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RE-MI-GRA-TION? – Eine Frage der Leere 

Martin Sellner strebt eine ethnokulturell homogene Gesellschaft an. Seine reaktionäre Utopie will er mit sozialtechnischer Bevölkerungsplanung Wirklichkeit werden lassen.
Martin Sellner: Seine Visionen von Remigration halten einer Überprüfung nicht stand.
Foto: Imago / Halada | Martin Sellner: Seine Visionen von Remigration halten einer Überprüfung nicht stand.

Siegesgewiss und fast schon machttrunken geht die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf die Landtagswahlen zu. Ein Gespenst ist die Partei schon lange nicht mehr. Von einem ihrer zentralen Kampfbegriffe lässt sich das allerdings nicht behaupten: „Dann heißt es eben RE-MI-GRA-TION!“, rief Weidel den jubelnden Delegierten des Riesaer Parteitags 2025 zu. 

Die Kritik an diesem für die Partei zentralen Konzept droht oftmals in Formelhaftigkeit zu erstarren. Politisch würde sie an Substanz gewinnen, wenn sie einen Aspekt des neurechten Denkens aufgriffe, der in Martin Sellners programmatischer Schrift „Remigration. Ein Vorschlag“ hervortritt. In der Ausarbeitung seines Maßnahmenkatalogs zeigt sich eine strukturelle Nähe zu jenen Bevölkerungswissenschaftlern, denen im Dritten Reich die Konzeption einer neuen europäischen Ordnung oblag – und zu einer noch weit hinter diese Experten zurückreichenden Denktradition, die das Heil der Menschheit in ausgreifender, rationaler Gesellschaftsplanung am Reißbrett sucht. 

Das Problem geerdeter Ideen 

Sellner malt das Bild eines mit der eigenen Geschichte versöhnten, von Freude an sich selbst bestimmten deutschen Volks, dem Heimat, die eigene Kultur und vor allem die eigene Existenz als positive Werte gelten. Dieses Volk soll Träger einer deutschen Leitkultur sein, der Fremdes sich anverwandelt – oder weicht. Die Alternative lautet: persönliche Identifikation mit dem deutschen Volk und seinen Kulturwerten – oder Remigration. Eine positive Identitätspolitik soll das erreichen, d. h. eine nationalistisch umgepolte Bildungs-, Kultur- und Erinnerungspolitik. Flankiert wird sie durch „politische Maßnahmen zur Bewahrung der ethnokulturellen Grundlage“ dieser ins Positive gewendeten Identität. Welche konkreten Maßnahmen kommen nun heraus, wenn ein Rechter aus seinem Ideenhimmel herabsteigt? Das Instrument zur „Regeneration“ des deutschen Volkes soll aktive Bevölkerungspolitik sein. Sellner meidet den Begriff zwar nicht, stellt ihn aber doch in die zweite Reihe hinter den der Migrationspolitik. Ihm ist bewusst, dass der Begriff für das „konditionierte Gehör eines Bundesbürgers dubios“ klingt. 

Weil Bevölkerungspolitik die Struktur der Bevölkerung bewusster Planung unterwirft, muss sie klassifizieren, quotieren und kontingentieren. Das setzt präzise Unterscheidungskriterien voraus. Bei der empirisch nicht eindeutig beantwortbaren Frage ethnokultureller Volkszugehörigkeit beruhen diese notwendig auf willkürlichen Setzungen. Bevölkerungspolitik setzt damit eine Sortiermaschine in Gang: Sie reduziert Individuen auf Merkmale, ordnet sie Kategorien zu und quantifiziert sie. Ihre Methoden verdinglichen menschliches Leben zu einem Bündel von Merkmalen und unterwerfen es pseudoobjektiven Definitionen. Der dubiose Klang des Begriffs rührt genau daher. 

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Konkret soll der „Grad der Assimilation“ das Ein- beziehungsweise Ausschlusskriterium sein. Ein „Assimilationsmonitor“ soll die ethnische und kulturelle Zusammensetzung und Veränderung der Bevölkerung wissenschaftlich erforschen und dokumentieren. Ziel seiner Arbeit soll die Quantifizierung komplexer Faktoren sein: Der Assimilationsgrad beziehungsweise das „Maß der Überfremdung“ sollen in Zahlenwerten ausgedrückt werden. Erhoben werden sollen durch Wissenstests und Befragungen durch „geschultes Fachpersonal“ unter anderem persönliche Identifikation, Sprachgebrauch, Freundeskreis, Alltagsverhalten, Medienkonsum sowie kulturelle und religiöse Überzeugungen – und (wichtig!) die Wahrnehmung durch die Mehrheitsgesellschaft. Zusätzlich erfolgt getrennt nach „Herkunftsgruppen“ eine Erhebung von Daten, die Aufschluss über das Maß geben können, in welchem diese ökonomisch, kriminologisch und kulturell eine Belastung darstellen, ermittelt wird also der jeweilige „Belastungsfaktor“. Als „objektive Methode zur Messung des kulturellen Abstands“ schlägt Sellner die Ermittlung des Sprachunterschieds vor, gemessen am Sprachenstammbaum. Es gilt die Regel: Je größer der Abstand, desto höher die Belastung. Die Ausnahme von der Regel bilden die Finnen, Esten und Ungarn, die uns trotz Sprachabstand irgendwie kulturell nah sind. 

