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Ein Bauherr dankt ab

Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers nimmt seinen Hut – ein Jahr vor dem üblichen Datum. Warum? Ein Rückblick auf eine nicht ganz konfliktfreie Amtszeit.
Dresdner Bischof Timmerevers gibt Amt auf
Foto: IMAGO/Matthias Schumann (www.imago-images.de) | Bauherr mit reduzierten Spannkräften: Bischof Heinrich Timmerevers im Haus der Kathedrale.

Dresden, das ist Barock. Als der sächsische Kurfürst Friedrich August II. die katholische Hofkirche planen ließ, erfolgte dies zunächst unter strikter Geheimhaltung, das kann man jedenfalls bei Wikipedia lesen. Der katholische Fürst wollte seine evangelische Bevölkerung nicht durch katholische Repräsentationsarchitektur provozieren. In ebenjenem spätbarocken Schmuckstück – heute als Kathedrale Sanctissimae Trinitatis Sitz der Bischöfe von Dresden-Meißen – liegt nun ein violetter Talar über der Kathedra; Zeichen der Vakanz, denn zum 2. September hat Papst Leo XIV. den Rücktritt von Heinrich Timmerevers als Bischof von Dresden-Meißen angenommen.

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Am vergangenen Samstag war es also nicht nur das lange geplante Pontifikalamt zu dessen 25. Weihetag als Bischof, sondern auch sein Abschied, den die Dommusik mit Felix Mendelssohn Bartholdys festlicher Vertonung des 100. Psalms musikalisch anstimmte. „Nun jauchzt dem Herren alle Welt, kommt her, zu seinem Dienst euch stellt“: Dieses Wort, so Timmerevers – ironisch? – stehe „bewusst am Anfang unserer Feier“. Immerhin hat der neue Altbischof außer reduzierten „Spannkräften“ im 75. Lebensjahr keine offizielle Begründung dafür produziert, warum er mehr als ein Jahr vor dem dafür üblichen Datum um seine Freistellung gebeten hat. Und mehr noch: In seinem Rücktrittsvideo betont Timmerevers, „nichts und niemand“ habe ihn dazu gedrängt. Dem sächsischen Fernsehen sagt er wenig später, Machtverzicht sei immer „bitter“, wenn „jemand gezwungen wird, zu gehen“. Er hingegen habe sich „einfach die Freiheit genommen“, diesen Schritt „in freier Entscheidung“ zu tun. Und das mache ihn froh. Klingt fast, als sei auch Timmerevers der Meinung, der ein oder andere reale Missstand im Bistum hätte ebenfalls zur Begründung gereichen können.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Zeitschrift „Publik Forum“ einen Tag vor Timmerevers’ öffentlichem Rückzug mit einem eher blumigen Bericht herauskam, nach dem „alles“ über Timmerevers „zusammengebrochen“ sei: finanziell bedingte Einschnitte bei diözesanen Angeboten, Millionenausgaben für ein „Bischofspalais“, Stillstand bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Was also ist dran an der These, den Bischof habe die Kritik übermannt?

Schwierige Missbrauchsaufarbeitung

Außer Frage steht, dass Timmerevers’ Amtszeit durchaus von Konflikten geprägt war. Zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise richtet Dresden-Meißen 2023 zunächst gemeinsam mit dem Bistum Görlitz, dem Erzbistum Berlin und dem katholischen Militärbischofsamt eine Interdiözesane Aufarbeitungskommission ein. Nach der präzedenzlosen Auflösung der Kommission 2025 wegen „kommunikativer Probleme“ und „dysfunktionaler Zusammenarbeit“ starten Berlin, Görlitz und die Militärseelsorge einen neuen Anlauf zur Bildung einer gemeinsamen Kommission, die dann mit der Ausschreibung einer Missbrauchsstudie fortfahren soll.

