe), Karahantepe, Saybur und weitere neu entdeckte Plätze der Region. Charakteristisch sind in den Boden eingetiefte, teils überdachte Rund- und Sonderbauten mit monumentalen T-förmigen Pfeilern. Barbara Helwing weist darauf hin, dass sie menschliche Merkmale tragen; daneben erscheinen Tiere und Mischwesen: Masken und Gesichter aus Stein, Raubtiere, Schlangen, Skorpione. Die Gebäude seien als Kommunalräume zu deuten – als Orte von Ritualen, Festen, Beratung, möglicherweise auch von Musik und Tanz, wie Necmi Karul ergänzt. Monumentalbauten erscheinen damit nicht als bloße Architektur, sondern als soziale Infrastruktur: Gemeinschaft wird räumlich organisiert, sichtbar gemacht und stabilisiert.
Auf Nachfrage der „Tagespost“ präzisiert Barbara Helwing, dass es sich bei diesen Siedlungen noch nicht um Städte als urbane Zentren mit differenzierten Institutionen handelt: Jericho und Çatalhöyük – die als „die ältesten Städte“ gelten – werden erst etwa 2.000 Jahre später zu Großsiedlungen. „Vor den Städten entstanden Dörfer“, so Necmi Karul. Die Region des „fruchtbaren Halbmonds“ von der Sinai-Halbinsel bis zum Persischen Golf bot dafür günstige Voraussetzungen: Wasser und artenreiche Umwelt. Bei Göbeklitepe und den benachbarten Fundorten kam geeigneter Stein für monumentales Bauen aus der langgestreckten Bergkette von Germuş dazu. Diese Siedlungen waren Teil eines weiten Austauschnetzes bis nach Syrien, Jordanien und Iran, in dem Wissen, Techniken und vermutlich auch Saatgut zirkulierten.
Keine institutionelle Religion
Ein zentrales Ergebnis der aktuellen Forschung betrifft die Domestikation. Sesshaftigkeit entstand – so Helwing und Karul – nicht, weil Menschen von Beginn an planvoll Landwirtschaft und Viehzucht einführen wollten. Vielmehr setzte ein langfristiger Selektionsprozess ein: Über Generationen wurden bestimmte Tiere und Pflanzen bevorzugt, bis sich allmählich domestizierte Formen ausprägten. Ackerbau und Viehhaltung erscheinen damit eher als Folge stabilerer Lebensweisen denn als ihr Ausgangspunkt.
Von Religion im institutionellen Sinn könne man offenbar nicht sprechen, so die Wissenschaftler. Erkennbar ist jedoch eine komplexe Vorstellungswelt mit durchlässigen Grenzen zwischen Menschen, Tieren und nicht sichtbaren Kräften – einschließlich der Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Eine solche Durchlässigkeit findet sich allerdings nicht bei den Bestattungen: Auf Nachfrage der „Tagespost“ betonte Barbara Helwing, dass nur Menschen, nicht Tiere bestattet wurden. Tierknochen erscheinen in der Regel als Speisereste.
Die Ausstellung bietet ein präzises Bild einer Gesellschaft an der Schwelle: noch ohne Städte, aber bereits mit Monumenten, komplexen Symbolsystemen und neuen Formen organisierter Gemeinschaft. Die Schau macht deutlich, dass die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft nicht zuerst aus Technik erwächst, sondern aus der Fähigkeit, Gemeinschaft unter veränderten Bedingungen immer wieder neu zu formen.
„Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“, 6. Februar – 19. Juli 2026, Museumsinsel Berlin, James-Simon-Galerie, Bodestr., 10178 Berlin, Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr. Zur Ausstellung erscheint die gleichnamige Begleitpublikation in deutscher, türkischer und englischer Sprache.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin zu Kultur und Film.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









