Eine der bekanntesten Abnehm-Diäten der deutschen Geschichte ist zu Otto von Bismarck überliefert. Denn der „Eiserne Kanzler“ war für seine ausgedehnten Mahlzeiten berühmt. Zum ersten Frühstück um 11 Uhr gab es zum Beispiel kalte Rebhühner und Braten, Koteletts und Gänsebrust, Spickaal und Räucherfisch – dazu Champagner, Bier und Wein. Das war noch vor dem eigentlichen Mittagessen. Am späten Abend soll er „Waldmeisterbowle mit Eis“ und sechs Eier mit Butter zu sich genommen haben – als Absacker nach einem bereits üppigen Essen. Als die Waage irgendwann 130 Kilo zeigte, griff Leibarzt Ernst Schweniger ein. Wichtigste Maßnahme: ein streng geregelter Tagesablauf mit ausgedehnten Spaziergängen und nur noch zwei Mahlzeiten pro Tag, vor dem Schlafengehen ein bis zwei Pfeifchen.
Der aktuelle Kanzler Friedrich Merz, mit 1,98 Meter einer der körperlich größten deutschen Politiker, wiegt momentan gut 90 Kilo. Beim Wahlkampf-Ausflug gestern ins Ostseebad Kühlungsborn hat er nur ein „exzellent gutes“ Fischbrötchen vertilgt – mit Matjes, nicht mit Bismarckhering. Überhaupt war wenig Bismarck in Mecklenburg-Vorpommern zu erkennen. Der Kanzler beließ es, weich statt eisern, bei einem Vor-Ort-Gespräch in kleiner Runde über die Sorgen und Nöte der Menschen. Bilder von schnaubenden AfD-Wutbürgern als Demonstranten mit den bekannten Schildern kann die Wahlkampfleitung der Union gerade nicht gebrauchen. Braungebrannte Urlauberinnen, die vor Fernsehkameras im Hilfiger-Strandkleid ihr schlechtes Leben beklagen, waren gerade noch tolerabel.
Auch in Quedlinburg, der zweiten Wahlkampfstation, nur wenig Bismarcksches Temperament: Ähnlich wie im Norden gab es ein Bürgergespräch im „Entre-Nous“-Format. Wenig drang nach außen. Ob es dort in Sachsen-Anhalt wenigstens eine Halberstädter Wurst samt Halloren-Kugel zum Dessert gab – man weiß es nicht.
Bismarck-Tradition bei Merz
Ohnehin scheinen die als „Altparteien“ verunglimpften CDU und SPD die Strahlkraft großer Wahlkampfauftritte an die AfD abgetreten zu haben. Virtuos handhaben die rechten Populisten das Marktplatz-Format und mobilisieren Anhänger und Neugierige.
Merz, der zurzeit die Öffentlichkeit der Straße meidet, befindet sich damit wie beim „exzellenten“ Hering in Bismarckscher Tradition. Der hielt nie öffentliche Reden, damals ohnehin unüblich. Stattdessen hatte er sich aus welfischem Vermögen den berühmten „Reptilienfonds“ angelegt: Mit dem finanzierte er Zeitungen oder bezahlte Journalisten, um regierungsfreundliche, oft anonyme Artikel zu platzieren und politische Gegner zu diskreditieren. Es war die frühe Form der Meinungsbildung von heute – in sozialen Medien über Influencer und bezahlte Infomercials. Da macht Merz nicht einen auf Bismarck, zum Glück. Die AfD dagegen befeuert ihre Wahlkämpfe zusätzlich zu den Rallys auf Open-Air-Bühnen und in Bierzelten mit einer durchschlagskräftigen Online-Präsenz. Außerdem lässt sich eine Flut von Bots und Fake News inzwischen auf russische Quellen zurückführen.
Wenn heute die Drohnenanschläge in Leipzig und andernorts eindeutig Russland zugeordnet werden und EU und Nato zu Reaktionen herausfordern: Die virtuellen Drohnen im Netz sind mindestens genauso wirksam. Noch einmal Bismarck: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“ Man möchte dem berühmten Satz von 1862 eine Aktualisierung von 2026 hinzufügen: Auch Social Media und zunehmend die KI entscheiden die wichtigen Fragen unserer Zeit.
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