In den ersten Septembertagen jähren sich zwei Ereignisse, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten, aber von derselben Entwicklung zeugen, die für das erste Viertel des gar nicht mehr so jungen 21. Jahrhunderts prägend geworden sind: Am 11. September vor 25 Jahren erlebten die Vereinigten Staaten den schwersten Terroranschlag ihrer Geschichte. Selbstmordattentäter des Netzwerks Al-Kaida lenkten zwei Flugzeuge in die Twin Towers in New York, ein weiteres ließen sie in das Pentagon stürzen, ein viertes zerschellte im Kampf mit den Passagieren in Pennsylvania am Boden.
Und am 12. September vor 20 Jahren hielt Benedikt XVI. im Rahmen seines Bayern-Besuchs vor Wissenschaftlern in der Aula „seiner“ alten Universität eine Ansprache, die als „Regensburger Vorlesung“ in die Annalen eingehen sollte. Der explosive Teil seines Vortrags: ein Zitat aus dem fiktiven Gespräch zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos und einem gelehrten muslimischen Perser, in dem es auch um den „Djihad“, den heiligen Krieg und das Verhältnis zwischen Religion und Gewalt ging und der Professoren-Papst jene Frage des Kaisers zitierte, die dann – aus dem Zusammenhang gerissen – die islamische Welt in Aufruhr bringen sollte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“
Gute und fehlgeleitete Religion
Beides, „Nine/Eleven“ und die „Regensburger Vorlesung“, sind in ihren Auswirkungen immer wieder beschrieben worden. Es folgten der Krieg in Afghanistan und der gegen den Irak – und der Vatikan startete eine bis dahin beispiellose Dialog-Initiative mit der muslimischen Welt. Die militant gewordenen Strömungen im sunnitischen (Al-Kaida, Hamas) und schiitischen Islam (Iran, Hisbollah) haben um die Jahrhundertwende eine neue Epoche eingeläutet, die bis heute Politik, Medien und die Gesellschaften des Westens beschäftigt. War der muslimische Türke früher als Gastarbeiter hochwillkommen, so wittern heute viele bei Migranten mit islamischem Hintergrund schlicht und einfach Gefahr.
Man muss Samuel Phillips Huntingtons Buch über den kommenden „Zusammenprall“ oder „Kampf der Kulturen“ aus dem Jahr 1996 nicht gut finden. Aber Tatsache ist: Der Westen fühlt sich heute bedroht – nicht zuletzt durch einen militanten Islam wie den der Mullahs in Iran oder den Wahhabismus und Salafismus. Doch wie hat der europäische Westen auf die islamistische Herausforderung reagiert, die Papst Benedikt vor genau 20 Jahren bei den Hörnern gepackt und mit dem Verhältnis von Religion und Vernunft sowie dem richtigen Verständnis Gottes und des von Gott geschaffenen Menschen verbunden hat? Jedenfalls nicht mit der Erkenntnis, dass es beim religiös eingefärbten Terrorismus auch um die Gottesfrage geht und man – wie Benedikt XVI. – durchaus zwischen einer fehlgeleiteten Religion, die Hass und Gewalt provoziert, und einer Religion unterscheiden muss, die dem Menschen dient. Eine Art Selbstvergewisserung hätte dem europäischen Menschen gutgetan, wohl wissend, dass der „alte“ Kontinent ganz und gar auf christlichen Fundamenten ruht, die die Voraussetzungen geschaffen haben, von denen der freiheitliche, säkulare Staat lebt, ohne dass er sie selbst garantieren kann (Ernst-Wolfgang Böckenförde).
Eine Gemeinschaft ohne Gottesbezug
Stattdessen ist die Europäische Union unfähig geblieben, die Frage nach einem guten Gott und einer guten Religion mit einem Bekenntnis zur eigenen Identität zu beantworten: nämlich dem Christentum. Als der Europäische Konvent 2003 den Entwurf einer Verfassung der Europäischen Union erarbeitete, schaffte er es nicht, einen Gottesbezug in der Präambel zu verankern, sondern ließ es mit einem blassen Bezug auf die „kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas“ bewenden. Die EU-Verfassung scheiterte dann an den Referenden in Frankreich und den Niederlanden und erlangte keine Rechtskraft. Aber auch der daraufhin 2007 unterzeichnete Vertrag von Lissabon sprach in der Präambel nur vom „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“, aus dem man schöpfe, ohne den einen Gott oder gar das Christentum irgendwie zu nennen.
Wenn Papst Leo zum Abschluss seiner Frankreichreise auch im Andenken an Robert Schuman Metz besucht, wird er wohl wie seine Vorgänger daran erinnern, dass für die drei Väter der Europäischen Gemeinschaft – Robert Schuman, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer – als überzeugte Katholiken die Union ein Werk des Friedens und nicht nur ein wirtschaftliches Unternehmen war. Aber das Europa der Postmoderne hat dieses christliche Vermächtnis konsequent durch ein laizistisches Selbstverständnis ersetzt. Das Monopol, über die „christliche Berufung“ Europas nachzudenken, ist auf die Päpste übergegangen.
Das laizistische Denkverbot
Seit dem Zweiten Vatikanum haben sie eine reiche Lehre über ein humanes, auf den Prinzipien von Subsidiarität, Solidarität und Wohlfahrt aufgebautes Gemeinwesen vorgelegt, das aus der christlichen Tradition lebt und dennoch offen ist für alle Menschen guten Willens – egal ob und an welchen Gott sie glauben. Man muss nur an die Enzykliken „Redemptoris missio“ und „Centesimus annus“ von Johannes Paul II. oder das reiche Schrifttum von Joseph Ratzinger zur Identität und Zukunft Europas denken. All das wird auf der Ebene der Union – in manchen Mitgliedstaaten sieht es noch anders aus – weder diskutiert noch ernst genommen. Was die christlichen Wurzeln betrifft, so hat gerade auf der Ebene der obersten Instanzen der Europäischen Gemeinschaft ein ungeheurer Verdrängungsprozess stattgefunden, als hätte es vor der Französischen Revolution nur ein riesiges schwarzes Loch gegeben. Ein Denken im Geiste Schumans, de Gasperis oder Adenauers findet nicht mehr statt.
Stattdessen zieht man die Mauern hoch und hat Angst vor dem Fremden. Doch ohne eine europäische Seele wird der europäische Mensch der Postmoderne nicht überleben. Die Dschihadisten fühlen sich „berufen“, Europa der Ummah einzuverleiben. Wenn die Europäer nicht mehr wissen, wozu sie berufen sind, werden sie zu schwach sein, um das geistig entkernte Europa, das dann noch übrig bleibt, dauerhaft zu schützen.
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