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Odysseus – war er der erste Amerikaner? 

Zwischen Ithaka und Washington: Patrick Deneen liest Homers Odyssee als Schlüssel zum amerikanischen Charakter – und zur Krise des Liberalismus. 
An der Ostküste Amerikas: Metapher von Ankunft und Aufbruch zugleich.
| An der Ostküste Amerikas: Metapher von Ankunft und Aufbruch zugleich.

Diese Woche erscheint „American Odyssey,“ ein buchlanger Essay des US-amerikanischen Philosophen Patrick J. Deneen. Im Untertitel heißt es: „Was eine antike Geschichte über unsere geteilten Seelen offenbart.“ Somit kehrt Patrick J. Deneen, dieser Gigant der politischen Philosophie, zurück zu seiner Jugendliebe: Im Jahr 2000 beschäftigte er sich in seinem Buch „The Odyssey of Political Theory“ mit der Bedeutung der Odyssee für die Entwicklung politischer Theorie von Platon, über Rousseau bis zu Adorno

„American Odyssey“ führt direkt in die Gegenwart. Im Juli 2026 feierten die Vereinigten Staaten die 250-Jahr-Feier der Declaration of Independence. Deshalb lädt der Professor der katholischen University of Notre Dame ein, neu über Gründungsmythen nachzudenken: Wenn man die Unabhängigkeitserklärung und Homer „zusammenliest, offenbart sie eine profunde Wahrheit über die geteilte Seele der Amerikaner,“ schreibt Deneen: „Wir sind zugleich Geschöpfe, die sich niederlassen, und Geschöpfe, die nach mehr streben. […].“  In diesem Dualismus zwischen Heimkehr und Aufbruch seien „Amerikaner wie alle Menschen. Aber auf eine besonders dringliche Weise ist dieser Dualismus ein konstitutiver Zug im amerikanischen Charakter.“ 

Christopher Nolans Film „The Odyssey“ sorgte schon vor seiner Premiere für hitzige Diskussionen. „Die Amerikaner von heute,“ sagt Deneen vor einigen Tagen in einem Interview, „reagieren so heftig auf diesen antiken Stoff, weil sie sich darin wiedererkennen.“  Und freilich, die Suche nach erneuter Beheimatung, einer Neugewinnung der Ordnung, der tiefe Wunsch nach Heimkehr, in einer Welt, die sich nach Krieg und Chaos in der Auflösung befindet – das ist die Odyssee. „Der Verlust des Erlebnisses, zu Hause zu sein, beraubt uns nicht nur eines der wesentlichen Ziele und Beweggründe für das amerikanische Experiment an sich; er schmälert zudem die Aussicht auf echte Erkundung,“ schreibt Deneen, aber: „Im Kern der tiefsten Einsicht der Odyssee steht die Erkenntnis, dass erst unsere Fähigkeit, beheimatet zu sein, uns in ein rechtes Verhältnis zu den anderen setzt – und zu unserer eigenen Menschlichkeit.“ 

Zwischen Obama und Orbán 

Patrick J. Deneen machte sich besonders mit dem Buch „Why Liberalism Failed“ (2018) einen Namen. Er der politische Liberalismus, so Deneen, sei nicht etwa deshalb gescheitert, weil er untergraben worden wäre, sondern weil er zu erfolgreich gewesen sei. Der Siegeszug des Liberalismus, wie er aus der französischen Philosophie eines Montesquieu oder Rousseaus in die Realpolitik der amerikanischen Gründungsväter Eingang gefunden hatte, war derart vollkommen, dass seine emanzipatorische Kraft zu einer Atomisierung der Gesellschaft führte. Dazu kam eine ökonomische Deregulierung, die nicht ermächtigte, sondern Macht konzentrierte. 

In Why Liberalism Failed plädierte Deneen dafür, das gescheiterte Projekt der Aufklärung, also die radikale Autonomie, aufzugeben und sich neu auf lokale Gemeinschaften besinnen sowie neue Formen einer verorteten Verantwortung zu beleben – also z.B. die Familie, Tugendhaftigkeit zu üben, sowie gemeinschaftsstiftende Traditionen zu pflegen. Es ist kein Geheimnis, dass Deneen sowohl auf Barack Obamas reading list stand – als auch das Interesse von Viktor Orbán fand. In diesem Licht betrachtet, ist „American Odyssey“ ein konsequenter Schritt. Deneen sucht – wie auch in seinem 2023 erschienen Buch Regime Change – nach einer postliberalen Zukunft. Dabei distanziert er sich von Donald Trump und seiner populistischen MAGA-Bewegung, um die Sicht auf einen katholischen Kommunitarismus frei zu machen. Dieser balanciert individuelle Verantwortung des Menschen mit der Vielzahl an Rollen aus, die ein Mensch innerhalb von Gruppen und Gemeinschaften spielt.  

