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Sollte Deutschland zurück zur Atomkraft?

Angesichts der seit der Energiewende aufgetretenen wirtschaftlichen Probleme wird in der Bundesrepublik über den Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg diskutiert.
Kernkraftwerk in Leibstadt
Foto: Imago/Andreas Haas | Im Nachbarland Schweiz wird weiter auf Atomkraft gesetzt. Hier zu sehen: das Kernkraftwerk in Leibstadt.

War Deutschlands vollständiger Ausstieg aus der Kernkraft richtig? International hat diese Entscheidung keine Nachahmer gefunden. Einige Nachbarn Deutschlands wie Frankreich oder Belgien wollen sogar wieder verstärkt auf Atomkraft setzen. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme seit der Energiewende wird inzwischen auch in Deutschland wieder über eine Rückkehr zur Atomkraft diskutiert.

Pro

Die Energiewende in Deutschland ist gescheitert. Abhilfe könnte die Rückkehr zur Atomkraft schaffen. Die technologiekritischen Einwände dagegen überzeugen nicht Von Jakob Ranke

Die deutsche Variante der Energiewende – gleichzeitiger Ausstieg aus Kohle und Atomkraft – ist gescheitert. Bei wesentlich höherem CO2-Ausstoß (2024: 344 Gramm pro Kilowattstunde, schlechtes Mittelfeld im europäischen Vergleich) liegen die „Systemkosten“ der deutschen Stromproduktion dennoch wesentlich höher als etwa in Frankreich (44 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, 70 Prozent Atomenergie).

Der Grund ist leicht zu verstehen: Die dezentrale und nicht konstante Stromproduktion durch Wind- und Solarkraft erfordert große Investitionen in Netze und Speicher sowie eine teure Nebeninfrastruktur fossiler Kraftwerke, die einspringen, wenn der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint. Die Folge sind schlechte Standortbedingungen für die stetig schrumpfende, alte, energieintensive Industrie Deutschlands – und schlechte Bedingungen für die energiehungrige Zukunftsbranche Künstliche Intelligenz.

So fließt nach UN-Daten ein Drittel der grenzüberschreitenden Investitionen in Rechenzentren nach Frankreich, Deutschland erscheint nicht in der Top-10-Rangliste. Der Vergleich mit Frankreich legt nahe: Ja, Deutschland sollte zurück zur Atomkraft – zumindest dann, wenn es weiterhin Wert auf Klimaschutz legen, dabei aber nicht verarmen will. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz trotz seiner mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geteilten Überzeugung, der Atomausstieg sei ein „strategischer Fehler“ gewesen, diesen kürzlich als „irreversibel“ bezeichnete, ist natürlich seiner Koalition mit der SPD geschuldet, aber auch der generellen Hasenfüßigkeit der Union, die weiterhin Atomängste in der Wählerschaft fürchtet.

Anders ist nicht zu erklären, dass Oberwendehals Markus Söder, einst heftigster Ausstiegsbefürworter, nun den Wiedereinstieg über das neuartige, aber noch nicht marktreife Konzept der „Small Modular Reactors“ (SMR) empfiehlt, statt auf den Stopp des Rückbaus, die Rekonstruktion und Wiederinbetriebnahme der letzten bestehenden deutschen Atomkraftwerke zu pochen, was wohl die am schnellsten realisierbare Lösung wäre. Doch mit neuartigen SMRs, so das Kalkül, verbindet der deutsche Michel nicht Tschernobyl und Fukushima.

Dass die Atomangst auch im deutschen Katholizismus heimisch ist, ist gleichfalls mit der Angst vor unbeherrschbarer Technologie verknüpft. Der katholische Philosoph Robert Spaemann erklärte seine einflussreiche Anti-Atom-Position 2010 in einem „Tagespost“-Interview folgendermaßen: Das Endlagerproblem des Atommülls sei nicht gelöst, weshalb dieser eine Risikoquelle für zukünftige Zivilisationen sein könne; außerdem erlege der Atommüll kommenden Generationen Kosten auf, während wir die Vorteile genössen, was „außerordentlich unfair“ sei.
Beides ist nicht überzeugend.

Denn auch die Alternativen erlegen nachkommenden Generationen gewaltige Kosten auf: entweder in Form eines ungebremsten Klimawandels oder in Form einer riesigen Verschuldung, um ein vollständig auf erneuerbaren Energien beruhendes System zum Laufen zu bringen, wahlweise auch in Form von nachhaltigem Wohlstandsverlust durch Deindustrialisierung.

Auch das CO2 in der Atmosphäre hat ein Jahrtausende währendes „Endlagerproblem“. Und die Vorstellung, künftige Zivilisationen kämen mit Atommüll nicht klar, ist jedenfalls postapokalyptisch. Um zu vergessen, was Strahlung ist, müsste die Menschheit zum Beispiel einen globalen Atomkrieg nur sehr, sehr, sehr knapp überleben – und dann wäre die Strahlung aus vergessenen Atomkraftwerken noch das geringste Problem.

Nicht zuletzt scheint in der Atomskepsis eine romantische Technikfeindlichkeit auf, die christlich klingt, aber absurd ist. So wäre beispielsweise die Weltbevölkerung ohne Kunstdünger nicht zu ernähren. Wir sind also schon jetzt schlicht gezwungen, die Weltprobleme durch Technologie zu lösen; Verzicht und „Zurück-zur-Natur“-Folklore sind keine Option. Warum also die notwendige Wette auf Technologie in Bezug auf Atomkraft ausschlagen? Hier ist nicht die Furcht vor babylonischer Technik-Hybris angesagt, sondern der positive Bezug auf den göttlichen Funken in der menschlichen Kreativität.

