An der Place Boucicaut zeigt sich das Pariser Leben in gemächlichem Glanz. Ahornbäume, Frankreichflaggen und die Architektur des Hotels Lutetia und des Bon Marché prägen das Bild, das vom Boulevard Raspail tangiert wird. Eben jene Stadt macht seit Jahren Schlagzeilen mit einem in äußerster Fragilität vitalen Christentum. Wenn man die Gelegenheit hat, am Pfarrleben der nahe gelegenen Kirche St. Germain-des-Prés teilzunehmen, staunt man nicht schlecht über die Energie des katholischen Glaubens, ausgerechnet an jenem Ort, wo er mit äußerster Brutalität unterdrückt wurde: Sowohl das revolutionäre Gemetzel im September 1792 als auch die Folterungen im Militärgefängnis Cherche-Midi fast eineinhalb Jahrhunderte später fanden in dieser Gegend statt. Die Dienstagsabende im Pfarrzentrum des geschichtsträchtigen Palais Abbatial mit den Katechumenen – über 100, meist junge Teilnehmer – werfen die Frage nach den Gründen dieser katholischen Widerstandskraft auf. Einer der Gründe findet sich am Ende des erwähnten Boucicaut-Parks, an der historischen Adresse Rue du Bac 120/128: Bis heute steht hier das Zentrum der Gesellschaft der ausländischen Missionen zu Paris („Société Missions étrangères de Paris“, kurz: MEP).
Die asiatischen Kunsthandwerkserzeugnisse im Schaufenster verleiten den neugierigen Reisenden zum Betreten des Atriums der Epiphanie-Kapelle und zur Begegnung mit dieser Institution der französischen Kirche, die eng mit der Entstehung der Kirche in Asien verbunden ist. Die im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Alexandre de Rhodes (1591–1660) und vom Karmeliterpater Bernard de Sainte-Thérèse (ursprünglich Jean Duval, Titularbischof von Bagdad, 1597–1669) gegründete Gemeinschaft erlebte ihren historischen Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Während und insbesondere nach der Französischen Revolution waren es die Berichte von Märtyrern in Asien, die den Glauben in ihrer französischen Heimat beflügelten. Charles Gounod (1818–1893) etwa, der zeitweise als Kapellmeister an der Kirche der Missions Étrangères in der Rue du Bac diente, komponierte nicht nur die Papsthymne, sondern auch den Hymnus für die Entsendung der Glaubensboten. Zu denken ist aber auch an Théophile Vénard (1829–1861), der in Vietnam den Märtyrertod starb und den die heilige Thérèse von Lisieux (1873–1897) als ihren Seelenverwandten betrachtete. Bis heute erlebt man in Gesprächen immer wieder, wie wichtig die Erinnerung an diese Missionare und Märtyrer für das hiesige Christsein ist. Wie der Kapellmeister Gounod den Missionaren ein musikalisches Monument errichtete, so schuf der christliche Regisseur Damien Boyer mit „Baroudeurs du Christ“ (2025) ein filmisches Denkmal für die Pariser Missionare.
Kein Wunder, denn die Glaubensverkündigung und deren Bezeugung bis zu den äußersten Konsequenzen gehören seit der römischen Katakombenzeit zu den typischen Merkmalen der christlichen Gemeinden. Somit erweisen sich die Missions étrangères de Paris gleichsam als Geburtshelfer vieler Berufungen in Frankreich und darüber hinaus, indem sie diese Erinnerung an die Märtyrerbereitschaft des Christenmenschen wachhalten. Deutlich wird die sich daraus ergebende Strahlkraft des Glaubens auch bei den monatlichen Gebetswachen mit jungen Menschen, die die Missionare in der friedlichen Kulisse ihres großen Gartens abhalten. Die Teilnehmer singen inbrünstig das populäre Kirchenlied „Puissance et gloire de l’esprit“ (deutsch: „Macht und Herrlichkeit des Geistes“), während im Licht der Fackeln in der Ferne der Eiffelturm und in der Nähe der pagodenartige Pavillon mit der goldenen Aufschrift „Mater Martyrum“ aufscheinen.
Der Autor ist promovierter Historiker und Habilitand an der Universität Potsdam.
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