Tod und Gericht sind die Stiefkinder der Verkündigung geworden. Wo die Predigt einen Bogen um unbequeme Fragen macht, erlaubt die internationale Politik der Spaßgesellschaft aber kein Ausweichen. Denn die derzeitige Bedrohung des Friedens in Europa stellt die Kirche wieder einmal vor die Aufgabe, den Menschen mit Glaube und Vernunft Antworten auf die Letzten Fragen zu geben. Versagt die Institution aus Angst, Unverständige könnten sie für ihre vermeintliche „Drohbotschaft“ tadeln, stößt sie die Verängstigten und Vereinsamten in die Wartezimmer mehr oder minder empfehlenswerter Fachkräfte für psychische Gesundheit. Oder überlässt sie der Verzweiflung beziehungsweise dem Esoterikmarkt.
Die politische Eskalation dieser Woche – der russische Außenminister Lawrow sieht bereits den „Beginn eines echten Krieges“ mit Deutschland – legt nahe, dass die Menschen vorläufig nicht zur Ruhe kommen. Wie sieht eine angemessene Reaktion der Christen aus? Weder Wegsehen noch Panik könnte eine Maxime sein. Die Kirche als politische Parallelwelt interessiert die meisten Zeitgenossen nicht, wie die Wahlen in Sachsen-Anhalt gezeigt haben.
Die bewährten Waffen der Christen
Die bewährten Waffen der Christen in Krisenzeiten sind Gebet, Fasten und eine richtig verstandene Buße. Aus dem friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs können die Deutschen auch für die Konflikte der Gegenwart lernen: Der Frieden ist es wert, dass öffentlich und konfessionsübergreifend dafür gebetet wird. Bischöfliche Wahlempfehlungen mögen an den Menschen abprallen, aber kein Gebet ist umsonst. Weniger episkopaler Betroffenheitsjargon und fruchtloser Polittalk, weniger Schlafwandeln auf Reformnebenschauplätzen und synodalen Wegen und mehr Zeit unter dem Kreuz oder vor dem Tabernakel könnte eine Konsequenz aus der politischen Entwicklung sein. Wer jetzt an Traditionen erinnert, die Generationen von Gläubigen in dunklen Zeiten der Geschichte Halt gaben, schürt keine Kriegsangst, sondern reagiert auf eine Nachrichtenlage, der sich christlich nicht sozialisierte Zeitgenossen oft hilflos ausgeliefert fühlen.
Denn die gute Nachricht lautet: Alle Christen können in Zeiten politischer Eskalation etwas tun: Gebet, Sakramente, Betrachtung und Opfer bleiben ein zeitlos aktuelles Instrumentarium. Es den Menschen vorzuenthalten, wäre unverantwortlich. Die säkularisierte Gesellschaft mag weitgehend von Mangel an Glaubenswissen und Bibelkenntnis geprägt sein – in puncto kirchliche Authentizität kommt es nach wie vor entscheidend auf das persönliche Beispiel an. Dass die Autorität und öffentliche Reputation der Kirche durch den Missbrauchsskandal gelitten hat, ist kein Persilschein für ein Wegducken ihrer Mitglieder. Hier liegt das Problem: Während der weltweiten politischen Krisen der letzten zehn Jahre – Migration und Pandemie – haben sich Reaktionen von Kirchenvertretern oft zu wenig von jenen der Politiker unterschieden.
Wer heute 20 Jahre oder jünger ist und die Zukunft fürchtet, kommt oft nicht auf Idee, dass die Kirche ihm einen Weg weisen könnte, auch wenn er sich im biblischen Bild des Menschen, der gute Tage zu sehen wünscht, durchaus wiederfindet. Das innerkirchliche Nörgeln über die den angeblichen Reformstau und der politische Übereifer mancher Kirchenvertreter versperren den Blick darauf, dass das gute Leben der Christen nicht in erster Linie von Strukturen abhängt, sondern eine Frage der Offenheit für die Gnade ist. Politische Krisen können eine Chance sein, um christliche Weisheit zu entdecken: Wer das Böse meidet, das Gute tut und den Frieden sucht, kann zu jeder Zeit auf ein gutes Leben hoffen.
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