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„Den Aggressor in die Völkerfamilie zurückholen“

Der Vatikan unterstützt die Position Washingtons im Ukrainekrieg und möchte Moskau goldene Brücken bauen – Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Mariano Barbato über Chancen und Grenzen vatikanischer Diplomatie in der Ukrainefrage. 
Offensichtlich nichts zu lachen hatte Erzbischof Paul Richard Gallagher beim Empfang durch den russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau.
Foto: Imago/Sergej Guneev | Offensichtlich nichts zu lachen hatte Erzbischof Paul Richard Gallagher beim Empfang durch den russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau.

Einen Monat nach seinem Besuch in Kiew ist der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Paul Gallagher, nach Moskau gereist. Gallagher sagte im Anschluss, die Kirche müsse diplomatische Lösungen „verkünden“, wolle aber keine technischen Friedenspläne vorlegen; eine direkte Vermittlung sei derzeit zudem von den Parteien nicht erwünscht. Was kann die vatikanische Diplomatie unter diesen Voraussetzungen überhaupt bewirken?

Die vatikanische Diplomatie kann einen freundlichen Rahmen für Verhandlungen schaffen, aber sie kann nicht selbst politisch verhandeln. Russland steht durch die erfolgreiche ukrainische Luftkampagne gegen Ziele im Hinterland momentan unter enormem Druck. Die russische Regierung muss sich jetzt entscheiden, ob sie sich die Eskalationsdominanz zurückholt oder sich zu einem Friedenskurs bereit erklärt. Der Vatikan könnte für Moskau einen gesichtswahrenden Ausweg eröffnen. Wenn es gut läuft, könnte Leo XIV. heute für Putin und den Ukrainekrieg eine ähnliche Rolle spielen wie Johannes XXIII. für Chruschtschow und die Kubakrise damals 1962 im Kalten Krieg. Es geht nicht um Friedenspläne oder Moderation von Verhandlungen. Bei der päpstlichen Diplomatie geht es um die Bereitstellung eines moralischen Referenzpunkts, einer transzendent verorteten Chance auf Umkehr, einer religiösen, farbenprächtigen Kulisse durch den Heiligen Stuhl.

Erzbischof Gallagher hat im Anschluss an die Reise die Isolation Russlands kritisiert und die bisherige westliche Strategie infrage gestellt. Folgt diese Haltung aus dem universalen Anspruch der Kirche, grundsätzlich mit allen Seiten zu sprechen – oder formuliert der Heilige Stuhl hier eine eigenständige geopolitische Position?

Der universale Anspruch der Kirche und die eigenständige geopolitische Position der Kirche gehen grundsätzlich Hand in Hand. Die Kirche hat eine weltweite Mission und erhebt den Anspruch, die ganze Menschheitsfamilie zu vertreten. Der Papst ist ja nicht nur der Repräsentant einer Religionsgemeinschaft, sondern erhebt mit seinem Selbstverständnis als Stellvertreter Christi auch den Anspruch einer Zuständigkeit für die ganze Welt. Dieser universale Anspruch steht im Einklang mit der geopolitischen Notwendigkeit einer globalen Diasporakirche, die überall Mitglieder hat, aber nirgends unumstritten die Politik dominiert. Das ist der grundsätzliche Hintergrund, warum die vatikanische Diplomatie immer mit allen spricht. Die aktuelle Reise hat aber auch einen ganz konkreten Kontext.

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Welchen?

Der Heilige Stuhl wendet sich mit der Forderung, die Isolation Russlands zu beenden, gegen die Position der Europäischen Union, einschließlich Italiens, die die Isolation noch einmal betont hat. Der Vatikan unterstützt damit die Position der US-Regierung, die Russland schon lange goldene Brücken bauen möchte. Zeitgleich zu Gallagher war auch CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau. Man darf davon ausgehen, dass sich die USA und der Vatikan darüber ausgetauscht haben. Zeitnah zu den Reisen postete der US-Botschafter beim Heiligen Stuhl Brian Burch Bilder von einem Treffen mit der US-Administration, bei dem es um eine Partnerschaft mit dem Heiligen Stuhl zur Förderung des Friedens und der Religionsfreiheit in der Welt gegangen wäre. Zudem überreichte der Botschafter Baseballbälle, die der Papst anlässlich des 250. Jubiläums der Gründung der USA am 4. Juli signiert hatte. Unter Amerikanern spielt man Baseball und wirft sich gegenseitig die Bälle zu. Wie eng die Reisen abgestimmt waren und inwieweit die Europäer und die Italiener trotz gegenteiliger öffentlicher Positionierung eingebunden waren, darüber lässt sich nur spekulieren.

Ein direkter Affront der Kurie gegen die italienische Regierung wäre zumindest ungewöhnlich, weil sich die beiden Akteure normalerweise eng abstimmen. Von daher könnten auch die Europäer in die Reisediplomatie eingebunden sein und ihre Härte mit der päpstlichen Soft Power zur Suche eines Auswegs verbinden.

Zuletzt war zu hören, unter Leo XIV. äußere der Vatikan seine Solidarität mit der Ukraine deutlicher als unter Franziskus. Hat sich nur der Ton verändert – oder erkennen Sie im neuen Pontifikat einen strategischen Wandel?