„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ 

Patrick J. Deneen ist aber nicht naiv. Er weiß auch, dass weder die Heilige Messe, noch das Stundenbuch, noch die Siebenzahl der Sakramente allein genügen können, um einen durch die besten Gesetze gebändigten Menschen zufrieden zu stellen. Unruhig ist unser Herz. Immerfort. Und die Amerikaner sind natürlich besonders unruhig. Das stellte bereits 1840 der Franzose Alexis de Tocqueville fest, als er die Amerikaner inquiet nannte. „Amerikaner zu sein,“ schreibt Deneen mit Blick auf Tocqueville, „bedeutet, in einem Zustand zivilisatorischer Unzufriedenheit zu leben. Es bedeutet, an der nationalen Unfähigkeit zu leiden, sich mit den eigenen Errungenschaften zufriedenzugeben.“ 

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Deneen erinnert an Odysseus in der mittelalterlichen Literatur: Dante verbannt Odysseus in seiner Göttlichen Komödie im tiefsten Schlund des Höllentrichters: „Dante porträtiert einen Odysseus, der nach verbotenem Wissen strebte und nun seine verdiente Strafe absitzt.“ Diese Sicht auf Odysseus, als eine irrlichternde Gestalt, die ihre Strafe abbüßt, ändert sich radikal um die Zeit, da Christopher Columbus Amerika entdeckt.  „Was Dante als warnendes Beispiel für Hochmut und Sünde gedacht hatte,“ schreibt Deneen, „wurde von den Zeitgenossen der italienischen Entdecker als Vorwegnahme ihrer kühnen und bewundernswerten Erkundungsfahrten umgedeutet. Was Dante noch als verurteilungswürdige Sünde betrachtet hatte, galt nun als gottgleicher Ehrgeiz, der Lob verdiente.“ 

Rastlos unterwegs zu sich selbst 

Dante kannte nur den Abstieg in die Hölle, das Erklettern des Läuterungsbergs und die Visio beatifica im Paradies. Odysseus hingegen bleibt aber nach seiner Heimkehr nicht verzückt und transfiguriert in Ithaka. Er legt sofort wieder ab. Er verrät seine Sehnsucht nach Heimkehr direkt, nachdem er heimgekommen ist. Die epische Größe des antiken Stoffs, so Deneen, besteht in der Anerkennung der Rastlosigkeit der menschlichen Seele.  Der gewitzte Alexis de Tocqueville meinte im Hinblick auf die Amerikaner: Sie tun alles, um ein Haus zu bauen, in dem sie ihren Lebensabend verleben wollen, verkaufen es aber und ziehen weiter, noch bevor das Dach drauf ist.  

Anerkennung der Rastlosigkeit und die Scheidung der Geister 

In einem furiosen Ritt durch populäre Narrative der amerikanischen Literatur und es amerikanischen Films demonstriert nun der Philosoph, wie sehr die Matrix der Odyssee ihnen zu Grunde liegt – ob in der kanonisch gewordenen Verfilmung von „The Wizard of Oz“ (1939) oder in Mark Twains Roman „The Adventures of Huckleberry Finn“.  

Über diese odysseischen Erzählungen verhandelt Deneen Themen wie menschliche Hybris, also der hinterlistige Wunsch, entschränkt und göttlich sein zu wollen; die Ambivalenz anzukommen und die Lust, sofort wieder aufzubrechen; die Erkenntnis von Gerechtigkeit – und ihr Gegenteil. Die Widerentdeckung der eigenen Humanität entwickelt Deneen entlang verschiedener Akte der Selbstbeschränkung, Opferbereitschaft, aber auch der selbstlosen Hinwendung und Sorge um andere  – z.B. in einem Film über Baseball, dem Klassiker „The Field of Dreams“ (1989).  

Existenzielle Obdachlosigkeit überwinden 

Deneen meint: „Zwischen Skylla und Charybdis zu geraten, bedeutet also nicht, zwischen zwei gleichermaßen schwierigen oder unangenehmen Möglichkeiten festzustecken, die sich bei richtiger Navigation beide vermeiden ließen.“ Man muss sich entscheiden. Aber nach der Entscheidung geht es weiter.  Um überhaupt anzukommen, muss man entscheiden, wohin es gehen soll. Um zu wissen, wohin es gehen soll, braucht es einen Ort der Sehnsucht und Bestimmung. Für Deneen ist die Odyssee eine Gelegenheit genau über diese Spannung nachzudenken: Wohin wollen wir gehen – trotz unserer unbändigen Rastlosigkeit? 

Patrick J. Deneen: American Odyssey. What an Ancient Story Reveals about Our Divided Soul. Creed & Culture, Nashville/Tennessee 2026, 198 Seiten. 


Der Autor ist Schriftsteller und veröffentlichte neben den Gedichtbänden »nach den narkosen« (2017) oder »innere organe« (2022) Übersetzungen, Essays und Sachbücher – z.B. »Tattoo & Religion. 

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