Migrantische Milieus stehen oft im Fokus der Strafverfolgungsbehörden. Clan-Kriminalität von Drogenhandel bis Prostitution sorgt für Schlagzeilen, Sozialbetrug und Gewaltdelikte werden ständig öffentlich thematisiert. Die Statistiken dazu sind umstritten, denn besondere Situationen erzeugen nun mal besondere Voraussetzungen, die kriminelle Handlungen begünstigen. Doch wie verhindert man, dass alle Afrikaner, Syrer, Afghanen und Ukrainer von Behörden deshalb schlechter behandelt werden als Deutsche? Im Fokus: die Polizei bei ihren Ermittlungen oder Festnahmen.
Eine breit angelegte Untersuchung dazu ist ein Jahr alt und stammt von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bestimmte Gruppen – vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund, Muslime und Farbige – überproportional häufig kontrolliert werden. „Overpolicing“ heißt der Fachausdruck: Kleidung und mutmaßlicher sozialer Status wirken als unzulässige Auswahlkriterien. Die Diskriminierung zeigt sich nicht nur darin, wer kontrolliert wird, sondern auch wie, in der Intensität und im rüden Umgangston. Umgekehrt dokumentiert die Studie sogenannte „Underprotection“, also Schutzverweigerung. Wenn sie selbst zu Opfern werden, erleben Migranten oft wenig Unterstützung, wenn sie selbst zu Opfern werden.
The Poetry Project
Vor diesem Hintergrund wirkt eine spektakuläre Aktion umso dringlicher, die von der SPIEGEL-Auslandreporterin und Buchautorin Susanne Koelbl initiiert wurde. Auf der malerischen Inselbühne Potsdam präsentierte das Brandenburgische Polizeiorchester an einem lauen Sommerabend ein buntes Programm – als musikalischer Rahmen für eine Bühnenlesung von Migrationsliteratur. Die jungen Autoren, auch eine Autorin war dabei, lasen ihre Werke selbst, einige Texte wurden vom Schauspieler Jakob Walser in engagierter, fast szenischer Lesung vorgetragen.
Koelbl selbst moderiert den Abend. Die Tochter der Fotografin Herlinde Koelbl ist mit den Verhältnissen in den Herkunftsländern vertraut und betreibt seit einigen Jahren das von ihr ins Leben gerufene „The Poetry Project“. Migranten erstellen Texte und verfassen Gedichte, die ihre Fluchterfahrungen mit dem Verlust von Heimat und den Umständen von Ankunft und Ablehnung thematisieren. So entsteht seit Jahren eine beachtliche literarische Dokumentation der großen Einwanderungsgeschichte, die sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa vollzieht. Das Ende des Projekts ist so offen wie die gesamte Migrationsentwicklung. Angst und Sorge, Furcht, Zweifel und Ungewissheit durchziehen die schriftlichen Zeugnisse.
Alle Texte verbindet, dass sie eigenes Erleben reflektieren und nicht in künstlerischer Absicht fiktionale Inhalte ästhetisch anspruchsvoll transportieren. Anders als in der Literatur bilden hier Autor und Ich-Erzähler immer eine untrennbare Einheit. Manches klingt da wie konkrete Poesie, anderes wie expressionistische Lyrik. Das lyrische Ich – hier ist es das eigene. Erlebnisprosa in hochverdichteter Sprache lässt erahnen, wie um jedes Wort, jede Metapher gerungen wurde. Nichts klingt beiläufig, alles ist von Bedeutung. Selbst Texte mit der Anmutung eines Erlebnisaufsatzes wirken am Ende durch ihre unverfälschte Direktheit besonders anrührend. Die junge Ukrainerin Mariia Kaziun zum Beispiel spricht die Ordnungshüter direkt an: Liebe Polizei!
Zunächst formuliert sie Verständnis für die Beamten in Uniform, den Dienst und die Herausforderungen. Und schildert dann kontrastvoll ihre schutzlose Einsamkeit, die Heimatlosigkeit und Verlassenheit. Das, so resümiert sie, könne ein Polizist im Dienst wohl nur schwer vorstellen. Vorwürfe leitet die fröhliche junge Frau daraus nicht ab.
Letzter Ausweg Selbstverbrennung
Somayeh Hasanzadeh, heute 34, stammt aus dem afghanischen Herat und wuchs im Iran auf. Schon als Kind musste sie eine Burka mit schmalem Sehschlitz tragen, ihre verzweifelte Mutter zündete sich mit dem Gasbrenner an, um sich zu töten – und überlebte nur knapp. Die Mutter ihrer Freundin wurde totgeschlagen vom Ehemann, der sich darauf eine neue Frau nahm. Somayeh formuliert am Ende ihres von Jakob Walser erschütternd vorgetragenen Prosagedichts:
Im BAMF-Interview haben sie mich gefragt:
Was machst du, wenn wir dich abschieben?
Ich habe geantwortet:
Ich würde mich vor euren Augen verbrennen.
Mehrere Gedichte beschäftigen sich mit Hass und Vorurteil, mit Desillusionierung und polizeilicher Übergriffigkeit. Robert Paul, stellvertretender Leiter des Polizeiorchesters, hielt dagegen. Er sei zwar Musiker und kein Polizeibeamter, aber die deutsche Polizei stehe auf dem Boden des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Darauf könne man sich immer berufen. Seine Musikauswahl war klug zusammengestellt, mit überraschend religiösen Bezügen. So erklang ein „Benedictus“ aus „The Armed Man“, der Friedensmesse des walisischen Komponisten Karl Jenkins. Und der bekannte, irgendwann Mozart zugeschriebene Kanon „Dona Nobis Pacem“ erklang als ein transzendent angelegtes Flehen um Frieden – das mal beklommen, mal aufgewühlt wirkende Publikum nahm es dankbar an. Versöhnliches auch zum Schluss: Nazifullah Nasiri beschreibt, wie ihn ein deutscher Polizist auf Englisch freundlich begrüßte, als er voller Angst an der Grenze aufgegriffen wurde: Welcome to Germany!
Und das Brandenburger Polizeiorchester spielt auf der Inselbühne „Imagine“ von John Lennon.
Brisanter Kulturaustausch auf der Potsdamer Inselbühne.









