Frankreich

Évreux: Zwischen Ärmelkanal und Seine

Évreux in der Haute-Normandie lockt jährlich immer mehr Besucher: mit seiner Geschichte von der Antike über das christliche Mittelalter bis zur Neuzeit, aber auch Kunst und Kultur Von Rocco Thiede
Cathédrale Notre-Dame d'Évreux (27)
Foto: fotolia.de | Die spätgotische Kathedrale „Notre Dame“ besteht aus weißem Kalkstein. Im Inneren bestechen die über 70 bunten mittelalterlichen Glasfenster im Chor aus dem 14. bis 16. Jahrhundert.

Haben Sie schon einmal etwas vom keltisch-gallischen Stamm der Eburoviken gehört?“, fragt Serge Droulez. Caesar erwähnt die auf Latein Eburovices genannten in seinem Bericht „De bello Gallico“. Ah, das sagt uns etwas. Lange ist es her, das kleine Latinum. Heute findet man Überreste der Eburoviken-Kultur vor den Toren von Évreux, der drittgrößten Stadt der Haute Normandie, deren Geschichte, bis in die römische Antike zurückreicht.

Évreux liegt zwischen Ärmelkanal und Seine-Metropole. Mit dem Zug ist die Stadt etwa eine Stunde von Paris entfernt. Mit dem Auto braucht man in die französische Hauptstadt die gut 88 Kilometer in südöstlicher Richtung liegt, etwas länger.

Aber nicht nur ihre gallisch-römische Gründung, sondern auch das christliche Mittelalter und die Neuzeit machen die Stadt für Reisende interessant. Die gotische Kathedrale, das Kultur- und Kunstmuseum im alten Bischofspalast mit seiner hochwertigen Kunstsammlung sowie die Nähe zu Paris lassen von Jahr zu Jahr immer mehr Gäste nach Évreux kommen.

Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert

Serge Droulez, der gut deutsch spricht, stammt aus Nordfrankreich ganz aus der Nähe der belgischen Grenze. Er hat schon in der Schule Deutsch gelernt und dies später auf der Universität vervollkommnet. Beim Erlernen seiner Sprachkenntnisse hat ihm auch das deutsche Fernsehprogramm geholfen: „Ich habe zu Hause immer Kika, den Kinderkanal geschaut sowie ARD, ZDF und Arte – das war sehr gut um Deutsch zu lernen“. Heute arbeitet Serge im Tourismusbüro von Évreux und empfiehlt gleich zu Beginn unseres Gespräches eines der Highlights der 50 000-Einwohner-Stadt: „Unsere Kathedrale – sie besteht aus mehreren Stilen und besonders sind ihre Kirchfenster, ganz wunderbar leuchtend aus dem 14. Jahrhundert“.

Die spätgotische Kathedrale „Notre Dame“ besteht aus weißem Kalkstein. An der Südseite befinden sich Reste eines ursprünglich zweigeschossigen Kreuzgangs mit schönem Maßwerk. Im Inneren bestechen die über 70 bunten mittelalterlichen Glasfenster im Chor aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Sie zeigen Szenen aus dem Marienleben und die Wurzel-Jesse. Auch das alte, geschnitztes Chorgestühl sowie eine Kanzel, verschiedene Altäre, die hochaufstrebenden Pfeiler sowie eine moderne Orgel ziehen die Besucher in ihren Bann.

Orgeln spielten in diesem Gotteshaus schon immer eine große Rolle. Die historische von 1842 wurde in einer Bombennacht durch die faschistische deutsche Luftwaffe im Mai 1940 zerstört. Seit Mai 2006 gibt es eine der modernsten Kirchenorgeln Frankreichs in der Kathedrale von Évreux. Ihre Form – sie ist 16 Meter hoch – wird von Kennern als futuristisch beschrieben. Viele Organisten aus dem In- und Ausland haben sich an ihr bereits erprobt und Konzerte gegeben. Welch schöner Zufall: Kaum betreten wir das Langhaus durch die gotische Vorhalle der Kirche, beginnt wie durch eine stille Absprache der Organist mit seinem Spiel. Er probt für die Heilige Messe und seinen Auftritt.

Schon Victor Hugo war in der Stadt

Schon vor Jahrhunderten besuchten Künstler und Dichter gerne die Stadt: „Victor Hugo ist gekommen. Die Kathedrale gefiel ihm natürlich. Marcel Proust war mehrere Mal hier und auch der symbolistische Maler Maurice Denise“, erzählt Serge. Von letzterem befinden sich im Kunst- und Kulturmuseum dem ehemaligen Bischofspalast, gleich neben der Kathedrale einige Bilder. Serge schwärmt von einem besonderen Exponat im Museum: „Unser wunderbarer Reisealtar aus dem 13. Jahrhundert. Er ist der größte und älteste seiner Art in Frankreich, weil während der Französischen Revolution diese mit Gold bedeckten Schreine, oft zerstört wurden“. Weitere sakrale und antike Schätze sind hier zum Beispiel romanische Kruzifixe aus Bronze, aus Holz geschnitzte mannshohe sowie farbig gefasste Heiligenfiguren aus der Gotik und Renaissance, goldene mit Edelsteinen verzierte Bischofsringe, kunstvoll gestaltete Hirtenstäbe der Kirchenfürsten, Altäre mit Elfenbeinschnitzereien und prächtige Gemälde aus fünf Jahrhunderten.

