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Algorithmen können Gott nicht ersetzen

Der Papst sieht den Moment gekommen, die Künstliche Intelligenz zu „entwaffnen“. Eigentlich geht es in „Magnifica humanitas“ aber eher um das „technokratische Paradigma“.
Leo und ein KI-Kopf
Foto: Leonie Hüfner, adobe stock | Sieht die Ideologie hinter der KI: Papst Leo XIV.

Besondere Ereignisse waren die Vorstellungen von päpstlichen Enzykliken eigentlich nie. Ein Kardinal kam, brachte einige Fachleute mit, und gemeinsam erläuterte man in der „Sala stampa“ des Vatikans den anwesenden Journalisten Sinn und Zweck des lehramtlichen Schreibens. In der Hoffnung, dass die Medien das neue Wort des Papstes in die Öffentlichkeit transportieren und es dort rezipiert und nicht nur weggelobt wird.

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Am Pfingstmontag war alles anders als früher. Die Synodenaula musste her, um den ganzen Auftrieb zu bewältigen: Spitzenvertreter fast sämtlicher Dikasterien der Kurie waren erschienen, dazu Botschafter der auswärtigen Staaten, für Kamerateams und ausgewählte Medienvertreter blieb da nur noch wenig Platz. Gleich drei Kardinäle saßen auf dem Podium, Pietro Parolin, seines Zeichens Staatssekretär und damit „Nummer zwei“ im Vatikan, führte durch das Programm und Leo XVI. selbst den Vorsitz bei einer denkwürdigen Präsentation, mit der die erste Enzyklika des amerikanischen Papstes dem Weltpublikum übergeben wurde: „Magnifica humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“.

Hat der Stellvertreter Christi auf Erden Angst davor, dass bald die Künstliche Intelligenz den Platz des himmlischen Vaters einnimmt? Der erste Satz von „Magnifica Humanitas“ klingt zumindest dramatisch: „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ Und was ist heute die „entscheidende Wahl“? Für Papst Leo ist es die Herausforderung, dass es die Künstliche Intelligenz zu „entwaffnen“ gilt. Bei der Präsentation in der Synodenaula kam er eigens auf den Begriff „Entwaffnung“ zurück: „Das Wort ist stark, ich weiß, aber bewusst gewählt, weil dieser historische Augenblick Worte braucht, die Aufmerksamkeit erregen, das Gewissen wecken und Wege für die Menschheit aufzeigen können.“ Und in der Enzyklika heißt es dazu im Wortlaut: „KI zu entwaffnen bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. Bei diesem Wettrennen geht es um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank, um einen geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung gegenüber allen anderen zu festigen. Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen. Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht. Es bedeutet, sie Monopolen zu entziehen“.

Zurück zu der Vorstellung der Enzyklika am Montag. Auf dem Podium in der Synodenaula saß auch Christopher Ohla. Kanadier, 33 Jahre alt und schon Multimilliardär. Ein Stipendium des PayPal-Gründers Peter Thiel ermöglichte es ihm, sich ganz dem Schreiben von Algorithmen zu widmen und mit anderen die KI-Firma Anthropic zu gründen. Offen berichtete er von dem Druck, unter dem die Labore stehen, die die Künstliche Intelligenz entwickeln: „Der Druck, wirtschaftlich überlebensfähig zu bleiben und in der Forschung an der Spitze zu stehen. Der geopolitische Druck. Und die ältesten und einfachsten Triebkräfte: Stolz und Ehrgeiz. So sehr jeder von uns auch aufrichtig das Richtige tun möchte“, meinte er mit Blick auf Papst Leo, sei es von entscheidender Bedeutung, dass es Menschen gebe, die nicht von diesen Anreizen geleitet werden – „Menschen, die genau hinschauen, die bereit sind, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, und die bereit sind, unsere aufrichtigen und besonnenen Kritiker zu sein.“ Der Papst nahm das Angebot an und dankte in seiner abschließenden Ansprache Ohla ganz persönlich: „Im Namen der Kirche nehme ich nun meinerseits Ihre Einladung an, gemeinsam zu gehen, zuzuhören, zu sprechen und gemeinsam den Weg für die Menschheit in dieser Zeit der künstlichen Intelligenz zu finden.“ Es sei ein großartiges Zeichen der Hoffnung, dass man trotz aller Unterschiede einander zuhören könne.

