Tour de Force und existenzialistisches Abenteuer: „Sorcerer“ erzählt von vier Männern, die aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht sind und in einem abgelegenen Ort in Mittelamerika stranden. Das Quartett: Jackie Scanlon (Roy Scheider), ein irischstämmiger Gangster aus New Jersey, Victor Manzon (Bruno Cremer), ein korrupter französischer Geschäftsmann, Nilo (Francisco Rabal), ein mexikanischer Auftragsmörder, und Kassem (Amidou), ein arabischer Terrorist. Um ihrer aussichtslosen Lage zu entkommen, nehmen sie einen lebensgefährlichen Auftrag an: Sie sollen zwei Laster mit hochinstabilem Nitroglyzerin über unwegsames Gelände transportieren – eine Reise, die sie physisch und psychisch an ihre Grenzen bringt.
Finanzielles Desaster
Vier Jahre hatte sich Friedkin Zeit genommen, nachdem er mit „Der Exorzist“ den bis dahin größten Kinoerfolg der Siebzigerjahre gedreht hatte. Ursprünglich dachte er zunächst an einen Brückenfilm mit geringem Budget, bevor er mit einer großen Produktion an seinen Publikumsmagneten anknüpfen wollte. Es kam anders, und „Sorcerer“ wurde zu einem zutiefst persönlichen Projekt, das der Regisseur zuletzt als den einzigen seiner Filme beschrieb, den er bis in die Gegenwart anschauen könne. In der Aussage steckt aber auch ein gewisser Trotz, denn anders als seine vorangegangenen Werke war sein sehr eigenwilliges Remake eines Films von Henri-Georges Clouzot bei Erscheinen weder ein Kritiker- noch ein Publikumserfolg.
Wie konnte das passieren? Der erfolgsverwöhnte Friedkin, der seit „French Connection“ zu den gefragtesten Filmemachern zählte, konnte diesen Tiefschlag emotional wohl nie ganz verwinden, worauf auch sein Eintreten für „Sorcerer“ bis in die letzten Jahre (er starb 2023) hindeutet. Zumindest die ausbleibende Reaktion der Zuschauer lässt sich erklären, denn der Film startete 1977 nur wenige Wochen, nachdem mit „Star Wars“ die neue Ära der Kinoblockbuster endgültig begonnen hatte. Die Antihelden des Autorenkinos der späten Sechziger- und Siebzigerjahre wurden verdrängt von Produktionen, die – so Friedkin – immer mehr „wie Comics“ wirkten. Er war denn auch nicht der einzige Regisseur des New Hollywood, der Probleme hatte, in der neuen Filmwelt heimisch zu werden, wie etwa das Beispiel Francis Ford Coppolas oder Martin Scorseses zeigt. Seit dieser Zeit ist im Kino alles anders.
Metaphysischer Horizont
Eingekleidet in das Gewand des Thrillers werden in diesem Film dagegen Fragen offenbar, die über den Genrefilm weit hinausgehen. Der Literaturwissenschaftler George Steiner bemerkte in seiner kulturkritischen Schrift „Der Tod der Tragödie“, dass diese Gattung durch den Wegfall metaphysischer Horizonte verschwunden sei, dass sie durch das Drama ersetzt wurde. Überall dort, so Steiner, wo Konflikte durch „irdisch-technische“ Mittel gelöst werden können, handele es sich zwar möglicherweise um sehr ernste Stoffe, Tragödien aber seien unwiderruflich und damit schicksalhaft. „Sorcerer“ aber widersetzt sich dieser Verneinung von Schicksal hartnäckig und gerät auch deshalb zu einem Film, der auch in der Gegenwart zum Nachdenken über die großen Fragen anregt.
Die Idee des Schicksals faszinierte Friedkin von früh an. In Interviews bekannte er immer wieder, dass dies das Hauptthema seines Films sei. Es ist deshalb auch keine zufällige Entscheidung, dass der Regisseur und sein Drehbuchautor Walon Green sich dazu entschlossen, die Handlungen der vier Protagonisten, die zu ihrer Flucht nach Mittelamerika führten, an den Beginn des Films zu stellen. Scanlon hat den falschen Mann überfallen und muss vor einem Mafiapaten fliehen, Manzon fürchtet, dass er als Betrüger auffliegt – ihr Zusammentreffen ist Schicksal. Oder Fügung. Beide legen sie wie ihre Mitstreiter eine große Strecke zurück, um ihrem früheren Leben zu entfliehen – und scheinen umso unerbittlicher vom unausweichlichen Schicksal eingeholt zu werden. Eine antike Tragödie. Oder biblische Katastrophe.
Ausgeliefertsein als existenzielle Erfahrung
Auch den Filmtitel wollte er in diesem Sinne verstanden wissen: „Sorcerer“ ist der englische Begriff für einen bösartigen, gefallenen Magier, und als solchen begriff er den schicksalsgeprüften Menschen. „Der Gedanke, dass wir eigentlich keine Kontrolle über unser eigenes Schicksal, weder über unsere Geburt noch über unseren Tod haben“, so erklärte er einmal, „verfolgt mich, seit ich alt genug bin, darüber nachzudenken“. Dieses Ausgeliefertsein an das Schicksal münzt Friedkin in Bilder von höchster Intensität um: Jede Erschütterung könnte die Detonation des Sprengstoffs zur Folge haben, und damit gerät jedes Schlagloch auf den unbefestigten Straßen zu einer existenziellen Erfahrung. „Sorcerer“ macht an vielen Stellen deutlich, wie erstaunlich gering die Möglichkeiten menschlicher Kontrolle sind: Die Lastwagen versagen, die Brücke über den reißenden Fluss entpuppt sich als Todesfalle – technischer Fortschritt ist nichts weiter als der Versuch, eine Insel von Ordnung zu schaffen in einer Welt, die dies nicht zulässt. Die Natur im Film, der Dschungel, steht dem Schicksal der Männer gleichgültig gegenüber: Sie ist präsent, aber nicht beherrschbar. Es öffnet sich ein metaphysischer Horizont.
Abseits der tragischen Dimension dieses Films ist „Sorcerer“ aber auch Spannungskino, wie es gegenwärtig kaum zu erleben ist. Friedkin führt seine Protagonisten in Grenzsituationen, die sich dann auch der Sprache weitgehend entziehen. Hier herrschen nicht Worte, sondern vehemente Bilder des Kampfes gegen ein ungewolltes wie erbarmungsloses Schicksal. Seit einigen Jahren erfährt „Sorcerer“ wieder größere Aufmerksamkeit, und das Vertrauen des Regisseurs in sein Werk scheint sich zu bewahrheiten: 2013 wurde es bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gezeigt, 2016 erlebte es im Rahmen des Filmfestivals von Cannes eine Wiederaufführung.
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Der promovierte Autor ist Musikwissenschaftler und Dramaturg.
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