Sein Begräbnis löste das wohl erste große Massenspektakel um den Tod eines Hollywoodstars aus: Zehntausende strömten zum New Yorker Bestattungsinstitut, um Rudolph Valentino, der am 23. August 1926 an den Folgen einer Bauchfellentzündung gestorben war, die letzte Ehre zu erweisen. Das mediale Ereignis, das sich später bei James Dean, Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Michael Jackson wiederholen sollte, nahm hier erstmals Gestalt an. Valentino war erst 31 Jahre alt, und hatte nur wenige Jahre an der Spitze Hollywoods gestanden. Doch wie bei anderen jung verstorbenen Stars vollendete der frühe Tod seinen Mythos.
Geboren wurde er am 6. Mail 1895 als Rodolfo Guglielmi im apulischen Castellaneta in eine katholisch geprägte Familie. Der Vater war Tierarzt, die französischstämmige Mutter die Bezugsperson seiner Kindheit. Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte Rodolfo ein Internat, später eine Landwirtschaftsschule. 1913 wanderte er mit 18 Jahren in die Vereinigten Staaten aus. In New York ging er zunächst Gelegenheitsjobs nach, ehe er sich als Tänzer einen Namen machte.
Aus kleinsten Anfängen nach ganz oben
Bald trat er als Komparse und Tänzer in Filmen auf. 1919 wurde Drehbuchautorin June Mathis durch den Film „The Eyes of Youth“ auf ihn aufmerksam. Sie überzeugte Regisseur Rex Ingram, den damals 25-Jährigen für die männliche Hauptrolle in „Die vier Reiter der Apokalypse“ zu besetzen, der Verfilmung eines Romans von Vicente Blasco Ibañez . Der Film wurde zu einem der größten Erfolge des Stummfilms, 1995 in das „National Film Registry“ aufgenommen – und machte Valentino über Nacht zum Weltstar. Mit den nachfolgenden Filmen „Die Kameliendame“, „Der Scheich“, „Der Adler“ und schließlich „Der Sohn des Scheich“ wurde er zum Inbegriff des „Latin Lover“. In Hollywood spielte er den Fremden schlechthin: Araber, Spanier und russische Adlige – nur kaum einen Italiener.
In die Jahre 1921-1926, in denen Valentino seinen Ruhm begründete, fallen auch einige der großen Publikumserfolge von Charles Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd, den drei bedeutendsten Komikern der Stummfilmzeit, sowie von Douglas Fairbanks senior. Chaplin wurde mit Melone, Spazierstock und zu großen Schuhen zum Inbegriff des „Tramp“, des Vagabunden und Außenseiters. Harold Lloyd verkörperte den optimistischen jungen Mann, der sich in der Großstadt mit akrobatischem Geschick behauptet. Buster Keaton begegnete einer aus den Fugen geratenen Welt mit stoischer Miene und unbewegtem Gesicht. Douglas Fairbanks begeisterte als Zorro, D’Artagnan, Robin Hood oder Seeräuber durch Kraft, Bewegung und Tatendrang.
Viriles Sehnsuchtsbild mit Weichzeichner
Rudolph Valentino wirkte anders. Durch Blicke, Haltung, Tanz und Kostüm wurde er zum Verführer – zum männlichen Gegenstück jener weiblichen Stats, die wie Pola Negri, Gloria Swanson oder Greta Garbo als geheimnisvolle Projektionsfiguren inszeniert wurden. Seine elegante Kleidung wurde von manchen Journalisten verspottet. Doch gerade damit prägte er einen neuen Typus: den männlichen Filmstar als bewusst geschaffenes, eher weich gezeichnetes Sehnsuchtsbild.
Valentino begründete zwar keine Schauspielertradition. Seine elegante Ausstrahlung findet sich jedoch bei einer Reihe von Darstellern des klassischen Hollywood wieder. Am ehesten lässt sich Cary Grant mit ihm vergleichen, der in stets makellos gekleidet und vollkommen beherrscht auftrat. Clark Gable wirkte ebenfalls elegant, jedoch nie fein oder verletzlich. Gregory Peck verband Eleganz und körperliche Präsenz mit moralischer Autorität. Auch die von Valentino verkörperte Virilität – die heute mancher „toxische Männlichkeit“ nennen würde – lebte in veränderter Form weiter: bei Errol Flynn als draufgängerischem Abenteurer, bei Gary Cooper als unbedingtes Pflichtbewusstsein („Zwölf Uhr mittags“).
Eine weitere Parallele drängt sich besonders auf: Wie James Dean starb auch Rudolph Valentino jung. Ganz vergleichbar sind sie nicht. Dean, der 1955 mit 24 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, wurde zum Inbegriff jugendlicher Rebellion. Valentino verkörperte bereits in jungen Jahren den erwachsenen Liebhaber. Gemeinsam ist beiden jedoch, dass sie starben, bevor Alter, Misserfolge oder ein Wandel des Publikumsgeschmacks ihren Ruhm hätten trüben können. So blieben sie der Nachwelt als unveränderte Projektionsvorlagen erhalten. Valentinos Beerdigung am 7. September 1926 war eine Totenmesse vorausgegangen, die am 30. August in der St. Malachy’s Roman Catholic Church in Manhattan gefeiert wurde. Nach der Überführung des Leichnams nach Kalifornien fand vor der Beisetzung eine zweite katholische Trauerfeier in Beverly Hills statt.
Der Autor schreibt aus Berlin zu Film und Fernsehen.
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