Dresden-Meißen geht stattdessen einen eiligeren Weg: Das Bistum beauftragt für eine eigene Missbrauchsstudie den Historiker Bernd Schäfer. Der soll schon mal eine „belastbare Faktengrundlage“ schaffen, während gleichzeitig eine neue diözesane Aufarbeitungskommission erst noch aufgestellt wird. Seither steht Dresden stärker als die anderen Bistümer in der Kritik: Schäfer sei, da direkt vom Bischof beauftragt, nicht unabhängig, sagt die Sprecherin des aufgelösten „Betroffenenbeirat Ost“, Sabine Otto, dem MDR im Juli 2026. Stand jetzt hat die Aufarbeitung jedenfalls ein Handicap: Nachdem der MDR-Bericht noch nahelegte, immerhin ein Betroffener habe sich für eine Mitarbeit in der neuen Kommission gemeldet, bestätigt das Bistum dieser Zeitung, dass man aktuell gar niemanden mehr habe. Auffällig auch: Der Missbrauch ist das einzige Thema, auf das Timmerevers am Samstag noch einmal dezidiert eingeht. „Wenn ich zurückschaue, muss ich aber auch gestehen, dass ich Menschen etwas schuldig geblieben bin“, sagt der Bischof in seinen Abschiedsworten in der Kathedrale. „Mein Tun und Lassen, mein Wort und Beispiel waren nicht immer in ausreichendem Maße dienlich ... Dafür bitte ich um Entschuldigung.“

Geldsorgen und Bauvorhaben

Indessen sind auch bei einem weiteren überregionalen Thema die Herausforderungen in Dresden besonders groß. Während sich Kirchenaustritte und Demografie in allen Diözesen auch finanziell bemerkbar machen, musste Dresden den Wegfall des „Strukturbeitrags“ – eines Zuschusses westdeutscher Diözesen – von immerhin 15 Millionen Euro jährlich verkraften, etwa 20 Prozent des Haushalts 2019. Seit 2026 bekommt Dresden-Meißen nach zuletzt immerhin noch rund zehn Millionen Euro gar nichts mehr. Der nötigen finanziellen Konsolidierung im Rahmen eines „Strategieprozesses“ fiel zuletzt etwa das „Bildungsgut St. Benno“ in Schmochtitz zum Opfer. Das Bildungshaus, so das Bistum in einer Mitteilung im August, verzeichne ein jährliches Defizit von 700.000 Euro, das sich nicht tragfähig reduzieren lasse. Ein Erwachsenenbildungshaus mit Beherbergung gibt es damit künftig im Bistum nicht mehr. Die Kirche messe sich aber nicht an der Zahl ihrer Häuser, so Timmerevers in der Bistumsverlautbarung – sondern „daran, ob sie Menschen mit Christus in Berührung bringt“.

Für gewisse Zweifel, dass damit die Prioritätenordnung des Bistums präzise beschrieben ist, sorgt allerdings die tatsächlich rege Bautätigkeit während Timmerevers’ Amtszeit. Fast neun Millionen Euro wurden ab 2019 für eine Sanierung des erst 1999 fertiggestellten Hauses der Kathedrale fällig. Man habe „behutsam in die Substanz eingegriffen, um funktionale und ästhetische Mängel zu beseitigen“, heißt es dazu auf der Website des verantwortlichen Architekturbüros. Rund 48 Millionen Euro kostete schließlich ein neues Ordinariatsgebäude, das 2025 bezogene Probst-Beier-Haus. Nötig gewesen sei der Neubau unter anderem wegen gewachsener Verwaltung durch Digitalisierung und wachsende Dokumentationspflichten, heißt es auf der Informationsseite.

