Besucher des Kulturfestivals „Weimarer Sommer 2026“ entdecken auf der anderen Ilmseite im Grünen schnell ein besonderes Kleinod, das sogleich den Blick auf sich zieht. Sein gewalmtes Dach sitzt auf wie ein eigenwillig geformter hoher Hut: Goethes Gartenhaus. Goethe war sechsundzwanzig, als er 1775 dem Ruf des erst achtzehnjährigen Herzogs Carl August folgte. Um den – dank seines „Werther“ – bereits weit über die Landesgrenzen hinaus berühmten Dichter an Weimar zu binden, zahlte der Herzog das Haus aus seiner Schatulle, d. h., der, wie anzunehmen ist, vom Steuerzahler zuvor gefüllten. Haus und Garten waren in desolatem Zustand, sodass Goethe und zur Verfügung gestellte Arbeiter mit Instandsetzung und Umbauten zunächst sehr beschäftigt waren. Goethe wohnte hier ab 1776, bis er 1782 in das weitaus repräsentativere Haus am Frauenplan zog. Doch auch danach zog es ihn immer wieder in sein Gartenhaus zurück – besonders, wenn er zum Denken, Forschen, Dichten Ruhe brauchte – bis zu seinem letzten Besuch, in seinem Todesjahr 1832.
Sein Aufenthalt in dieser Ruheoase war nun aber keineswegs ein Einsiedlerdasein, da Goethe bereits damals über Diener verfügte. Überdies empfing er Besucher, von Charlotte von Stein bis Christoph Martin Wieland, von Johann Gottfried Herder bis zu seinem Freund und Begleiter Karl Ludwig von Knebel.
Begeisterung für die Antike
Als das Gartenhaus seine Pforten öffnet, hat sich eine kleine Besucherschar eingefunden. Über eine kleine Treppe geht es zur Kasse – die „Weimar Card“ wird gescannt – und schon befinden wir uns in einem von Goethe als „Speisezimmer“ genutzten Raum, den er – kurioserweise – sein „Erdsälgen“ (-sälchen) nannte. Mineralienschränke deuten bereits zu dieser Zeit auf den naturwissenschaftlich interessierten großen Sammler, Kopien griechischer Kunstwerke, der Köpfe des Laokoon bzw. des Apoll von Belvedere, auf seine Begeisterung für die Antike hin. Mit den Jahren wurden seine verschiedenen Sammlungen so groß, dass allein schon aus diesem Grund der Umzug in ein bedeutend größeres Anwesen geboten war.
Seit 1829 halfen große, an den Wänden angebrachte Rom-Karten Goethe bei der Arbeit an Band 2 seiner „Italienischen Reise“: einmal die Radierung „Prospetto d’alma città“ – von dem Grafiker Giuseppe Vasi, der aus Sizilien stammte und 1782 in Rom starb – und „Effiges antiquae Romae“, eine Rekonstruktion des antiken Rom (von 1561). Über einen kleinen Vorraum lässt sich ein Blick in die „Küche“ werfen, wo Kamin, Herd und Spülstein noch original erhalten sind. Auch für Kulinarisches hatte Goethe durchaus Sinn; so ist z. B. überliefert, dass er Erdbeeren, kombiniert mit Spargeln, schätzte und Erträge seines Gartens an ausgewählte Personen sandte. Wer weiß, ob „findige“ Restaurantbesitzer in Weimar nicht eines Tages „Goethe-Spargeln, von Erdbeeren gekrönt“ anbieten. Da es dort u. a. schon „Goethes Schokolädchen“, einen „Goethebrunnen“ und ein „Goethe Kaufhaus“ gibt, würde es nicht verwundern. Über eine Treppe nach oben gelangt man in einen Vorsaal mit Büsten von Anna Amalia und Großherzog Carl August sowie einer Silhouette von dessen Frau Luise. Goethe war dem Hof verbunden.
Zeichen- und Maltalent
Das Balkonzimmer gegenüber diente als Salon und für Empfänge. Auffallend ist zunächst die Büste des Zürcher Theologen und Schriftstellers Johann Caspar Lavater (1741–1801), die dieser Goethe nach dessen Ankunft in Weimar schenkte. Porträtreliefs von Goethes Eltern und von seiner Schwester zeugen von Verbundenheit mit der Familie, wobei die Cornelia darstellende Zeichnung aus Goethes Feder stammte. Sein Zeichen- bzw. Maltalent zeigt sich auch in einem Aquarell, das die Rückseite des Gartenhauses wiedergibt. Hervorzuheben ist die sehr gelungene Porträtstudie – wiederum von Georg Melchior Kraus – „Goethe mit einer Silhouette“. Der junge, von der Seite dargestellte Dichter ist in dunkle Hosen und einen grauen, locker sitzenden Mantel gehüllt, unter dessen Ärmeln, wie auch unter dem Hals, ein weißes Rüschenhemd hervorschaut. Ein Bein lässig über das andere geschlagen, stützt er sich mit einem Arm auf einen Tisch. Mit seiner rechten Hand hält er eine Silhouette in Augenhöhe vor sich hin, die er – der Augenmensch („zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt …“; aus Goethe „Faust“, 2. Teil) – aufmerksam betrachtet. Im nächsten Raum, dem Arbeitszimmer, fällt zunächst der Sitzbock ins Auge, der es dem Dichter ermöglichte, während der Arbeit zwischen Stehen und Sitzen abzuwechseln.
Zeichnungen Goethes lassen erkennen, warum er längere Zeit nicht sicher war, ob er eher zum Maler, Zeichner oder zum Dichter berufen sei: „Dampfende Täler bei Ilmenau“ sowie „Luisenkloster und Bergwerkskaue bei Ilmenau“ und „Christiane Vulpius, auf einem Sofa schlafend“. Ein Stabbarometer und ein Mineralienschrank sind weitere Hinweise darauf, dass Goethe schon in seinen ersten Jahren in Weimar naturwissenschaftliche Studien betrieb. Das Mittelzimmer kann mit seinen Büchern keine Vorstellung von den Tausenden von Bänden vermitteln, die Goethe später in seinem Haus am Frauenplan zur Verfügung standen. Ein sogenannter „Mappenschrank“, zur Aufbewahrung von Radierungen, Kupferstichen und Zeichnungen, gibt einmal mehr Zeugnis von der künstlerischen Interessenvielfalt seines Besitzers. In Goethes Schlafzimmer deutet eine Herbarienpresse auf sein Interesse an Pflanzen, das eines Tages in seinem Gedicht „Die Metamorphose der Pflanzen“ einen denkerisch-dichterischen Ausdruck finden sollte.
Goethes Gedicht „An den Mond“, Ausdruck einer naturwissenschaftlich-romantischen Faszination für den Erdtrabanten, entstand in diesem Gartenhaus. Der Blick in den sternenklaren Nachthimmel muss damals, ohne die Lichter der Stadt, ein verzauberndes Abenteuer gewesen sein. Die Sonne – sie war ein Leben spendendes Naturwunder, das den Tag beleuchtet und sich zur dunklen Nacht zurückzieht. Im „Faust“ heißt es:
“Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.”
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Der Autor ist Übersetzer und Schriftsteller.
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