Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren über die Kölner Hochschule für Theologie diskutiert. Kritisiert wurde dabei unter anderem, etwa vom damaligen Münsteraner Dogmatikprofessor Michael Seewald, dass die Theologie dort vom Austausch mit den übrigen akademischen Disziplinen abgeschnitten werde. Mehr oder weniger unterschwellig wurde damit die Wissenschaftlichkeit der an der Hochschule gelehrten Theologie infrage gestellt. Unter völlig anderen Vorzeichen stellte der US-Philosoph David L. Schindler schon vor rund 30 Jahren in seinem Werk „Heart of the World, Center of the Church“ die Frage, was eigentlich eine katholische Universität ausmache.
Aufschlussreich ist, was er dabei als selbstverständlich voraussetzt – und zugleich für unzureichend hält: lehramtstreue theologische Fakultäten, hohe Moralstandards, Campuskapellen voller andächtiger Beter sowie Organisationen, die sich für Menschen in Notlagen einsetzen. All das ist schön und gut – für Schindler aber nicht genug. Was ihm fehlt, ist eine klare Bestimmung der eigentlichen Mission einer katholischen Universität. Seine Antwort: die Kultivierung eines katholischen Geistes, ja mehr noch – die Heiligkeit des Intellekts, und zwar in allen Fakultäten.
Mechanismus und Subjektivismus
Wissenschaftliche Methodik, so Schindler, ist nicht weltanschaulich neutral. Jeder wissenschaftlichen Methode liegt vielmehr eine bestimmte Weltsicht zugrunde – letztlich sogar eine bestimmte Theologie. Die säkulare bzw. liberale Universität betreibe Wissenschaft in einer Weise, die zum Atheismus erziehe. An den heutigen Universitäten dominierten dabei im Wesentlichen zwei Denkweisen: Mechanismus und Subjektivismus. Grob vereinfacht: Ersterer prägt die Naturwissenschaften, Letzterer die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften. Wie Schindler in einer Fußnote anmerkt, bedeutete selbst das Aufkommen der Quantentheorie in der Physik kein Ende des Mechanismus – er verwandelte sich lediglich in eine statistische Form.
Mechanismus und Subjektivismus sind für Schindler zwei Seiten ein- und derselben Medaille: der kartesianischen Methode, Wissenschaft zu betreiben. In dieser Sichtweise erscheint die Welt als Maschine, die man am besten versteht, wenn man sie in ihre Einzelteile zerlegt. Diese Teile sind rein äußerlich miteinander verbunden und wirken mechanisch durch Kraftübertragung aufeinander ein. Die Analyse wird so zum zentralen wissenschaftlichen Werkzeug – ob in der Chemie, der Textanalyse, beim Sezieren von Lebewesen oder in der analytischen Philosophie. Auch die diversen konstruktivistischen Theorien schöpfen von hierher ihre Berechtigung.
Die Liebe als Grundbaustein der Wirklichkeit
Descartes wollte durch seinen methodischen Zweifel – der ihn zum berühmten cogito ergo sum führte – zu unerschütterlicher Gewissheit gelangen. Dazu sollte alles Subjektive aus der Methode verbannt werden. Damit wurde jedoch das Subjekt selbst rational unzugänglich: irrational und willkürlich. Daraus ergibt sich, so Schindler, in einem nächsten Schritt die Fakt-Wert-Unterscheidung nach David Hume: dass man entgegen der aristotelischen und katholischen Naturrechtslehre von einem Sein („Fakt“) nicht auf ein Sollen („Wert“) schließen könne.
Das Ziel einer solchen Wissenschaft, so Schindler, könne letztlich nur Kontrolle und Manipulation des erforschten Gegenstandes sein – im Interesse eines Subjekts, das selbst als irrational gilt. Das gilt auch dann, wenn der Mensch selbst zum Objekt der Wissenschaft wird. Schindlers Kernthese: All das ist mit einer christlichen Weltsicht unvereinbar. Wer davon ausgeht, dass ein Gott, der die Liebe ist, die Welt erschaffen hat, muss auch davon ausgehen, dass die Schöpfung eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Schöpfer trägt – freilich bei je größerer Unähnlichkeit, wie das 4. Laterankonzil von 1215 lehrt. Damit wird die Liebe zum Grundbaustein der Wirklichkeit selbst. Ihre eigentlichste Form findet sie im (zwischen)menschlichen Bereich – doch ist sie, in analogem Sinne, selbst im anorganischen Bereich präsent. Die Augen davor zu verschließen ist kein Ausdruck von Wissenschaftlichkeit, sondern von atheistischem Dogmatismus.