Es blieb bei der grundsätzlichen Position, auch wenn Leo XIV. zu Beginn seines Pontifikats die ambivalenten, für manche sogar irritierenden Äußerungen seines Vorgängers zunächst auf eine grundsätzliche, moralpolitisch abgesicherte Linie zurückführen wollte, die den Aggressor klar benannte und damit schlicht der Gerechtigkeit wieder Genüge tun wollte. Aber das ist eher eine Stilfrage als eine Grundsatzfrage. Franziskus hatte mit Russland und Putin relativ stabile Beziehungen aufgebaut. Nach dem teilweisen Rückzug der USA unter Obama und Biden aus dem Nahen Osten beispielsweise war Putin ein Verbündeter für den Vatikan beim Schutz christlicher Minderheiten. Die vorher erwähnte grundsätzliche Notwendigkeit einer globalen Diasporakirche, mit allen zu sprechen, lässt sich hier wieder konkretisieren. Aber es kam nie zu einem Durchbruch in der Verständigung mit der russisch-orthodoxen Kirche. Eine Moskaureise für Papst Franziskus war deswegen nie möglich geworden. Der Ukrainekrieg hat dann gerade den Gegensatz zum Moskauer Patriarchat verschärft, weil Rom die ökumenische Zusammenarbeit mit der autokephalen Orthodoxie der Ukraine bevorzugte. Franziskus wollte und konnte aber aufgrund der Interessen einer universalorientierten Diasporakirche mit Moskau nie brechen. Franziskus formulierte gerne auch mal flapsig und überspitzt, um diplomatische Kanäle zu allen offenzuhalten. Das hat Leo XIV. verändert. In der Sache sucht der Vatikan immer noch den Ausgleich mit allen und will gerade auch den Aggressor nicht bestrafen, sondern in die Völkerfamilie zurückholen. Das liegt ja auch ganz auf der Linie der Bibel: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt.“ Dabei muss man aber auch mit Rückschlägen rechnen. Der Schuldige kann auch sein Spiel mit den Friedensboten treiben.

Vor einem Monat hat Kardinal Matteo Zuppi russische Kriegsgefangene in der Ukraine besucht und damit den Vermittlungsauftrag fortgesetzt, den ihm Papst Franziskus erteilt hatte. Zuppi hat wohl mehrfach eine wichtige Rolle beim Austausch von Kriegsgefangenen und Gefallenen gespielt. Wie interpretieren Sie die Arbeitsteilung zwischen Zuppi und Gallagher?

Kardinal Zuppi gehört nicht zur Kurie. Er ist Erzbischof von Bologna und Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz. Mit diesem Gewicht eines Kirchenmanns wurde er von Franziskus zum persönlichen Sondergesandten ernannt. Er operiert also institutionell außerhalb des Staatssekretariats des Heiligen Stuhls. Für diese Aufgabe prädestiniert haben ihn aber nicht seine kirchlichen Ämter, sondern sein Hintergrund in der Gemeinschaft Sant’Egidio. Sant’Egidio hat ein starkes humanitäres Netzwerk aufgebaut, das sich genau dieser humanitären Arbeit verschrieben hat. Auf dieser Basis kann Zuppi echte Verhandlungen führen und Vermittlungsdienste leisten, allerdings nur auf der humanitären Ebene. Dass Moskau dieses Netzwerk als Vermittler akzeptiert, hat aber auch etwas mit dem institutionellen und diplomatischen Rückhalt durch den Papst zu tun, der Zuppi zum Sondergesandten ernannt hat. Es wäre also falsch, Zuppi rein auf sein eigenes Netzwerk zu reduzieren, weil er nicht zur Kurie gehört. Die offizielle Beauftragung spielt eine protokollarisch tragende Rolle. Der offizielle Status eines Diplomaten der Kurie steht bei Gallagher im Mittelpunkt. Er ist im Staatssekretariat für die Beziehungen zu den Staaten zuständig und ist in dieser Funktion der diplomatische Brückenbauer für den obersten Pontifex. Gallagher breitet den ganz offiziellen roten Teppich der päpstlichen Diplomatie für den Kreml aus.

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Gallagher sprach bei seinem Besuch auch mit Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche. Der Heilige Stuhl agiert offensichtlich auf ganz verschiedenen Ebenen zugleich – staatlich, religiös, humanitär: Kann er mit diesem Zusammenspiel mehr bewirken als andere Akteure in den internationalen Beziehungen?

Vielleicht kann der Heilige Stuhl einen Unterschied machen oder zumindest einen kleinen Beitrag leisten. Die russische Orthodoxie ist völlig vom Kreml abhängig und kein eigenständiger Akteur. Mit dem Höflichkeitsbesuch beim außenpolitischen Vertreter der russischen Orthodoxie wird lediglich unterstrichen, dass der Papst das Moskauer Patriarchat nicht völlig abgeschrieben hat. Zweifelsohne ist aber das Alleinstellungsmerkmal des Heiligen Stuhls in der Staatenwelt die religiöse Ausrichtung. Kein anderer Akteur mit dem Status eines Völkerrechtssubjekts, der als solcher mit allen Rechten am diplomatischen Verkehr der Staaten teilnimmt, ist das Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft. Der Vatikanstaat dient nur als Hauptquartier des Heiligen Stuhls, der als solcher den Status eines Völkerrechtssubjekts genießt. Mit dieser Eigenschaft als religiöser Akteur bringt der Heilige Stuhl eine Besonderheit ein, die manchmal Auswege auf dem diplomatischen Parkett der Staaten eröffnet, die innerweltlich nicht gegangen werden können. Die humanitäre Arbeit unterstreicht die moralische Glaubwürdigkeit eines religiösen Akteurs, der sich der Unparteilichkeit innerhalb der Menschheitsfamilie verpflichtet hat. Die diplomatischen Fähigkeiten des Heiligen Stuhls darf man nicht überschätzen, aber man sollte sie auch nicht unterschätzen.


Mariano Barbato ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Passau und Associate Professor (zugleich DAAD-Langzeitdozent) an der Andrassy Universität Budapest. Zuletzt erschien von ihn im August 2026 bei Campus „Legionen des Papstes. Machtpolitik von Leo XIII. bis Leo XIV.“

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