Säkularisierung

Die Kirche in Frankreich befindet sich in einem historischen Umbruch

Kirche im Niedergang. Mehrere Neuerscheinungen auf dem französischen Buchmarkt befassen sich mit der Krise der katholischen Kirche. Religion kommt anders zurück.
Sanierung Notre-Dame
Foto: Gao Jing (XinHua) | Ein Symbol für die drastischen Veränderungen, die sich derzeit in der Kirche von Frankreich vollziehen, ist die Baustelle der Pariser Kathedrale Notre-Dame.

Frankreich hat anderen Nationen, und damit auch Deutschland, in puncto Katholizismus manches voraus. Lange Zeit als „älteste Tochter der Kirche“ gepriesen, lassen sich am geistigen und geistlichen Zustand im 21. Jahrhundert Entwicklungen ablesen, mit denen der weitere Verlauf auch hierzulande antizipiert werden kann. Schließlich gilt das, was sich auf dem Feld der Religion und der Religiosität bei unseren Nachbarn abspielt, zumindest in Teilen auch für uns.

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Literatur zur Zukunft der Kirche

Zwei wichtige Neuerscheinungen auf dem französischen Buchmarkt widmen sich dem Phänomen einer möglichen Zukunftsträchtigkeit der katholischen Kirche in den kommenden Jahrzehnten. Während Guillaume Cuchet bang die Frage stellt „Hat der Katholizismus noch eine Zukunft in Frankreich?“ („Le Catholicisme a-t-il encore de l'avenir en France?“, E´ ditions du Seuil, 2021), verkündet Chantal Delsol schon lakonisch „Das Ende der Christenheit“ („La fin de la Chre´ tiente´ “, E´ ditions du Cerf, 2021). Die Tatsache, dass beide Veröffentlichungen in angesehenen Verlagshäusern erscheinen – wobei Cerf vom Dominikanerorden geführt wird und Seuil eine nicht-kirchliche Ausrichtung hat –, unterstreicht die Relevanz der Frage – innerhalb wie außerhalb der Kirche – nach der Zukunft des katholischen Glaubens und des Christentums und allgemein angesichts einer seit Jahrzehnten rasch vorwärts schreitenden Säkularisierung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch des einzelnen Gläubigen.

In Frankreich stellt man sich diesem Problem mittlerweile in mehreren weiteren Publikationen. Seit 2016 haben sich ebenso viele Bücher und Artikel mit diesem Phänomen befasst wie in den vorangegangenen 40 Jahren.

Rückgang

Ausgangspunkt für die französischen Essayisten ist eine Umfrage des Meinungs- und Marktforschungsinstituts IFOP (Institut francais d'opinion publique) gewesen, die vom Journalistenverband Ajir (Association Professionnelle des Journalistes d'Information sur les Religions) in Auftrag gegeben worden war. Ihr zufolge glaubt mehr als die Hälfte der französischen Bevölkerung nicht mehr an Gott, was die Frage aufwirft, ob unsere Nachbarn nunmehr mehrheitlich zu Atheisten geworden sind. Immerhin 51 Prozent der Befragten gaben sich als „ungläubig“ aus, nur noch 49 Prozent glauben an Gott. Im Vergleich zu Umfragen aus dem Jahr 1947, als noch zwei Drittel (66 Prozent) ihren Glauben an Gott betonten, bestätigen die neuen Zahlen einen starken Rückgang christlicher Überzeugungen.

Und tatsächlich erleben die Franzosen einem historischen Umbruch. Delsol konstatiert bei ihrem Parforceritt durch die vergangenen 1600 Jahre das Ende der christlichen Zivilisation – deren „Agonie“. Ein Schlüsseldatum für diesen stetigen Niedergang ist für sie die Französische Revolution. Seit den Sechzigerjahren und dem Inkrafttreten der Legalisierung der Abtreibung 1975 sei der Abwärtstrend nicht mehr aufzuhalten. „Seitdem“, so stellt sie in einem Beitrag für den Figaro fest, „sind es nicht mehr die religiösen Dogmen, die festlegen, was die Moral verbietet oder erlaubt, sondern Ethikkommissionen, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Strömungen zusammensetzen“. Damit übernehmen diese die einstige Rolle der katholischen Kirche. So etwa die Ökologie – im Grunde eine Naturwissenschaft, die von ihren Anhängern indes zu einer pantheistischen Weltanschauung transformiert wird.

