Kaum ein Gleichnis Jesu ist so anstößig wie das der Arbeiter im Weinberg: Ein Gutsherr zahlt allen Arbeitern einen Denar, den Früharbeitern wie jenen, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Es handelt sich um den üblichen Tageslohn. Die Früharbeiter erhalten genau das Vereinbarte und sind dennoch unzufrieden. Aus ihnen spricht der Neid: Sie gönnen den Spätberufenen nicht, dass auch sie einen vollen Denar erhalten. Ihr Gerechtigkeitsempfinden bleibt dabei einseitig: Sie sehen nur ihre eigene Arbeit im Weinberg, nicht die Not derer, die schon früh am Morgen auf dem Markt standen, bereit zu arbeiten, aber niemand gab ihnen Arbeit. Und doch geht es in dem Gleichnis nicht um Gerechtigkeit im Sinne eines leistungsgerechten Ausgleichs, sondern um Gottes Barmherzigkeit, laut Thomas von Aquin der höchsten Form von Gerechtigkeit.
Mit Seitenblick auf die anderen Sonntagslesungen eröffnet sich eine heilsgeschichtliche Lesart: Die Arbeiter der ersten Stunde sind Israel, die später Berufenen die Heiden. Dass sie denselben Lohn erhalten, ist Ausdruck der universalen Heilsökonomie Gottes. Paulus, selbst ein Spätberufener, schreibt im Philipperbrief: „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben ist Gewinn“ (Phil 1, 21).
Der Jesajatext legt bereits die Grundlage dafür, dass Gottes Logik die menschliche Logik übersteigt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“ (Jes 55, 8). Was der Mensch zuweilen als ungerecht empfindet, ist in Wirklichkeit Gottes Güte, die für jeden denselben Lohn bereithält: das ewige Leben. Der Schächer am Kreuz, der in letzter Stunde umkehrt, erfährt dieselbe Verheißung wie die ersten Jünger. Doch Vorsicht: Die Barmherzigkeit darf nicht als Beliebigkeit missverstanden werden. Jesajas Aufforderung zur Umkehr bleibt unüberhörbar: „Der Frevler soll seinen Weg verlassen“ (Jes 55, 7). Reue ist die Haltung, mit der der Mensch die göttliche Barmherzigkeit überhaupt annehmen kann.
Die missionarische Strahlkraft erwacht
Die Frage der Arbeiter im Weinberg sollte nicht lauten: „Steht mir mehr als anderen zu?“, sondern: „Erkenne ich alles als Geschenk an und freue ich mich über alle, die Gottes Barmherzigkeit erfahren?“ Wie herausfordernd ist das bis heute! Und doch ist es heilsam, aufzuhören, sich mit anderen zu vergleichen und sein Leben als Geschenk anzunehmen. Und aus dieser Erfahrung wird der Beschenkte sich dafür einsetzen, dass auch andere sich für diese Sichtweise öffnen.
Letztendlich erwächst daraus die missionarische Strahlkraft der Kirche. „Die Letzten werden die Ersten sein“ (Mt 20, 16): Das ist ein Wort des Trostes für alle, die fürchten, zu spät dran zu sein im Dienst für den Herrn, und ein Wort des Auftrags für jene, die voller Dankbarkeit für die Gnade ihrer Berufung selbst zu Rufern in den Weinberg werden.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