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Wer von der Kathedrale und dem Bischöflichen Palast zum Rathaus schlendert, trifft dort ein Denkmal von nationalem Rang: „La Tour de l?horloge, unser Glockenturm, gleicht den Türmen in flämischen Städten“, berichtet Serge. Der Turm aus dem 15. Jahrhundert ist in fünf Etagen aufgeteilt. Die Bombardierungen im Weltkrieg, hat er unbeschadet überstanden. Unten hat er einen Durchgang zum Flüsschen Iton. Oben zieren filigrane Aufsätze die Turmhaube. Dem schönen Glockenturm steht vis-a-vis auf dem Place General Charles de Gaulle das beeindruckende Rathaus. Davor plätschert ein Brunnen mit Figuren einer nackten Göttin und Delphinen.

Menschen ziehen in die Provinz

Viele Pariser flüchteten während der ersten Wellen der Coronapandemie in die kleineren hauptstadtnahen Städte, weil es dort niedrigere Inzidenzen und damit Einschränkungen im öffentlichen Leben gab. Einige verlegten sogar ihren Wohnsitz und zogen um. „Das ist ein neues Phänomen“ betont Serge, „nicht mehr die Hauptstadt zieht die Menschen an, sondern die Provinz, „wegen Covid und der Quarantäne waren die Menschen verpflichtet, zu Hause zu bleiben. Es war unmöglich für sie Beziehungen miteinander aufzunehmen oder in die Natur zu gehen. Paris wurde für sie ganz unangenehm und viele zogen freiwillig zu uns“.

Das bestätigt auch Piere, ein Webdesigner. Er sei wegen des Corona-Lockdowns extra aus Paris umgezogen, weil es hier viel ruhiger sei. Évreux sei halt sehr gut an Paris angebunden mit dem Zug oder dem Auto ist man schnell in der Hauptstadt. Auch seine Frau arbeite in Paris und fährt dreimal die Woche dorthin. „Außerdem sei das Leben in Évreux viel billiger“, sagt Piere lachend und verabschiedet sich höflich, weil sein Bus kommt. Kurz darauf treffen wir Madame Collard im Rathaus. Sie ist „Directeur de la Communication“, also die Pressesprecherin der Stadt. Von offizieller Seite bestätigt Madame Collard Piers Ansichten zum Corona-Boom nach Évreux: „Viele Pariser sind in der letzten Zeit zu uns gezogen. Die Preise für Immobilien und Mieten sind hier viel günstiger.“

Historisches Jugendstiltheater

Vom Rathaus ist es nur ein Katzensprung zum 1903 eingeweihten Jugendstiltheater. An warmen Tagen ist es ein beliebter Treffpunkt der Jugend. Zur Geschichte und Gegenwart des Theaters erzählt Serge: „Das erste Theater wurde für die Kaiserin Josefine, der geschiedenen Ehefrau von Napoleon gebaut. Ungefähr 80 Jahre später, wurde das Art Deco Theater eingeweiht. Im 20. Jahrhundert wurde es vergrößert und modernisiert: für Schauspiel, Oper, modernen Tanz, aber auch Rock. Wir haben jedes Jahr im Juni ein großes Rockfestival in Évreux.“

In der Nachbarschaft zum Theater befindet sich in einem modernen Zweckbau die städtische Bibliothek mit Medienzentrum. In einem weiteren historischen Gebäude residiert der Kunstverein in der Maison des Arts. Hier gibt es eine moderne Kunstgalerie und für die Kinder und Jugendlichen eine Kunstschule, wo sie Aquarellieren, Malen mit Ölfarben oder das plastische Gestallten von Kunstpädagogen lernen können. Aber nicht nur wegen der Kunst und Kultur kommenden Reisende aus Nah und Fern nach Évreux. Die Stadt wurde vom sogenannten „Nationalrat der beblümten Städte und Dörfer Frankreichs“ in der höchsten Kategorie mit gleich drei Blumen ausgezeichnet. Zurecht, denn viele Wanderwege umziehen Évreux, wie eine grüne Linie.

Wallfahrtsort in Gallien

Zum Abschied besuchen wir noch die gallisch-römische Stadt Gisacum. „Nach Gisacum kamen viele Pilger. Es war eine religiöse Stadt, wie Lourdes heute in Südwestfrankreich, und sehr berühmt.“, berichtet Serge. Die Archäologen graben bis heute dort aus. Sie fanden ein Theater und Thermen. Im Kulturmuseum im bischöflichen Palast sind einige besondere Exemplare antiker Gottheiten aus Bronze zu sehen, die man schon vor über 100 Jahren gut sechs Kilometer vor den Stadttoren fand. Serge: „Diese zwei Skulpturen von Apollo und Jupiter wurden im 19. Jahrhundert ausgegraben.“

Frankreich ohne seine berühmte Küche? Das ist undenkbar! Und so schwärmt auch Serge von einigen Delikatessen und Besonderheiten seiner Region: „Wenn man an Normandie denkt, stellt man sich sofort Käse wie Camembert vor. In Évreux und Umgebung servieren wir gerne dazu roten Apfelwein oder Apfelsaft – alles Bio und Öko“, wie Serge versichert. Zum Abschied trinken wir zusammen ein Glas dieses köstlichen Cider – „auf bald, die Gesundheit und das Leben“, ruft uns Serge dabei zu.

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