Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman - diese drei katholischen Christdemokraten werden in der Regel genannt, wenn nach den Gründervätern der europäischen Einigung in der Nachkriegszeit gefragt wird. Es ist aber angebracht, noch einen Dritten hinzuzunehmen, der nicht nur von seinem Amt her eine ganz besondere Autorität und Symbolkraft in dieses historische Projekt einbrachte, sondern vielfach auch praktisch helfen konnte: Papst Pius XII. Vor allem dieses Jahr bietet Chancen, diese Zusammenhänge deutlicher zu beleuchten: Denn sowohl der westdeutsche Gründungskanzler Adenauer wie auch der Papst wurden vor 150 Jahren geboren.
„In Rom gezeugt, in Washington geboren“ – dieses Urteil, das der evangelische Pfarrer Martin Niemöller (1892–1984) über die junge Bundesrepublik im Jahr 1950 fällte, war wahrlich nicht als Kompliment gemeint. Niemöller, der heute gerne zur Ikone der Friedensbewegung verklärt wird und sich vor allem wegen seiner Rolle im evangelischen Kirchenkampf während des NS-Regimes allgemeiner Wertschätzung erfreut, war eben auch ein Leben lang durch seine antikatholischen Ressentiments bestimmt, wie sie für Teile des Protestantismus damals durchaus typisch waren. Zieht man diese polemische Tonlage aber ab, so hat er im Kern durchaus recht: Die Vereinigten Staaten von Amerika und der Vatikan waren tatsächlich so etwas wie geistige Paten für den jungen westdeutschen Staat.
Christliches Erbe als Kraftquelle
Aber in ganz anderer Weise, als Niemöller suggerierte. Der ehemalige U-Boot-Kommandeur im Ersten Weltkrieg konnte trotz vieler politischer Metamorphosen in seinem langen Leben den alten Deutschnationalen eben nie verleugnen. Die Einflussnahme aus Rom und Washington führte die junge Bundesrepublik nicht unter die Kontrolle dubioser fremder Mächte, sondern half dem neuen Staat dabei, seinen Platz im freien Westen zu finden, der sich gegen die kommunistische Bedrohung aus dem Osten schützen musste.
Die Russen standen direkt an der innerdeutschen Grenze. Dabei war Bundeskanzler Konrad Adenauer von Beginn an klar, dass die Auseinandersetzung mit der totalitären Ideologie nicht nur eine Frage der Militärstrategie ist, sondern eine geistige Qualität hat. Deswegen war dem Kanzler die besondere Bedeutung des Papstes selbstverständlich. Er symbolisierte in seinem Amt wie keine andere Persönlichkeit das christlich-abendländische Erbe. Pius sorgte aber gleichzeitig auch durch Akzente, die er in seinem Pontifikat setzte, dafür, dass dieses Erbe nicht als ein Museumsstück empfunden wurde, das in eine Vitrine gehört. Das Abendland war lebendig und verteidigungsbereit.
Zum Schutz gegen die kommunistische Bedrohung
1949 verkündete das Heilige Offizium ein Dekret, in dem klargestellt wurde, dass ein Engagement für die Kommunistische Partei die Exkommunikation nach sich ziehen würde. Auf Aushängen an den italienischen Pfarrkirchen wurde den Gläubigen bekannt gemacht, dass, wer Mitglied bei den Kommunisten werde, für sie Propaganda mache, für sie stimme oder in ihrer Presse schreibe und diese verbreite, eine Todsünde begehe. Dieses Dekret war vor allem auf die italienische Situation bezogen: Was heute dank der „Don Camillo und Peppone“-Filme als gute alte Zeit verklärt wird, war in Wirklichkeit eine hochgefährliche Krisensituation. Italien stand auf der Kippe und hätte durchaus unter kommunistischen Einfluss geraten können.
Das päpstliche Dekret hatte aber natürlich eine Wirkung über den Stiefelstaat hinaus. Auch in Deutschland versuchten die Kommunisten, die schon immer erfahren darin waren, „fünfte Kolonnen“ für ihre Ideologie in Stellung zu bringen, Unterstützer aus anderen weltanschaulichen Lagern zu gewinnen. Später, als es um die Wiederbewaffnung ging, versuchten sie besonders, christliche Pazifisten für sich einzuspannen. Dass dies den Kommunisten auf evangelischer Seite besser gelang als auf katholischer, ist auch dieser Positionierung des Papstes zu verdanken. Den Katholiken war klar, dass es mit den Anhängern der atheistischen Ideologie keine Zusammenarbeit geben kann.
Pius' XII. Sympathie für Deutschland
Für Deutschland hegte Pius, der ja zunächst Nuntius in München, dann in Berlin gewesen war, ein Leben lang eine besondere Sympathie. Aus dieser Zeit kannte er Konrad Adenauer schon. Schon 1951 hatte den sein erster Staatsbesuch in den Vatikan geführt. Ein bewusstes Zeichen. Pius erkannte in dem Kanzler den prägenden Mann einer neuen, starken Christdemokratie, die nach seinem Wunsch nicht nur in der Bundesrepublik mit CDU und CSU und in Italien mit der „Democrazia Italiana“ zur bestimmenden politischen Kraft werden sollte.
Neben der Übereinstimmung in den wesentlichen politischen Grundentscheidungen, die Adenauer für die Bundesrepublik traf und damit auch eine Art Muster für erfolgreiche christdemokratische Politik ablieferte, profitierte der Kanzler auch von den Diplomaten des Vatikans. Hier wurden manche Geheimnachrichten schnell ausgetauscht. Wie hoch die Wertschätzung von Pius XII. für Adenauer war, zeigte sich nach außen am 80. Geburtstag des Kanzlers: Er erhielt den Orden vom Goldenen Sporn, die zweithöchste Auszeichnung, die der Vatikan für Verdienste um die Kirche zu vergeben hat.
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