Klugheit ist eine Kardinaltugend. Sie stünde aber auch Bischöfen gut zu Gesicht. Wenn am Wochenende in Sachsen-Anhalt gewählt wird, dürfte die Meinung der katholischen Kirche zwar nur eine unbedeutende Minderheit qua Religionszugehörigkeit betreffen. Etwa drei Prozent der Sachsen-Anhalter sind katholisch. Aber dass sich die Kirche kräftig als Teil der großen Front gegen die AfD engagiert, werden politisch interessierte Zeitgenossen mitbekommen haben. Und der Gedanke liegt nicht fern, dass sie damit zum Wahlerfolg der Blauen beitragen dürfte.
Zuletzt war es der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer, der am Donnerstag in der FAZ bekannte, die AfD attackiere Nächstenliebe und unverhandelbare Menschenwürde, ja sie hintergehe „die demokratische Staatsform als solche“, weshalb er an die Wähler appelliere, ihr Gewissen zu schärfen. Gleichwohl seien die Zeiten vorbei, in denen jemand sage, „du kannst nur das oder das tun“. Dass Wilmer mit seiner Wortwahl – wie schon oft – bereits einige Prozent an Schärfe gegenüber seinem Vorgänger Bätzing zurücknimmt, werden wohl die wenigsten bemerkt haben.
Auch der Berliner Erzbischof Koch meldete sich am Donnerstag noch einmal gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur zu Wort. Die Liebe Gottes sei mit „völkischem Nationalismus“ nicht vereinbar. Deshalb müsse man auch das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinden „abwenden“. Beide Bischöfe vermuten im weiteren Gesprächsverlauf psychologische Motive bei AfD-Wählern. Während Wilmer noch von Überforderung spricht und den abgenudelten Topos der „einfachen Lösungen“ intoniert, ist Koch schon weiter: Grund sei auch, dass sich der Wähler nicht vorschreiben lassen wolle, wen man zu wählen habe.
Erzbischof Koch hat den richtigen Riecher – eigentlich
Damit dürfte er ins Schwarze getroffen haben. Zumindest Koch hat den offensichtlichen Mechanismus der Reaktanz – in einer Demokratie steht dem Bürger die freie Wahl zu, sonst ist es keine, und jeder Anflug der Einschränkung sollte ja gerade zu Abwehrreaktionen führen – durchblickt. Ihm ist also bewusst, dass das permanente „Haltung zeigen“ im Schulterschluss mit den regierenden Parteien allen Protestwählern nur Ansporn sein kann. Je intensiver die Kirche den Abwehrkampf gegen den Machtwechsel moralisch überzuckert, desto reizvoller für die Wähler, diese als Arroganz wahrgenommene (Selbst-)Gerechtigkeit abzustrafen.
Trotzdem gibt Koch Interviews, die dann mit „Kirche muss Risiko eingehen, AfD-Wähler zu verlieren“ betitelt werden. Man fragt sich: Wieso nur? Zumal man den Eindruck bekommen kann, dass viele Kirchenleute sich in politischen Fragen kategorischer positionieren als in religiösen: Wann hat man zuletzt einen Bischof sagen gehört, man müsse angesichts der Verbindlichkeit etwa der katholischen Sexualmoral eben das Risiko eingehen, dass sich die Gläubigen abwenden?
Das Modell „letzte Patrone der Demokratie“ hat sich erschöpft
Vielleicht wird Sachsen-Anhalt zur Chance, noch einmal über alles nachzudenken. Die AfD wird wohl auf ein Ergebnis um die 40 Prozent kommen und klar stärkste Kraft werden. Es ist übrigens alles andere als ausgemacht, dass sich nach der Wahl diejenigen in der CDU durchsetzen werden, die noch einmal auf die Karte „Allparteienkoalition der Mitte“ setzen und dafür eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei in Kauf nehmen würden, was wiederum die AfD nur weiter stärken und jede Deradikalisierung der Partei torpedieren würde.
Das Modell „letzte Patrone der Demokratie“ (Markus Söder), das ja bereits semantisch den Sackgassencharakter nahelegt – denn was soll danach kommen? – ist dem Ende wohl nahe. In Ostdeutschland, wo die politischen Gewissheiten und, wie man seit dem Rücktritt Heinrich Timmerevers’ weiß, auch die Bischöfe schneller altern, ist jedenfalls personelle Veränderung angesagt: Nach dem Dresdner Oberhirten wird auch der Magdeburger Bischof Gerhard Feige mit seinen dann 75 Jahren bald den Bischofsstuhl räumen. Wer danach kommt, täte sich einen Gefallen, würde er das offensichtlich erfolglose Modell „politisch dogmatisch, religiös liberal“ ebenfalls in das Altenteil wandern lassen.
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