Viel mehr Kühe als Menschen, mehr Traktoren als Fahrräder. Weite, gemähte Getreideflächen wechseln ab mit Futtermais, der mit seinem kräftigen Grün reizvoll zu den gelben Stoppelfeldern kontrastiert. Petit Caux heißt der Gemeindeverbund in etwa gleicher Entfernung zu den belebten, normannischen Küstenstädten Le Tréport und Dieppe. Hierher kommt die Milch für die berühmten Käse der Normandie, den Camembert oder den leicht säuerlich schmeckenden Coeur de Neufchâtel, der in Herzform seiner Reife entgegendämmert.
Die Menschen hier sind stolz auf ihr Land und ihre oft noch handwerklich hergestellten Produkte, die das „Artisanal“-Prädikat einer traditionellen Fertigung tragen. Die Wohnhäuser und historischen Wirtschaftsgebäude im landestypischen Fachwerkstil mit den unregelmäßigen Holzbalken in der vertikalen Mauergliederung wirken allesamt gepflegt.
Es war deshalb wohl nicht ganz so einfach für eine Bauernfamilie wie diejenige in St. Quentin au Bosc mit ihren 60 Kühen, der Kälberaufzucht und den munteren Enten im Tümpel. Damals, als wenige Kilometer von ihnen entfernt Anfang der 1990er-Jahre ein gewaltiges Kernkraftwerk in die majestätische Alabasterküste hinein gebaut wurde. Doch spricht man heute mit den Menschen, die seit Generationen hier leben, dann ist der Atommeiler kein Thema, jedenfalls nicht in Bezug auf mögliche Gefahren. Und das, obwohl erst 2022 ein Schaden durch Spannungsrisskorrosion an einer Sicherheitsleitung entdeckt wurde. Das material- und konstruktionstypische Verschleißproblem hat die französische Aufsichtsbehörde ASN seither an mehreren Reaktoren des gleichen Baujahrs erfasst. Die Überwachung funktioniert und Schäden werden rechtzeitig erkannt, bis jetzt jedenfalls. Der mehr und mehr in die Jahre kommende Kraftwerkspark – er erfordert zunehmend Aufsicht und Instandhaltung. Nach 35 Jahren ist die Anlage zum behüteten Pflegefall der Energieversorgung geworden.
Der Atomausbau schreitet voran
Das Kernkraftwerk Penly ging 1990 und 1992 in Betrieb, in zwei Blöcken der Druckwasserreaktortechnik. Die Produktion deckt fast zwei Drittel des gesamten Stromverbrauchs der Normandie, über 4,5 Prozent der gesamten französischen Atomstromproduktion.
Und jetzt sind noch zwei zusätzliche EPR2-Reaktoren am selben Standort geplant: ausgewählt 2020 von der französischen Elektrizitätsversorgung EDF und 2022 von Präsident Emmanuel Macron im Rahmen des nationalen Ausbauprogramms per Dekret bestätigt. Französische Präsidenten der 5. Republik sind seit General de Gaulle durchweg atomfreundlich, und das in zweifacher Hinsicht. Als Force de frappe liefert die Beherrschung der Kernspaltung atomare Sicherheit durch Abschreckung nach außen, sogar Deutschland will jetzt unter den französischen Nuklearschirm mit 290 Sprengköpfen schlüpfen. Soeben wurde die Planung eines neuen Flugzeugträgers vorgestellt, selbstverständlich mit Atomantrieb.
Nach innen bedeutet die Kernenergie Sicherheit bei der Energieversorgung – und das zu niedrigen Preisen. In Deutschland ist Strom mit 38 Cent pro Kilowattstunde etwa 50 Prozent teurer als in Frankreich. Die Kraftwerke an der Küste, wo die Klimaerwärmung in heißen Sommern keinen Betriebsstopp erzwingt, sind besonders wichtig, sie trotzen der Hitze. Anders als Flüsse, die im Sommer oft keine Kühlleistung mehr erbringen können, heizt sich der Atlantik nicht in dem Maße auf. Dagegen bereitet ein anderes Problem Sorgen: Eine Quallenplage bewirkte, dass Meereskühlwasser nicht mehr durch die verstopften Filter angesaugt werden konnte.
Die endgültige Errichtungsgenehmigung für einen weiteren Penly-Ausbau wird für Ende 2026 erwartet, Vorarbeiten laufen bereits seit Juni 2024, eine Inbetriebnahme ist dann in 10 Jahren vorgesehen. Von Anfang an war das Gelände für vier Reaktorblöcke ausgelegt, von denen bislang diese zwei realisiert wurden.
Belastete Infrastruktur
Mit großer Offenheit kommuniziert der Betreiber seine Ausbaupläne, ganz ohne skeptische Fragen aus der Bevölkerung geht es dabei nicht ab. Die Anhörungsphase ist noch nicht beendet, die Ergebnisse harren der überfälligen Veröffentlichung. Der geplante Kraftwerksbau legt für die Betroffenen Strukturprobleme offen, die ohnehin in der Region existieren. Die frisch geteerten, bekannt engen Landstraßen, wo zur Erntezeit der Urlaubsverkehr auf gewaltige Landmaschinen trifft, dürften kaum für den zu erwartenden Baustellenbetrieb ausreichen.