Diese Grundüberzeugung muss sich auf die wissenschaftliche Methodik auswirken. Eine Maschine, die man zerlegt, lässt sich so erklären. Eine Liebe, die man zerlegt, wird damit zerstört. Schindler betont ausdrücklich, dass er mechanisches Denken und die analytische Vorgehensweise nicht verwerfen will. Beide haben ihre Berechtigung. An einer katholischen Universität müssten sie jedoch ihren Platz neu finden – innerhalb einer Methodik, die grundsätzlich vom Modell der Liebe statt von jenem der Maschine ausgeht. Einer Wirklichkeit, die im Innersten Liebe ist, kann man sich nicht mit vorgeblicher Objektivität nähern, ohne sie zu verfehlen. Der Wissenschaftler muss sich ihr daher mit und in Liebe nähern – zu Gott, seinen Mitmenschen und seinem Forschungsgegenstand. Nicht einer blinden, romantischen Liebe, sondern jener Liebe, die zugleich Logos ist.
Das Ziel einer solchen Wissenschaft wäre – so könnte man Schindlers Gedanken weiterführen – nicht Kontrolle und Manipulation, sondern Verstehen: ein geistig-intellektuelles Eintreten in jene Liebe, die der Wissenschaftler in der Wirklichkeit immer schon vorfindet. Es geht darum, diese Liebe zu erkennen und durch das eigene Hineintreten zugleich auszuweiten und zu vertiefen. Das Ziel ist mit einem Wort: communio.
Wer so vorgeht, wird die vorhandene Liebe sich entfalten lassen und diese Entfaltung beobachten. Man kann auch versuchen, sie aktiv zu fördern – jedoch stets mit einer heiligen Scheu davor, die vorgefundene Gemeinschaft zu beschädigen. Man kann erahnen, wie grundlegend anders eine Wissenschaft wäre, die einem solchen Paradigma folgte – und eine Gesellschaft, die darin das Maß der Wissenschaftlichkeit erblickte. Eine Universität, die dem kartesianischen Modell folgt, bringt andere Menschen hervor als eine, die dem beschriebenen katholischen Modell folgt – und diese Menschen prägen ihre Gesellschaft entsprechend anders.
Wenn der Konflikt schwelt, ist es zu spät
Schindler betont, dass die Ausarbeitung einer solchen Methodik die Kraft eines einzelnen Lebens übersteigt. Sie müsste in jeder wissenschaftlichen Disziplin eine eigene Ausprägung annehmen und erfordert daher die Arbeit vieler verschiedener Wissenschaftler. Im Anschluss an Jean Leclercq OSB und seine Unterscheidung von monastischer und scholastischer Theologie betont Schindler, dass die moderne wie die scholastische Sicht auf das intellektuelle Leben der Ergänzung durch die monastische und patristische Perspektive bedarf. In Anlehnung an Hans Urs von Balthasars Begriff einer „knienden Theologie“ spricht er dabei von einer „knienden Wissenschaft“.
Schindler ist überzeugt: Wenn Katholiken als Katholiken erst dann auf der Bildfläche erscheinen, wenn säkulare Wissenschaft mit katholischen Glaubenswahrheiten oder der Sittenlehre in Konflikt gerät, kommen sie immer zu spät. Denn der Rahmen des Konflikts ist dann bereits von anderen gesetzt worden. Stattdessen müssten sie die Vorannahmen der säkularen Wissenschaft selbst hinterfragen. Die Aufgabe einer wahrhaft katholischen Universität wäre es, aufzuzeigen, dass auch die säkulare Wissenschaft auf metaphysischen und letztlich theologischen Vorannahmen beruht – und dass eine von katholischen Vorannahmen ausgehende Wissenschaft die bereits erhobenen Daten und Beobachtungen besser erklären kann als die säkulare Wissenschaft selbst. Die Forderung nach einer solchen Methodik ist damit nicht der Ruf nach weniger, sondern nach mehr Wissenschaftlichkeit – in allen akademischen Disziplinen.
Der Autor ist Leiter des Instituts für ganzheitliche Ökologie.
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