Ökologie als Religion

„Atheisten“ seien die Länder des Westens dadurch aber nicht geworden, meint Delsol, sie hätten nur andere Glaubensüberzeugungen, andere Religionen oder Spiritualitäten – wie etwa den Buddhismus – angenommen: „Nach und nach wird die Religion des Abendlandes durch Surrogate verdrängt.“ So breche zwar die Transzendenz des Christentums zusammen, doch sein Bauwerk verschwinde nicht, es werde auf andere Weise der Wiederverwertung zugeführt: „Die Sorge um das ewige Heil wird in die Sorge um das Wohl der Gesellschaft verwandelt. Das Übel, das früher Neid, Ehebruch und Hochmut war, ist zum Imperialismus, Krieg, zur gesellschaftlichen Unterdrückung und zur Homophobie geworden.“ Moral werde zur Religion.

Die Ökologie also als eine neue Religion, als Pantheismus. Delsol erklärt die Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der traditionellen Religion: „Sie hat ihre Riten, ihren obligatorischen Katechismus, ihre Verbote, ihre Propheten und Hohepriester, ihre Bannflüche und Exkommunizierungen.“ Doch dies sei ein gefährlicher Prozess, „denn eine wirkliche Naturwissenschaft zu einer Religion“ zu verwandeln, sei tödlich für die betreffende Wissenschaft, „und wir brauchen die Ökologie dringend“.

Abgesang auf die Kirche

Nicht ganz so pessimistisch zeigt sich Cuchet in seinem neuesten Werk und in einem Interview mit „Le Monde“. Er erinnert daran, dass es seit Anfang des 19. Jahrhunderts „Ankündigungen des drohenden Todes“ der katholischen Kirche gegeben habe. Er jedenfalls glaube nicht im Geringsten an die „These einer terminalen Krise“. Dennoch gebe es eine „Bewegung“, die zwar „nicht linear in der Zeit und auch nicht einheitlich an allen Orten und innerhalb der Gesellschaft verläuft – dennoch ist dies eine starke, dauerhafte Tendenz. Und dieser spektakuläre Abbruch hat sich in den 2000er-Jahren verstärkt und ist damit in eine neue Phase getreten“.

Der Abgesang auf Kirche und Christentum wurde auch schon von Nietzsche angestimmt, der sogar den „Tod Gottes“ diagnostizierte. Doch verschwinden wird die Kirche freilich nicht. Didier Rance behandelt in seiner Neuerscheinung „L'E´ glise peut-elle disparaˆitre? Petite histoire de l'E´ glise a` la lumie` re de la Re´ surrection“ (E´ ditionsMame, 2021) verschiedene historische Momente, in denen es nach einem Ende des Christentums aussah. Dessen ungeachtet hat sie aber bis heute überlebt.

Eine Minderheit

Dennoch, die katholische Kirche und ihre Gläubigen werden weiterhin zu einer Minderheit in Frankreich – einem Land, das seit Jahrhunderten Vorreiter für die Missionierung der übrigen Welt war. Beigetragen zu dieser Entwicklung hat aber nicht nur der transzendentale Verlust innerhalb der Kirche, ihre Anpassung an „die Welt“. Delsol ist überzeugt, dass die Missbrauchsaffären einiger katholischer Geistlicher der bereits erkrankten Institution einen „herben Schlag“ versetzt hätten, die „ihre Talfahrt in den katholischsten Ländern des Alten Kontinents fortsetzt: in Spanien, Irland und Polen“.

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