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Hans Maier: Ein Letzter seiner Art?

Viele wie ihn gab es auch zu seinen Lebzeiten nicht. Denn Hans Maier war katholisch im allumfassenden Sinne: als Wissenschaftler, als Kulturpolitiker, als Intellektueller, als Mensch.
Hans Maier
Foto: imago stock&people | Der andere CSU-Übervater: Hans Maier.

So einen wie ihn wird es nicht mehr geben – gefühlt liest man diesen Satz heute öfter in Nachrufen als früher. Die Rede von der Zeitenwende mag unzulänglich sein. Aber es ist ganz ohne Zweifel so, dass wir eben in einer Phase leben, in der die Menschen merken, dass sich etwas ändert. Und zwar zum Schlechteren hin, so die verbreitete Befürchtung. Deswegen wird der Blick in die alten Tage der Bundesrepublik immer verklärter. Und deswegen werden viele der unzähligen Nachrufe, die jetzt auf den gestern im Alter von 95 Jahren verstorbenen Hans Maier verfasst werden, wohl auch so einen nostalgischen Zug tragen. Und das ist ja auch menschlich verständlich.

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Erst zu Pfingsten war so eine Sehnsucht nach einer Maier-Renaissance zu spüren, und zwar dort, wo Maier zwar seine politische Heimat gefunden hatte, aber doch nie zum Parteisoldaten wurde: bei der CSU. Als Manfred Weber in seinem Brief an CSU-Funktionäre anmahnte, die Partei müsse wieder denken lernen, da erschien wohl bei vielen Christsozialen vor dem inneren Auge die Gestalt Hans Maiers. Dabei war der als Minister keineswegs allerorts wohlgelitten. Ein Streit mit Franz Josef Strauß führte schließlich auch dazu, dass er sein Amt aufgab. Aber trotzdem: Der Mythos lebt. Auch dank eines Mangels an potenziellen Nachfolgern. Wo ist er denn, der CSU-Parteiintellektuelle? Sicher, Manfred Weber ist kein Söder, aber eben auch kein Hans Maier.

Ehrlicherweise müssten aber diejenigen, die jetzt beklagen, mit Maier sei nun ein Letzter seiner Art gegangen, zugeben, dass es auch schon in seiner aktiven Zeit nicht so viele dieser Art gab. Der gelehrte Wissenschaftler, der Kulturpolitiker, der katholische Intellektuelle – Hans Maier war mit seinem umfassenden Profil schon immer ein Solitär. Der Unterschied zu heute: die Strahlkraft eines solchen Lebenswerkes. Maier war ein Vorbild, er bildete einen Orientierungspunkt. Die CSU wäre wahrscheinlich in einem anderen Zustand, wenn sich der Parteinachwuchs nicht nur FJS-Plakate an die Wand hinge, sondern auch Maier lesen würde.

(K)ein Konservtiver

Es ist wohl nicht ganz falsch, Maier einen Konservativen zu nennen. Aber diese Zuschreibung geht nicht vollends auf. Zu sehr ist heute eine konservative Grundhaltung mit Kulturpessimismus verknüpft. Das war Maier eben gerade nicht. Er gehörte, darin Joseph Ratzinger ähnlich, zur Generation Bundesrepublik. Diese jungen Katholiken erkannten die Chancen, die dieser junge Staat ihnen bot. Er gab ihnen den Freiraum, diesen Staat mitzuprägen. Welch großer Unterschied zum Dritten Reich, aber eben auch eine andere Situation als in der Weimarer Republik oder gar im Kaiserreich. Und das hieß dann natürlich auch, nicht zu schweigen, wenn in den folgenden Jahrzehnten Fehlentwicklungen in dieser Bundesrepublik zu beklagen waren. Hans Maier, er gründete in den 70er-Jahren den Bund Freiheit der Wissenschaft mit, gehörte zu denen, die schon relativ früh die Folgen der 68er-Studentenrevolte für die Universitäten beklagten.

Durch seine Beschäftigung mit den „politischen Religionen“ Nationalsozialismus, Kommunismus und Faschismus hatte er einen wachen Sinn für den totalitären Charakter ideologischer Heilsversprechen, die eine Erlösung schon im Hier und Jetzt verheißen. Statt eines solchen utopischen Überschwangs, der schnell in eine dystopische Realität umschlagen könnte, praktizierte er lieber das „Bohren dicker Bretter“, wie Max Weber einmal das Wesen der Politik beschrieben hat. Das ist mühsam, mitunter kleinteilig, aber es führt zu Ergebnissen. Und so eine Haltung schult zum Pragmatismus. Der drohte bei Hans Maier nie in Beliebigkeit umzuschlagen. Zu fest war die Verwurzelung in seinem Glauben. Das Katholische war der Humus, in dem diese Persönlichkeit herangewachsen war. Sie gab ihm Sicherheit, auch Gelassenheit, vor allem aber eine österliche Perspektive.

Das alles können auch diejenigen an Hans Maier sehr schätzen, die seine Positionierung im Konflikt über die Schwangerenkonfliktberatung zwischen deutschen Laien und dem Vatikan nicht geteilt und kritisch beurteilt haben. Aber auch als Präsident des ZdK war dieser Laie ein katholischer Intellektueller, dessen Ausführungen man auch gerade dann gerne zuhörte, wenn ihnen zu widersprechen war. Denn wer in einen Diskurs mit Maier eintreten wollte, der war gezwungen, klar zu argumentieren und deutlich zu formulieren. Hans Maier war ein Vorbild an intellektueller Redlichkeit. Es wäre dramatisch für unser Gemeinwesen, sollte er mit dieser Eigenschaft tatsächlich ein Letzter seiner Art gewesen sein.

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