Der Knecht, um den es im Evangelium zunächst geht, hat hohe Schulden angehäuft. Seine Schulden sind so hoch, dass er sie gar nicht abtragen kann. Die logische Konsequenz nach den damals üblichen Rechtsvorschriften wäre, dass der Schuldner samt seiner Familie in die Schuldknechtschaft verkauft wird. Genau das ordnet der Herr an. Der Herr handelt gemäß den damaligen Rechtsvorschriften völlig korrekt. Die entscheidende Wende wird nun eingeleitet durch das Bekenntnis und die Bitte des Schuldners. Der Schuldner bestreitet nicht, dass er sich gegenüber seinem Herrn hoch verschuldet hat. Mit dem ganzen Einsatz seiner Person („Er fiel vor ihm nieder“) bittet er den Herrn um Geduld und bekundet seine Bereitschaft, ihm alles zurückzuzahlen. Hier wie auch bereits in der Einleitung der Perikope wird deutlich: Die hohen Schulden stehen für eine schwere moralische Schuld. Die Eingangsfrage des Petrus macht dies unmissverständlich klar: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt?“ Es geht um die Sünde gegen den Bruder. Schon die erste Antwort Jesu, er, Petrus, müsse dem Bruder, der gegen ihn gesündigt hat, „siebzigmal siebenmal“ vergeben, besagt: Die Vergebung muss grenzenlos sein.
Bekenntnis, Reue und Bitte um Vergebung
Spätestens an dieser Stelle müssen wir auf ein verbreitetes Missverständnis eingehen. Die unbegrenzte Vergebungsbereitschaft, die Jesus von seinen Jüngern einfordert, besagt nicht, dass die Sünde nicht so schlimm ist, dass selbst die schlimmste Sünde gar keine Sünde ist, dass alle Sünden einfach vergeben werden. Das Gegenteil ist der Fall. Warum hat der Herr seinem Diener die Schulden erlassen, das heißt: seine Sünden vergeben? – Weil er mit der Hingabe seiner ganzen Person inständig darum gebeten hatte. „Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast“, sagt der Herr rückblickend. Das Niederfallen des Knechtes und die Bitte um Erlass der Schulden lassen im Kontext der Bibel den Ritus der Buße durchscheinen: Bekenntnis der Schuld, Reue und Bitte um Vergebung. Im Rahmen eines Bußgottesdienstes heißt es im Buch Nehemia: „Dann bekannten sie ihre Schuld und warfen sich vor dem Herrn, ihrem Gott, nieder“ (Neh 9,3). Die Frage des Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt“ (Mt 21, 1), scheint auch auf diese Geschichte anzuspielen.
Wenn der Bruder, gemeint ist der Mitchrist, von Herzen bekennt, dass er gegen seinen Bruder im Glauben gesündigt hat, wenn er aus der Mitte seines Herzens um Vergebung bittet und zugleich die Bereitschaft bekundet, alles wieder gutzumachen („Ich werde dir alles zurückzahlen“), dann darf ihm die Vergebung nicht verweigert werden. In diesem Sinne ist Gott ein Gott der Barmherzigkeit, „der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt“ (Ps 103, 3f).
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









