Sie glaubt, ihre Mutter sei ermordet worden, nämlich von ihren Genossen. Diese unbewiesene These vertrat Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof, am Samstagabend bei den Gästen im Würzburger Lügensteinmuseum. Innenpolitik-Ressortleiter Sebastian Sasse moderierte die Lesung und Podiumsdiskussion mit der Tochter der deutschen Journalistin und Mitbegründerin der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF).
Bettina Röhl und ihre Zwillingsschwester Regine waren keine vierzehn Jahre alt, als ihre Mutter sich am 9. Mai 1976 offiziellen Angaben zufolge erhängte. Alt genug aber, um lebhafte Erinnerungen gesammelt zu haben – „ihr Erbe aus dieser Zeit“. „Meine Mutter hat sich zu allem in ihrem Leben schriftlich geäußert.“ Es sei darum unlogisch, dass sie Selbstmord gegangen hätte. Dazu hätte sie etwas geschrieben, ist Röhl überzeugt.
„Der Tod meiner Mutter hat der RAF einen enormen Hype gegeben, quasi als Mythos. Wie eine schwarze Sonne. Und ich habe sie mit meinem Buch heruntergeholt. Das Bild der guten Terroristin gibt es nun nicht mehr“, erklärt Röhl dem Publikum. 1968 habe es einen Paradigmenwechsel gegeben, das sei die Hauptthese ihres Buches „Die RAF hat euch lieb“ (Heyne Verlag).
Katholische Kirche darf sich nicht bei den Linken anbiedern
Röhl, die seit Jahren gegen die Verklärung der 68er-Bewegung anschreibt, gibt Einblick in die intensive Auseinandersetzung mit den ideologischen Wurzeln der RAF, den kulturellen Folgen von 1968 und der bis heute offenen Frage, wie aus gesellschaftlichem Protest politischer Extremismus entstehen konnte. Die katholische Kirche biedere sich auch dem Linken an, sogar stark. Das halte sie für sehr gefährlich, so Röhl. Immerhin habe die katholische Kirche gegenüber dem Großteil der Bevölkerung den Vorteil, den Glauben noch zu haben. Für die Zukunft der Zivilisation insgesamt sei sie optimistisch: „Wir müssen den technischen Fortschritt annehmen – und ihn nicht wie die Linken verteufeln!“
Bettina Röhl wurde 1962 in Hamburg geboren, wo sie 1982 Abitur machte. 1986 begann sie neben ihrem Studium der Geschichte und Germanistik ihr Volontariat bei dem Zeitgeistmagazin „Tempo“. Sie arbeitete unter anderem für „Spiegel TV“, „WELT“, „Cicero“ und „Wirtschaftswoche“ und veröffentlichte zahlreiche Buchbeiträge. 2001 wurde sie mit ihren Veröffentlichungen zu Joschka Fischers Gewaltvergangenheit bekannt. Nach „So macht Kommunismus Spaß“ ist „Die RAF hat euch lieb“ ihr zweites historisch-biografisches Buch über die linke Geschichte der Bundesrepublik. Derzeit arbeitet Bettina Röhl mit ihrem Ehemann an einem neuen Buchprojekt. DT/elih
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