Wenn mein 13 Jahre altes Ich mein heutiges Ich sehen würde, wäre es empört. Damals verteilte ich in München Flugblätter für Franz Josef Strauß und die CSU. Während meine Klassenkameraden „Atomkraft? Nein danke“- und „Stoppt Strauß!“-Aufkleber auf ihre Schulranzen pappten, prangten bei mir trotzig „FJS“-Sticker.
Wenn man jetzt die Fast-Forward-Taste drückt und mehr als 40 Jahre nach vorne spult, bietet sich ein Bild, das ich damals, als Heranwachsender, als völlig abwegig abgetan hätte. Ich habe mich – in Berlin, wo ich seit fast 30 Jahren lebe, stehen die Wahlen zum Abgeordnetenhaus bevor – nämlich erstmals wieder zum Flugblätterverteilen entschlossen. Nur eben nicht für die Union und schon gar nicht für die AfD, sondern für die SPD. Die SPD? Meinen damaligen Leib- und Magengegner? Wie konnte es nur so weit kommen?
Sozialdemokratie tut der politischen Kultur gut
Mein erster Beweggrund ist Mitgefühl. Die Partei, gegen die ich in meiner Jugend leidenschaftlich gestritten habe, ist mittlerweile derart am Boden, dass meine Schadenfreude in Anteilnahme umgeschlagen ist. Man möchte siegen, aber bitte doch so, dass der Gegner auf den Füßen bleibt. Ich möchte schlicht nicht in einem Land leben, in dem die einst stolze SPD nur noch um die 10 Prozent Stimmenanteil bekommt. Ich habe noch einmal nachgelesen, was der damalige Kardinal Ratzinger sagte, als er bei einem Berlin-Besuch im Jahr 2000 in der Bayerischen Landesvertretung eine Rede hielt. Er bezeichnete damals die Sozialdemokratie als „heilsames Gegengewicht gegenüber den radikal liberalen Positionen“ unserer Zeit. Ich glaube, dieser Hinweis ist in Zeiten, in denen bald jeder dritte Arbeitsplatz von Künstlicher Intelligenz ersetzt wird, aktueller denn je.
Der spätere Papst wies auch darauf hin, dass in einem Land wie England die Vertreter des demokratischen Sozialismus die Partei der Katholiken waren, die sich weder im protestantisch-konservativen noch im liberalen Lager zu Hause fühlen konnten. „Auch im wilhelminischen Deutschland“, sagte er, „konnte sich das katholische Zentrum weithin dem demokratischen Sozialismus näher fühlen als den streng preußisch-protestantischen, konservativen Kräften.“ Ich bin davon überzeugt, dass eine starke Sozialdemokratie einer intakten politischen Kultur gut zu Gesicht steht, und befinde mich – siehe Ratzinger – damit offenbar in bester Gesellschaft. Bei mir schrillen jedenfalls sämtliche Alarmglocken, wenn eine einst stolze Partei wie die SPD droht, zur Splitterpartei zu werden.
Mein zweiter Beweggrund ist pragmatisch. In den Umfragen liegt die Linkspartei vorne. Das wahrscheinlichste Szenario ist – Stand jetzt – eine Regierungskoalition aus Linke, Grünen und SPD. Damit würde jene Partei den Regierenden Bürgermeister stellen, die einst für Mauer und Schießbefehl verantwortlich war. Eine von Linke und Grünen dominierte Regierung wäre in meinen Augen der absolute Super-GAU für Berlin. Ich setze also auf die SPD, um die endgültige Verwahrlosung dieser Stadt wenigstens ein bisschen abzufedern. Ich hoffe nur, dass mich mein jugendliches Ich, nachdem ich mein Kreuzchen gemacht habe, nicht in meinen Albträumen heimsucht.
Der Autor ist Journalist und Schriftsteller.
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