Drohnen und Überschallknalle begleiten die Dreharbeiten. Geplante Spielstätten im Süden des Landes müssen aufgegeben werden. 2024, als sich der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah verschärft, dreht der libanesische Drehbuchautor und Regisseur Cyril Aris seinen Spielfilm „A Sad and Beautiful World". Der Film feierte seine Premiere 2025 im Rahmen der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig und gewann den Publikumspreis der Reihe „Giornate degli Autori". Weitere Auszeichnungen auf internationalen Filmfestivals folgten. „A Sad and Beautiful World" wurde außerdem als libanesischer Kandidat für den Oscar als „Bester Internationaler Film" ausgewählt. Nun startet er im regulären Kinoprogramm.
Während eines Angriffs auf Beirut kommen in einem Krankenhaus zwei Kinder zur Welt, nur eine Minute voneinander getrennt: Nino und Yasmina. Bereits die Anfangsszene enthält ein Grundmotiv des Spielfilmdebüts von Cyril Aris: Geburt und Zerstörung, Hoffnung und Angst, Schönheit und Trauer, alles liegt dicht beieinander.
Verliebt im Klassenzimmer
Einige Jahre später sitzen Nino und Yasmina in derselben Schulklasse. Sie freunden sich an, spielen zusammen Streiche und ziehen sich auf ein verlassenes Bahngelände zurück, wo sie einen Fluchtplan schmieden: Ein „magischer Zug" soll sie aus Beirut fortbringen. Nino erklärt Yasmina auf kindlich-unbefangene Weise seine Liebe. Als sie sich aber treffen wollen, um ihren Plan umzusetzen, erscheint Yasmina nicht. Nach der Scheidung der Eltern hat ihre Mutter sie fortgebracht.
Erst zwanzig Jahre später begegnen sich die beiden zufällig wieder. Nino (Hasan Akil) führt mit Unterstützung seines Großvaters das Restaurant seiner verstorbenen Eltern. Mitten im Chaos der libanesischen Hauptstadt bewahrt er eine ansteckende Unbekümmertheit. Yasmina (Mounia Akl) hingegen ist zu einer desillusionierten, zynischen jungen Frau geworden: „Ich hasse die Welt, in der wir leben." In seinen Protagonisten verdichtet Regisseur Cyril Aris unterschiedliche Haltungen vieler Libanesen zu ihrem Land: „Nino trägt eine tiefe Sehnsucht nach dem Libanon der Vergangenheit in sich, eine Nostalgie für das, was einmal war. Yasmina hingegen verkörpert den Wunsch nach Flucht, Neuanfang und einem Leben anderswo", erklärt Aris.
„A Sad and Beautiful World" erzählt deshalb nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch von der widersprüchlichen Beziehung der Libanesen zu ihrer Heimat. In Bildern von riesigen Menschenschlangen, die einen Pass beantragen wollen, oder von einem Feuerwerk, das sich wie eine Salve von Schüssen anhört, tritt der Libanon neben Nino und Yasmina als dritter Protagonist auf: Ein Land, das von seinen Bewohnern zugleich geliebt und verflucht wird; das immer wieder zerstört wird und sich dennoch aus der Asche erhebt. Auf jede Katastrophe folgt ein Neuanfang, der erneut bedroht wird.
Das Leben ist schön – trotzdem
Im „Zentrum des libanesischen Seins", erklärt Aris, stehe die „Fähigkeit, selbst in der dunkelsten Stunde nicht zu verzweifeln, verbunden mit dem Bewusstsein, wie nahe Trauer und Freude beieinanderliegen." Der Filmtitel ist Jim Jarmuschs „Down By Law" (1986) entlehnt. In dessen Eröffnungssequenz sagt Roberto Benigni: „It's a sad and beautiful world." Diese Worte hätten ihn unmittelbar berührt, „da ich den Libanon genau so beschreiben würde." Der Titel erinnere aber auch an Klassiker wie Frank Capras „It's a Wonderful Life" („Ist das Leben nicht schön?", 1946) und Roberto Benignis „Das Leben ist schön" (1997), dessen englischsprachiger Titel lautet: „Life Is Beautiful". Auch diese Filme handelten von der „Koexistenz von Schmerz und Freude als Kern des Menschseins."
Eine ähnliche Ambivalenz brachte Aris bereits im Titel seines ersten, gemeinsam mit Mounia Akl inszenierten Kurzfilms „Beirut, I Love You (I Love You Not)" aus dem Jahr 2009 zum Ausdruck. Der aus dem Dokumentarfilm kommende Regisseur verknüpft inszenierte Szenen mit Improvisation und Archivmaterial. Historische Aufnahmen stellen die persönliche Liebesgeschichte in den Zusammenhang der jüngeren Geschichte des Libanon. Anthony Sahyouns Filmmusik begleitet die Bewegung zwischen Wirklichkeit und Erinnerung, Hoffnung und Verzweiflung, dem Wunsch fortzugehen und der Angst davor.
Bemerkenswert ist vor allem der Ton des Films: Allen Schwierigkeiten – vom Krieg über den wirtschaftlichen Zusammenbruch bis zur allgemeinen Verunsicherung – zum Trotz bewahrt „A Sad and Beautiful World" eine gewisse Leichtigkeit, bisweilen sogar eine Prise skurrilen Humors. Der Film bewegt sich zwischen ausgelassenem Lachen und tiefer Trauer. Aber: Hoffnung entsteht nicht in einer heilen Welt. Sie behauptet sich trotz aller Zerstörung und trotz aller Wunden.
„A Sad and Beautiful World", Libanon/Saudi-Arabien/Katar/Deutschland/USA 2025. Regie: Cyril Aris, 110 Min. Im Kino seit dem 20. August.
Der Autor schreibt aus Berlin zu Film und Fernsehen.
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