Ein Hinweis darauf, dass unsere Kultur nicht mehr die frischeste ist, sind die ständigen Remakes und Revivals. Ich habe neulich den Fehler begangen, mir die Fortsetzung des Kinoklassikers „The Devil wears Prada“ anzusehen. Ich habe es etwa eine Stunde lang ausgehalten, dann musste ich mich durch die Sitzreihe zwängen und flüchten. Ich hielt die Inhaltsleere nicht mehr aus. Da kann man ja gleich gegen die Wand starren. Der Film war etwa so unterhaltsam wie eine alte, abgegriffene Ausgabe der „Gala“, die man beim Zahnarzt durchblättern muss. Der Aufguss war so dünn, dass ich nicht glauben wollte, dass so etwas keine Empörung auslösen würde; ein paar Reihen hinter mir hörte ich aber ein paar junge Damen wiederholt fröhlich jauchzen, das Kernpublikum scheint zufrieden damit zu sein, mit ein paar Reminiszenzen an den alten Kinohit abgespeist zu werden.
Recycelte Bilder und Nostalgie-Wahn
Die Populärkultur – bei seriöseren Dingen kenne ich mich nicht aus – produziert bei Lichte besehen ja schon lange keine Novitäten mehr, stattdessen geistert man seit Jahrzehnten nur durch vergangene Formen und Stile. Wir leben schon lange in einer Kultur des Pastiches und der vermarkteten Nostalgie. Dieser Film ist ein Musterbeispiel. Ich glaube, wir haben es längst mit mehr als einer reinen Retro-Manie zu tun: Wir werden Zeuge einer regelrechten strukturellen Blockade unter spätkapitalistischen Bedingungen. Die Unterhaltungsindustrie muss aus Gewinnoptimierungsgründen möglichst risikoscheu mit algorithmusgesteuerter Marktsicherheit agieren. Nicht nur die Filmindustrie, auch das Musikgeschäft ist in einem Retro-Zwang gefangen. Die jungen Leute, mit denen ich zu tun habe, hören fast alle nur Musik der 80er- und 90er-Jahre. Des vergangenen Jahrhunderts! Und wenn etwas halbwegs neu scheint, handelt es sich im Zweifelsfall um Cover-Songs und Samples alter Erfolge. Das ist kein Retro-Trend mehr, das ist der Normalzustand.
Der Neoliberalismus hat die Bedingungen für echte kulturelle Experimente zerstört, die Inhalte, die vom Apparat ausgespuckt werden, können nur noch recycelt sein. Hollywood finanziert nur noch, wenn der Erfolg fast mathematisch vorhersagbar ist. Das Genre der Rom-Coms (romantische Komödien) ist ohnehin vorbei. Dating-Apps, Social Media und die überall forcierte neue Geschlechtervielfalt führen zu de-erotisierten, dafür politisierten Narrativen, die sämtliche Grenzüberschreitungen – und davon lebten Komödien einst – unmöglich machen. Komödien wie „Some Like It Hot“ (die Stereotypen!) oder auch „Pretty Woman“ (die Machtverhältnisse!) wären heute undenkbar. Der Fraß, der uns von der Unterhaltungsindustrie präsentiert wird, gehorcht inzwischen den gleichen Marktgesetzen wie Fast Food: formelhaft, testbar, mit hoher Retention. Innovationen gelten als risikobelastet. Aus lauter Zwang, auf Nummer sicher zu gehen, werden uns nur noch Zitate serviert. Wo sind die Künstler, die wirklich überraschen? Die Bands, die neue Horizonte zeigen? Die Filme, die wirklich Neues wagen? Wir sind in einer eskapistischen Endlosschleife gefangen, das untrügliche Symptom für den Erschöpfungszustand einer Kultur.
Der Autor ist Publizist und Journalist.
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