Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Exerzitium

Der Bruder als Feind

Wer die Bibel liest, weiß: In der brüderlichen Nähe steckt Konfliktpotenzial.
Der erste Mord ist ein Brudermord: Kain tötet Abel, Gemälde von David Teniers (1610-1690).
Foto: IMAGO/H Tschanz-Hofmann (www.imago-images.de) | Der erste Mord ist ein Brudermord: Kain tötet Abel, Gemälde von David Teniers (1610-1690).

Obadja zählt zu den sogenannten „kleinen Propheten“. Sein Buch ist das kürzeste des Alten Testaments (in meiner Herder-Ausgabe umfasst es nur eine Seite), im Gottesdienst wird nicht aus ihm gelesen. Zufällig schlug ich es auf. Die Botschaft des Herrn, die der Prophet vernommen hat, ist nur eine einzige und eindeutig von Anfang an: „Auf, erheben wir uns zum Kampf gegen dies Volk!“ (Ob 1)

Was dann folgt, zeigt trotz der Kürze eine unerhörte Intensität und Heftigkeit. Der Feind wird bestimmt, und der schlimmste, gefährlichste Feind ist nicht ein beliebiger Fremder, sondern entpuppt sich ausgerechnet als der Bruder. Der Herr verkündet seine Strafe gegen Edom, also das „Haus Esau“ – des Bruders von Jakob, dem Urvater des Volks Israel. Sie lautet auf Vernichtung: Das „Haus Jakob“ wird „zum Feuer“, das Haus Esau aber „wird zu Stroh, / sie stecken es in Brand und verzehren es. Niemand vom Haus Esau wird übrig bleiben.“ (Ob 18) Edom-Esau, so die Anklage, hatte um 586 vor Christus mit den Babyloniern kollaboriert, den äußeren Feinden Israels. Die für Obadja gegenwärtige Lage wiederholt den in ferner Vergangenheit liegenden, aber für den Propheten völlig gegenwärtigen Urkonflikt der Brüder. Dieser gewinnt eine Tiefe, die rein politische Kämpfe weit hinter sich lässt: Was hier vorliegt, ist ein Bruder-Völker-Religionskrieg.

Zurück bis Kain und Abel

Esau war der ältere der beiden Zwillinge, an sich wäre ihm die Nachfolge Isaaks zugefallen. Er war auch der Kräftigere. Aber als er vierzig Jahre alt war, „heiratete er Jehudith, die Tochter des Hethiters Beeri, und Basemat, die Tochter des Hethiters Elon. Diese bereiteten Isaak und Rebekka Kummer.“ (Gen 26, 34–35) Warum? Eine Nachfolge Isaaks durch Esau wäre zu einer Katastrophe des auserwählten Volkes geworden, noch bevor es sich hätte konstituieren können. Die Heiratsregeln waren streng. Im Deuteronomium heißt es von den Nachbarstämmen des auserwählten Volks: „Du darfst dich nicht mit ihnen verschwägern; deine Tochter darfst du nicht einem ihrer Söhne zur Frau geben und dein Sohn darf nicht eine ihrer Töchter zur Frau nehmen. Denn dein Sohn würde mir abtrünnig, indem er andere Götter verehrt; der Zorn des Herrn würde gegen euch entflammen und dich sofort austilgen.“ (Deut 7, 3–4) Deshalb der „Kummer“ von Isaak und Rebekka. Und deshalb der im Sinne damaliger Anschauungen höhere Rechtsgrund für den Betrug mit dem Linsengericht. Von einem der Söhne Esaus stammt dann Amalek, der zum Vater der schlimmsten Feinde Israels wird – mit allen andern kann man verhandeln, mit Amalek niemals.

Der schlechthin fremde Feind interessiert mich nicht; der Bruder aber ist mir zu nah, als dass ich ihm gegenüber neutral bleiben könnte – was der Bruder tut, berührt einen schwer definierbaren Kern in mir. Man denke an Kain und Abel. Mit dem Bruder teile ich ein Erbe, mag es sich um ein genetisches oder eines der Anerkennung oder der Besitztümer handeln. Darum werden hier die Konflikte besonders leicht „existenziell“ und einer „vernünftigen“ Lösung oft unzugänglich. Je näher die Feinde einander sind, umso schwieriger wird der Friede.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Lorenz Jäger Altes Testament Jesus Christus

Weitere Artikel

Am 16. Juli feiern wir unsere Mutter im Himmel. Weißt du, was Maria in der Hand trägt? Entdecke, wie du unter Marias Mantel sicher sein kannst.
16.07.2026, 11 Uhr
Marie-Therese Rouxel Sibylle Schmitt
Neue Trends in der Gastronomie? Nach vielen Jahren der nicht enden wollenden Verfeinerung besinnen sich Spitzenköche wieder auf Regionalität und Tradition. 
04.07.2026, 17 Uhr
Henry C. Brinker

Kirche

Kardinal Roche verkündet Stillstand bei der Frage der Liturgie: Leo werde „Traditionis custodes“ nicht zurücknehmen. Doch das Thema lässt sich nicht kaltstellen.
31.07.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch
Synodalität und Laienapostolat: Bischof Ricardo García García von der Prälatur Yauyos in Peru warnt vor ermüdenden Sitzungen und ermutigt Laien zum Engagement jenseits des Kirchenraums.
31.07.2026, 19 Uhr
Regina Einig
Hasskriminalität wird in Österreich immer jünger und digitaler. Religionsfeindlichkeit spielt dabei eine durchaus beachtete Rolle.
30.07.2026, 15 Uhr
Stephan Baier
Schriftsteller Martin Mosebach wird am 31. Juli 75 Jahre alt. Sein literarisches Werk und sein Wirken für die Alte Messe verbindet der Sinn für das unverfügbare Schöne.
30.07.2026, 21 Uhr
Benjamin Leven Sebastian Ostritsch