Auf Sellners schiefer Ebene 

Aber kann man das bunte Gewimmel des Lebens tatsächlich in einer bevölkerungspolitischen Matrix erfassen? Will Sellner eine Superbehörde installieren, die darüber entscheidet, wer und was jemand ist – eine ethnokulturelle Identitätsfeststellungsbehörde? Die zentrale Kategorie des „kulturellen Belastungsfaktors“ ist schon deshalb methodisch unbrauchbar, weil kulturelle Belastung sich nicht objektivieren lässt. Wenn der Vorschlag politisch gefährlich ist, dann deshalb, weil der Ethnokulturalismus sich in den vorgeschlagenen Maßnahmen als ein Naturalismus zweiter Ordnung erweist. Dass Sellner sich auf der schiefen Ebene der Naturalisierung bewegt, ist schnell festgestellt worden. Darauf bezieht sich der Vorwurf, er aktualisiere das völkische Denken. Im Schatten dieser Diagnose bleibt dagegen immer ein anderer Aspekt seines Denkens, der nicht minder problematisch ist: die Beflügelung durch Machbarkeitsvorstellungen. Der Assimilationsmonitor ist die Ausgeburt eines kalten revolutionären Denkens, das in seiner technokratischen Konsequenz dann doch an die Bevölkerungspolitik erinnert, die ab Oktober 1939 in der Planungsstelle des „Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums“ getrieben wurde. Götz Aly und Susanne Heim haben diesen unheimlichen Experten eine 1995 erschienene Studie gewidmet („Vordenker der Vernichtung“). 

Wie die Entwürfe aus dieser Behörde versucht auch Sellners Schrift, sich durch sprachliche Anleihen bei der Naturwissenschaft einen Mantel von kühler Objektivität überzuwerfen, als ob über „ethnokulturelle Aufnahmefähigkeit“ wissenschaftlich entschieden werden könnte. Es ist von Anpassungs- und Absorptionsraten die Rede, von Assimilationswerten und Minusmigration und – in Analogie zum Energieerhaltungsgrundsatz der Thermodynamik – vom Prinzip der Identitätserhaltung beziehungsweise dem „Identitätserhaltungsgrundsatz“ als dem leitenden politischen Prinzip. 

Bevölkerungsplanung wissenschaftlich objektiviert 

Sellners „Assimilationsmonitor“ fügt sich in das moderne Paradigma einer „Biopolitik“ ein, wie sie von Michel Foucault beschrieben wurde: Die Bevölkerung wird im modernen Staat zum Gegenstand der Vermessung und administrativen Regulierung. Von der NS-Rassenlehre unterscheidet sich Sellners Ethnokulturalismus dadurch, dass er nicht biologistisch argumentiert und Assimilation grundsätzlich für möglich hält. Die Resultate des entsprechenden Monitorings sollen sich in politische Entscheidungen über Einwanderungsquoten, Anpassungsdruck und Ausreiseanreize niederschlagen; nicht in der gewaltsamen Vertreibung oder der physischen Vernichtung von Gruppen. Die Parallele besteht in der Denkform: Ein politisch definierter ethnischer Sollzustand wird wissenschaftlich verobjektiviert und zum politischen Maßstab der Bevölkerungsplanung. 

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Der Duktus der Versachlichung steht in einem seltsamen Kontrast zum ideologischen Ton bei den Ausführungen zur „Schuldkult“-Politik. Sellners Text ist ein Zwitter aus weltanschaulichem Manifest und rationeller Planungsskizze. Der „Vorschlag“ genannte Entwurf einer Bevölkerungspolitik atmet die Nüchternheit zweckrationaler Überlegung, kann die starken ideologischen Energien, aus denen sich diese Überlegungen speisen, darin aber nicht verbergen. 

Natürlicher Zustand künstlich wiederhergestellt 

Sellner sieht sich selbst als „Revolutionär“. Das Ziel der Revolution ist dabei eine reaktionäre Utopie: Es geht um die Wiederherstellung einer idealisierten Vergangenheit. Das Gewordene und organisch Gewachsene genießt bei Sellner höchste Verehrung. Da es von der herrschenden Politik, vulgo den globalistischen, geschichtslosen Eliten planvoll zerstört wurde, soll es nun ebenso planvoll nach dem Muster einer Reißbrettkonstruktion wiedergewonnen werden. 

Darin tritt die Aporie zutage, die alle reaktionäre Politik kennzeichnet: Sie will einen verlorengegangenen, „natürlichen“ Zustand künstlich wiederherstellen und ersinnt dazu Meisterpläne, die mit ihren inhumanen Abstraktionen und der Intention der totalen Verfügbarmachung ihres Gegenstands allen Werten widersprechen, die sich der reaktionär denkende Mensch ansonsten auf die Fahnen schreibt. Zu diesem Denken passen wehmütige Andacht, elitärer Rückzug und kulturpessimistische Kommentierung des Zeitgeschehens weit besser. Alle Versuche, die eigenen Imaginationen zum Maßstab praktischer Politik zu machen, enden immer dann im Selbstwiderspruch, wenn die Wiederherstellung des Verlorenen mittels einer Planung bewerkstelligt werden soll, die alle Elemente der sozialen Wirklichkeit erfasst. Die innere Logik solcher Konzeptionen muss zu Ergebnissen führen, in denen der reaktionäre Geist sich nicht wiedererkennen kann. Den konzeptionellen Widerspruch könnte er nur überwinden, wenn er sich entschlösse, die Probleme zu pflegen, statt sie lösen zu wollen. 

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