Die Politik muss regulieren

Soweit also zur Wirkung, die eine Enzyklika wie „Magnifica humanitas“ entfalten kann: Der Papst hat zwar keine Divisionen und der Vatikan keine politische Macht. Aber offensichtlich gibt es in der Welt der Erschaffer der Künstlichen Intelligenz Verantwortliche wie Ohla, die sich die Stimme der Kirche wünschen, um ihr Handeln ethisch und moralisch zu bewerten.
Und da spricht die Enzyklika klare Worte: Künstliche Intelligenz sei zu einem entscheidenden Faktor geworden, um die öffentliche Meinung durch die Manipulation von Bildern und Inhalten zu lenken, womit es immer schwieriger werde, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Papst Leo erklärt ganz eindeutig, dass es nicht mehr genüge, sich allein auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes zu verlassen: Es sei vielmehr Aufgabe der Politik, die wirtschaftlich-technologischen Entwicklungen auf das Gemeinwohl auszurichten und menschenwürdige Arbeit, soziale Inklusion sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile der Künstlichen Intelligenz zu fördern.

Schon Papst Franziskus habe in der Enzyklika „Laudato sì“ die zunehmende Gefahr „eines technokratischen Paradigmas in der globalisierten Welt“ angeprangert, schreibt Papst Leo. Damit meint er die Tendenz, „persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen“. Es geht dem Papst nicht so sehr um die Künstliche Intelligenz, die ein Instrument sei, sondern eben um jenes „technokratische Paradigma“, das sich aufgrund der Verbreitung von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie immer mehr verbreite. An sich können solche Innovationen wie auch die Künstliche Intelligenz eine große Hilfe bei der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung und bei der Bewahrung der Schöpfung sein. „Doch gerade wegen ihrer Leistungsfähigkeit“, heißt es in „Magnifica humanitas“ weiter, „können sie als Beschleuniger des technokratischen Paradigmas wirken und bedürfen daher einer neuen geistlichen, ethischen und politischen Einordnung.“

Der Lobgesang Mariens

Das erste Lehrschreiben Papst Leos steht in der Tradition der großen Sozialenzykliken, angefangen mit „Rerum novarum“ von Leo XIII. aus dem Jahr 1891. Seit über 135 Jahren lehren die Päpste, dass die Grundlage der sozialen Ordnung der Mensch ist, als Träger einer unveräußerlichen Würde. Dass ein Gemeinwohl ohne die Anerkennung und Mitwirkung aller nicht zu erreichen ist. Dass die Ressourcen der Erde dazu bestimmt sind, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, einschließlich der künftigen Generationen. Dass Macht transparent sein muss und dass diejenigen, die sie ausüben, Rechenschaft ablegen müssen. „Magnifica humanitas“ betont, dass die Menschen nicht von der Künstlichen Intelligenz oder ihren Post- oder Transhumanismen „gerettet“ werden. Es geht nicht um eine Ablehnung der Künstlichen Intelligenz. Doch die Enzyklika stellt die Technologie in den Rahmen des Bundes zwischen Gott und der Menschheit.

Darum bildet das Magnifikat Mariens den Abschluss dieser Enzyklika: Es ist der Lobgesang der Mutter Jesu, die auf eine Menschheitsgeschichte verweist, in der Gott herrscht, in der die Hungrigen gesättigt, die Mächtigen gestürzt und die Demütigen erhöht werden. Die gesamte Enzyklika ruft dazu auf, Bündnisse zwischen gläubigen Menschen und der Welt der modernen Wissenschaft zu bilden, die in einer Zeit immer schnellerer technologischer Veränderungen den Menschen an die erste Stelle setzen und bekennen, dass allein der dreifaltige Gott der Retter der Menschheit ist, auf den es sich zu hoffen lohnt.

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