Der Autor ist Redakteur der „Tagespost“.


Contra

Die Abkehr von der Atomkraft war ethisch und wirtschaftlich richtig. Statt einer 180-Grad-Wende braucht es einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien Von Josef Bordat

Sollte Deutschland zurück zur Atomkraft? Mit sogenannten „Small Modular Reactors“ („Mini-AKW“)? Auf den ersten Blick hört es sich sehr verlockend an: Versorgungssicherheit und Klimaschutz seien gleichermaßen gewährleistet – und das langfristig und unabhängig. Doch auf den zweiten Blick zeigen sich die Probleme – mal ganz abgesehen von der technischen Machbarkeit; derzeit gibt es nur Konzepte und Prototypen, keine im Alltagsbetrieb der Energieversorgung befindlichen SMR-Anlagen.

Man kann darüber hinaus vier Argumente gegen die Atomkraft unterscheiden: das Kosten-, das Nachhaltigkeits-, das Sicherheits- und das Müllargument.

Zunächst zu den Kosten. Ökonomisch wäre eine Rückkehr zur Atomkraft ein Irrweg: Wir haben schon bei herkömmlichen AKW hohe (und steigende) Kosten pro kWh erlebt (etwa 13 Cent), während erneuerbare Energien niedrige (und sinkende) Kosten aufweisen (Windenergie: vier bis zehn Cent; Solarenergie: drei bis zwölf Cent). Bezieht man externe Effekte (also: Umweltkosten) mit ein, sieht die Bilanz für Atomstrom noch schlechter aus. Und das sind nur die Zahlen für die leistungsstarken Großanlagen. Alexander Wimmers von der Technischen Universität Berlin, der zur Wirtschaftlichkeit der Atomenergie forscht, nennt 18 bis 50 Cent pro kWh für den Strom aus einem Mini-AKW. Also: Es lohnt sich wirtschaftlich nicht, in den Aufbau einer neuen AKW-Infrastruktur zu investieren.

Ähnlich schlecht sieht es auch bei der Nachhaltigkeit aus. Sonne und Wind gibt es „frei Haus“, AKW verbrauchen Ressourcen, die kostenintensiv gefördert werden müssen. Der Rohstoff Uran 235 ist endlich und muss importiert werden; die Abhängigkeit der deutschen Energiewirtschaft bliebe also bestehen. Die Uranvorkommen reichen immerhin noch etwa 200 Jahre. Es gibt weltweit etwa 400 Reaktoren, die vier Prozent der benötigten Primärenergie erzeugen. Zu 80 Prozent wird die Erzeugung der global erforderlichen Primärenergie mit fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl und Gas) bewältigt. Das würde bedeuten, man müsste das 20-Fache an Kernkraftwerken bauen, um diesen Bedarf decken zu können (wenn Deutschland weiter die Atomenergie nutzt, kann es Ländern wie Indien und China nicht glaubwürdig davon abraten). Das würde die Ressourcen nach etwa zehn Jahren erschöpfen.

Kommen wir zum Risiko. Zahlreiche Störfälle zeigen, wie anfällig die Atomtechnologie ist. Der katholische Moralphilosoph Robert Spaemann hat immer wieder dazu aufgerufen, die Reaktoren abzuschalten. Nicht nur wegen Tschernobyl (der GAU dort liegt genau vierzig Jahre zurück), nicht allein wegen Fukushima (die Katastrophe dort geschah vor zehn Jahren), sondern allein aus einem einzigen Grund: „Weil wir die Technologie nicht beherrschen.“ Das zeigt sich leider immer wieder. Auch wenn die neuen AKW den höchsten Standards genügen und als risikoärmer eingeschätzt werden, bleibt eine verharmlosend „Restrisiko“ genannte Gefahr von Stör- und Unfällen, ganz abgesehen davon, dass Atomanlagen auch mögliche Angriffsziele für Terroristen sein können.
Schließlich: Was übrig bleibt, ist – Müll.

Der wird auch noch lange bleiben und mit neuen AKW auch immer weiter zunehmen – bei ungelöstem Endlagerproblem. Auch die kleinen Leichtwasserreaktoren erzeugen Atommüll, gemessen an der erzeugten Energie sogar mehr als herkömmliche AKW. Keine Petitesse, strahlt doch der Atomabfall zig Generationen lang vor sich hin.

Im Ergebnis steht: CO2-emissionsarmer Strom aus AKW ist angesichts der Kosten, der Risiken und der Hypothek für die Zukunft nicht gerechtfertigt. Wenn die Atomkraft eine „Brückentechnologie“ ist, dann muss man, noch einmal Spaemann, diese Brücke „so schnell wie möglich überqueren, und das auch unter einschneidenden Opfern an Geld und Wohlstand“. Also: Das „Aus“ für die Atomkraft war und ist die richtige Entscheidung. Es geht jetzt darum, schneller und entschiedener den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzubringen. Solaranlagen und Windkraft – das ist die Zukunft der Energieversorgung, nicht nur bei uns, sondern weltweit: sicher, sauber, günstig.

Der Verfasser ist Philosoph, Theologe und Wirtschaftsingenieur. Er lebt in Berlin und arbeitet als Autor.

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