8.000 Bauarbeiter brauchen 6.000 Wohnungen, Schulkapazitäten und medizinische Versorgung. 1.800 Neubürger werden dauerhaft bleiben. Während der langen Bauzeit könnte ein großer Teil der touristischen Infrastruktur an Landhäusern, den typischen Gîtes, und kleineren Ferienapartments unweit der Strände von den Bauleuten beansprucht werden. Bis ins 14 Kilometer entfernte Londinières hinaus zieht es die Beschäftigten auf der Suche nach geeigneten Quartieren. Zunehmend werden Kraftwerksingenieure statt Urlauberfamilien auf den Vermietportalen fündig.
Das aktuelle Vorgehen von EDF mit der Einleitung der Baumaßnahmen ohne endgültige Baugenehmigung beschreibt die Greenpeace-Aktivistin Pauline Boyer als „Fuß-in-der-Tür-Technik“: Man schaffe mit Millionenausgaben vollendete Tatsachen, bevor die Atomaufsicht überhaupt das OK für den Baubeginn erteilt habe. Kaum berücksichtigt wird in der bisher milde verlaufenen, öffentlichen Debatte das ungelöste Endlagerproblem für Atommüll. Ähnlich wie in Deutschland behilft man sich mit Zwischenlagern. Frankreich setzt seit 2006 langfristig – anders als Deutschland – auf ein einziges, künftiges Endlager: Cigéo an der Maas, 500 Meter tief eingebettet in eine Tonschicht. Wenn alles nach Plan läuft, wird dort 2050 der erste Atommüll versenkt. Obwohl die endgültige Betriebsgenehmigung noch fehlt, laufen ähnlich wie in Penly bereits die Vorarbeiten – bei explodierenden Kosten. Die jüngste Schätzung aus diesem Jahr geht von 36 Milliarden Euro aus, ursprünglich waren 16 Milliarden vorgesehen.
Strandidylle am Kernkraftwerk
Angesichts vieler Fragezeichen ist für deutsche Beobachter erstaunlich, dass weder vor Ort noch am Pariser Élysée-Palast massenweise Demonstranten aufziehen und den Atomstopp fordern. In der Samtgemeinde Petit Caux stellt sich die Situation so dar: Die Kommune ist inzwischen durch Steuereinnahmen aus Penly so reich, dass sie aus den Kriterien und Schlüsselbedingungen der Struktur- und Regionalförderung herausgefallen ist. Sogar die kulturelle Infrastruktur wird durch den Kraftwerksbetreiber aktiv gefördert, ein kleines Museum zur Entwicklung der Region ist inzwischen entstanden. Petit Caux hat sich an das komfortable Leben am Atomtropf gewöhnt – und möchte am liebsten noch mehr davon. Bei den umliegenden Gemeinden sorgt das für Neid – oder zumindest für ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Denn während sich die Lasten aus dem Kraftwerksbetrieb über einen Radius von 20 Kilometern in der Region verteilen, kommen die Steuereinnahmen und Investitionen nur bei der einen Samtgemeinde an. Das weckt drumherum Begehrlichkeiten, die bisher noch von der Zentralregierung abgeschmettert werden konnten.
Am Strand von St. Martin en Campagne direkt neben dem Atomkraftwerk herrscht Urlaubsatmosphäre ohne touristischen Rummel. Bei Ebbe kann man über den harten Kieselstrand den weichen, hellen Sand erreichen, wo Kinder mit kleinen Netzen spielen und nach Meeresgetier Ausschau halten. Eine Mutter und ihre 17-jährige Tochter haben sich mit Proviant in Plastiktüten und zwei Klappstühlen zum Strandbaden niedergelassen. Das nahe Kernkraftwerk stört sie nicht: „Hier sind das alle gewohnt, der Strand ist sauber und die Aussicht auf das Meer wunderbar.“
Chancen wichtiger als Gefahren
Etwas oberhalb gibt es einen Crêpes-Stand und einen Kaffee-Imbiss, ein Denkmal an der Treppe zum Strand erinnert an den Versuch kanadischer Truppen im August 1942, die deutschen Verteidigungsstellungen mit ihrer schweren Artillerie in diesem Bereich einzunehmen. Es kam zum Desaster, der D-Day wurde daraufhin neu geplant und verlief 1944 bei hohen Verlusten dennoch erfolgreich.

Seit dieser Zeit herrscht hier Frieden, auch im Innern. Daran ändert selbst die umstrittene Atomkraft nichts. Die Menschen haben sich bei der Risikoabwägung mehrheitlich dafür entschieden, die Chancen und Vorteile höher zu bewerten als die Gefahren. Deutschland hat mit Juni 2026 alle bisherigen vertraglichen Verbindungen über die europäischen Atomabkommen erfüllt – und beendet. Die Castortransporte nach Frankreich zur Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe nach Frankreich und zurück gehören der Vergangenheit an. Dass weiterhin französischer Strom aus Kernkraft in deutsche Netze fließt, gehört zu den anhaltenden Widersprüchen einer auch global ausgerichteten Energiewirtschaft, die sich im Umbruch befindet – mit vielen bekannten und unbekannten Variablen.
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