Warum können so viele Menschen vom Untergang der Menschheit eigentlich nicht genug bekommen? Liegt es an der derzeitigen apokalyptischen Stimmung, die sich, verstärkt durch Corona, die aktuellen Kriege, Klimakatastrophen, KI-Ängste und kulturpolitische Kämpfe, vielerorts ausgebreitet hat? Diese Frage kann man sich zumindest stellen, wenn man sich die aktuelle Kino- und Serienlandschaft anschaut. Diesjährige Filme wie „28 Years Later: The Bone Temple“, „Greenland 2“ oder auch Streamingserien wie „The Last of Us“, „Fallout“ oder „Silo“ legen zumindest nahe, dass das postapokalyptische Genre weltweit boomt und sich großer Beliebtheit erfreut.
„Blade Runner“- und „Alien“-Regiealtmeister Ridley Scott, der sich als britischer Vielfilmer mit seinen 88 Jahren bestens mit dystopischen Zukunftsszenarien auskennt, vor keinem Filmgenre haltmacht und immer für eine Überraschung gut ist, hat in den letzten sechs Jahren ganze fünf Filme abgedreht. Nun hat er mit seinem neuen Werk „Das Ende der Sterne“ (im Original „The Dog Stars“) einen weiteren postapokalyptischen Thriller abgeliefert, der uns in einer nahen Zukunft ein ebenso faszinierendes wie bedrohliches Szenario präsentiert.
Erkundungsflug und Neuanfang
Der junge Hobbypilot und ehemalige Mechaniker Big Hig (Jacob Elordi) hat sich gemeinsam mit seinem Hund Jasper und dem grimmigen Ex-Marinesoldaten Bangley (Josh Brolin) im Jahr 2035 in einer durch eine verheerende Pandemie zerstörten Welt ein funktionales Zuhause in einem verlassenen Flugzeughangar in den Bergen des US-Bundesstaats Colorado geschaffen. Bangley begegnet den neuen Lebensumständen mit Härte. Er verteidigt ihr Territorium gegen marodierende Angreifer, die es auf Nahrung und Waffen abgesehen haben. Der sensible Hig hingegen, der durch das Grippevirus seine Frau und sein ungeborenes Kind verloren hat, trauert in der Isolation um sein altes Leben und sucht nach Verbindung zu anderen Menschen. Eine willkommene Ablenkung bietet ihm immer wieder die nahegelegene, menschenleere und verwilderte Stadt Denver, zu der er öfter mit seinem klapprigen Flugzeug hinfliegt, um nach Medikamenten, Treibstoff sowie Lebensmittel- und Getränkevorräten zu suchen. Zudem besucht er hin und wieder eine Gemeinschaft von Mennoniten, die sich in den Bergen als religiöse Gemeinschaft unter der Führung eines Mannes namens Aaron (Benedict Wong) eine neue Heimat aufgebaut haben und von ihm materiell unterstützt werden.
Als ihn eines Tages auf einem seiner Erkundungsflüge eine geheimnisvolle Funkübertragung vom Flughafen „Grand Junction“ erreicht, bricht Hig mit seiner alten Cessna-Maschine zu einer gefährlichen Reise ins Unbekannte auf, stets auf der Suche nach Hoffnung und einem Neuanfang, denn Hig hat trotz der dramatischen Umstände, in denen er lebt, den Glauben an die Menschlichkeit nicht verloren. Er sehnt sich nach Menschlichkeit in einer unmenschlich gewordenen Welt. Dabei locken ihn die Funkmeldungen wie einst die Sirenen den Odysseus. Schließlich trifft er auf seiner Odyssee auf weitere Überlebende wie den alten Pops (Guy Pearce) und dessen Tochter Cima (Margaret Qualley), die sich ihm anschließen, um sich gemeinsam gegen marodierende Banden und andere Feinde zur Wehr zu setzen. Statt auf wilde Actionspektakel setzt der Film überwiegend auf ruhige Bilder, große Landschaften, ein starkes Star-Ensemble, viel Atmosphäre und die Frage, was von der Menschlichkeit übrig bleibt, wenn fast keine Menschen mehr da sind bzw. die Überlebenden sich gegenseitig bekriegen.
Wie weiterleben?
Es geht um das ständig präsente Misstrauen zwischen Überlebenden und um die Frage, ob man nach der Katastrophe nur einfach weiterexistieren will oder mit anderen eine neue Zivilisation aufbauen möchte. Scotts Endzeitdrama verliert sich nicht in düsteren Materialschlachten, sondern stellt der vom Menschen zerstörten Welt immer wieder die Schönheit und die Kraft der Natur entgegen. Gedreht wurde jedoch nicht in Colorado, sondern in Italien, dessen Landschaften den amerikanischen Westen doubeln. Die wenigen Action- und Schocksequenzen sind zwar handwerklich überzeugend inszeniert, fügen sich aber nicht immer organisch in den Film ein und wirken manchmal wie Fremdkörper, die den eigentlichen Erzählfluss unterbrechen. Dennoch ist „Das Ende der Sterne“ dank Scotts großer Regiekunst ein hochspannender, melancholischer und auch unterhaltsamer Charakterfilm geworden. Jacob Elordi, der zuletzt schon in so unterschiedlichen Rollen wie der von Elvis Presley und Frankenstein überzeugen konnte, trägt den Film als ein in sich ruhender, charakterstarker und moralisch gefestigter Mann durch jede Szene hindurch und hat eine wunderbare Chemie mit seinem Co-Star Josh Brolin sowie den übrigen Cast-Mitgliedern.
„Das Ende der Sterne“, USA/Großbritannien 2026, 118 Minuten, Regie: Ridley Scott, seit dem 27. August im Kino.
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln.