Etwa 80 Mitarbeiter zählt allein das Ordinariat des Bistums, in dem zuletzt noch 16.000 Menschen in die Sonntagsgottesdienste gingen. Das Bistum will mit dem Neubau im Vergleich zu Alternativoptionen sogar Geld gespart haben, vermietet 40 Prozent der Bürofläche und versichert sicherheitshalber schon auf der eigenen Webpräsenz, auch wirklich „kein Luxusobjekt“ gebaut zu haben. Man habe die Architekten angewiesen, „alles (zu) vermeiden, was nach Protz aussieht“. Im Übrigen sei die nötige Summe bereits unter vorigen Bischöfen zurückgelegt worden. Und wenn man so will, war der Sparkurs auch trotz der Baumaßnahmen wenigstens teilweise erfolgreich: Statt der 2019 zu Beginn des Strategieprozesses für 2026 befürchteten 17,5 Millionen Euro beträgt das aktuell geplante Defizit des Bistums, wie aus Unterlagen hervorgeht, die die Tagespost einsehen konnte, nur 4,3 Millionen Euro. Da ging sich dann im November 2025 offenbar auch der bischöfliche Dienstwagenwechsel vom Audi A6 auf den größeren A8 aus.

Eine geschlossene Buchhandlung und ein umstrittenes Dokument

Dass man sich der kommunikativ herausfordernden Lage jedenfalls durchaus bewusst war, dürfte auch an der erheblichen Unruhe infolge der Schließung der traditionsreichen St.-Benno-Buchhandlung zum Jahresende 2020 gelegen haben. Mit der Inhaberin der bereits in DDR-Zeiten bestehenden katholischen Buchhandlung konnte mitten in der Coronakrise kein Konsens über die weiteren Mietkonditionen erzielt werden. Ganze Kirchengemeinden protestierten, sogar ein SPD-Landtagsabgeordneter setzte sich für die Buchhandlung ein. Ein von über 200 Gläubigen unterzeichneter Brief an Timmerevers vom November 2020, der dieser Zeitung vorliegt, zog die Parallele zu den Baumaßnahmen direkt: Ob das Ordinariat, das „aus einer ökonomischen Erwägung heraus“ die Entscheidung fälle, die Buchhandlung „sterben zu lassen“, womöglich zusätzliches Geld benötige, um das Haus der Kathedrale „luxuszusanieren“? Das Bistum verwies seinerzeit auf eine sowieso aufgrund von Corona gestundete Miete sowie auf ein „faires Angebot“ angesichts des damals stark defizitären Haushalts. Im April 2022 eröffneten dann die Malteser, deren Bundesseelsorger Timmerevers ist, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge in den Ladenräumen.

Überregional umstritten war schließlich das Dokument „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“, für das Timmerevers als Vorsitzender der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz verantwortlich zeichnete. Der Passauer Bischof Stefan Oster kommentierte den Text mit den Worten, er trage zwar die Aufschrift „Die deutschen Bischöfe“, spreche aber nicht in seinem Namen. Denn der Mensch sei nicht einfach schon erlöst, sondern bedürfe der Erlösung, während schon der Titel des Dokuments voraussetze, dass Vielfalt sexueller Identitäten bereits Ausdruck des göttlichen Schöpfungswillens sei.

Er will Dresdner bleiben

Eine erschöpfende Liste der Streitpunkte der immerhin zehnjährigen Amtszeit des gebürtigen Münsterländers ist damit naturgemäß nicht gegeben. Beispielsweise galt Dresden zu Timmerevers’ Zeiten wohl auch bei Seminaristen nicht als allererste Adresse, erfährt die Tagespost aus Kreisen ehemaliger Interessenten. Wie viele Bistümer hatte Dresden ernüchternde Weihezahlen, in den letzten fünf Jahren waren es insgesamt drei Neupriester. Wie steht es aktuell um die Nachwuchsausbildung? Dazu vermag das Bistum auf die Schnelle keine Auskunft zu geben, denn am Montag nach Timmerevers’ Abschied sind „mehrere Leitungskräfte“ wegen einer Pastoraltagung nicht in Dresden, sondern – quasi auf Abschiedstour – noch einmal im Bildungsgut Schmochtitz versammelt.

Und der neue Altbischof? Macht jedenfalls nicht den Eindruck, sein Bistum überstürzt verlassen zu wollen. Nicht nur habe er seinen Rücktritt bereits im Februar dem Papst angetragen. Timmerevers will seiner neuen Heimat auch weiter treu bleiben. In Dresden will er, der Bauherr, nun „in eine Mietswohnung ziehen“.

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