Manfred Weber, Chef der EVP, also der Mr. Europa der deutschen Christdemokraten, hat zu Pfingsten einen Brief geschrieben. Fünf Seiten ist er lang. Und es geht um Inhalte. Weber, er bekam bei den letzten Vorstandswahlen ein besseres Ergebnis als der große Vorsitzende, ist in vielem das genaue Gegenteil zu Markus Söder. Der eine Katholik aus Niederbayern, der andere Protestant aus Nürnberg. Der eine bedächtig, für CSU-Verhältnisse fast schon intellektuell, der andere eine Rampensau par excellence. Dass Weber, der gläubige Katholik, gerade zu Pfingsten schreibt, ist kein Zufall. Schließlich geht es dann auch darum, woher die Inspiration kommt, wenn man eine frohe Botschaft verkünden will.
Dass die CSU so eine Botschaft hat, daran zweifelt auch Weber nicht. Seine Warnung: Die Partei drohe, den Kern dieser Botschaft zu vergessen, die DNA der CSU, so schreibt er, sei das Gemeinwohl. Da steckt auch drin: Viele, vor allem einer, würden nur an ihr Eigenwohl denken. Dass Markus Söder ein Meister der Selbstinszenierung ist, da sind sich Freund wie Feind des Nürnbergers einig. Und er hat ja schon zurückgedreht: Der Bart ist ab, die digitalen Aktivitäten deutlich runtergefahren und Söder trägt auch wieder Krawatte. Das mäßige Abschneiden bei den Kommunalwahlen hat wohl auch der CSU-Chef selbst als Mahnung zu mehr Seriosität verstanden. Der Brief von Weber dokumentiert aber, der Unmut in der Partei schwelt weiter.
Muss sich Söder nun ernsthaft Sorgen machen?
Dazu ein kleiner Blick in die Geschichte der Christsozialen: Außerhalb von Bayern glauben die meisten, in der CSU gehe es zu wie im Wirtshaus: Keilerei mit Tanzvergnügen. Tatsächlich ist die Partei aber ein höchst sensibles Gebilde, das nur der beherrschen kann, der zwar ein Meister der Wirtshausrede ist, aber es eben vor allem meisterlich versteht, dafür zu sorgen, dass alle Parteifreunde ordentlich satt werden. Bei den Lieblingsgerichten fängt es schon an: Während es dem Oberbayern nach seinem Schweinebraten gelüstet, besteht der Allgäuer auf Käsespätzle und der Franke – für die Rest-Bayern sowieso ein seltsamer Menschenschlag – verlangt Schäufele.
Die Bayern gelten in der Bundesrepublik als radikale Föderalisten, aus dem fernen Berlin lässt man sich nur ungern regieren. Bayerische Herrscher selbst aber – in diese Reihe darf man auch die Ministerpräsidenten einschließen – neigen, wenn es darum geht, in weiß-blauen Landen durchzuregieren, zum Zentralismus. Die unterschiedlichen bayerischen Stämme – deren verschiedene Interessen sich nicht nur auf der Speisekarte abbilden – sehen das natürlich mit Argwohn. Deswegen muss der König genannt Ministerpräsident ständig für Ausgleich sorgen. Das ist sehr anstrengend und kräfteaufreibend, verlangt Menschenkenntnis, ja in gewisser Weise Menschenliebe, gleichzeitig aber auch die Fähigkeit zum kältesten Machiavellismus.
Selbst Franz Josef Strauß machten seine lieben Bayern immer wieder zu schaffen. So monolithisch, wie es der Legende nach heute scheint, war die CSU nämlich auch schon zu seinen Zeiten nicht. Sowohl beim Kreuther Trennungsbeschluss – die CSU sollte bundesweit antreten – wie später beim DDR-Milliardenkredit, es gab durchaus Gegenwind für FJS. Wenn auch aus unterschiedlichen Richtungen. Diese Richtungen gab es aber schon immer. Strauß selbst machte Karriere als junger Vertreter der (National-)Liberalen, die sich gegen einen als verstaubt empfundenen klerikal-katholischen, latent monarchistischen Flügel (Alois Hundhammer) durchsetzen wollten. Und dann kommt hinzu: Die Partei ist ein Sammelbecken von Originalen. So kann es kommen, dass ein Erwin Huber, der als Generalsekretär geradezu die Idealverkörperung des „Wadenbeißers“ war, nach Seniorenstudium in Theologie bei den Jesuiten nun am liebsten mit den Grünen rumkuschelt.
Alle diese Besonder- und Eigenheiten sind aber letztlich genau das, was die CSU ausmacht. Deswegen ist so ein Brief wie der von Weber für Söder kein Super-GAU, aber ein deutlicher Schuss vor den Bug. Wenn er ihn nicht ernst nimmt, dann könnte es für ihn wirklich gefährlich werden. Edmund Stoiber, allerdings auch mehr der Partei enthoben als Söder, wurde auch einmal einfach weggeputscht. Doch noch ist es nicht so weit.
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