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Datum auf Steroiden

Zwei Tage, derer zu gedenken sich lohnt: Jeweils am 11. September der Jahre 1697 und 1989 ereigneten sich in Europa zwei Ereignisse von historischer Tragweite.
Prinz Eugen
Foto: Imago/Hertitage Images | Ein anderer 11. September: Prinz Eugen (1663–1736) führte die habsburgischen Truppen 1697 bei der Schlacht von Zenta und schlug die Osmanen zurück.

Der renommierte amerikanische Historiker Tyler Stovall soll Jahrestage einmal als Daten auf Steroiden bezeichnet haben, die es uns ermöglichen, das Persönliche und das Große, Globale zugleich zu betrachten. Ein durchaus markantes wie auch ebenso treffendes Bild. Denn manche Daten sind in der Tat viel mehr als nur eine Zahl im Kalender, sie verbinden Geschichte mit Erinnerung. Jahrestage zeigen, wie eng lokale, regionale und globale Entwicklungen miteinander verwoben sind. Sie schaffen Raum für kollektives Nachdenken, erinnern daran, wie wichtig es ist, aus der Geschichte die richtigen Lehren zu ziehen, und sie können zu einer gemeinsamen Identität beitragen. Das gilt in ganz besonderem Maße für ein Datum von mehrfacher Bedeutung und Symbolkraft: den 11. September.

Zentrales Ereignis für Europa

Am 11. September 1697 fand beispielsweise die Schlacht bei Zenta statt. Etwa siebzig Jahre nach Mohács, wo die Osmanen Ungarn besiegten und das Königreich zerschlugen, ereignete sich an der Theiß eine historische Wende. Prinz Eugen von Savoyen führte die habsburgischen Truppen zu einem vernichtenden Sieg über die Osmanen. Dieser Sieg bedeutete viel mehr als einen momentanen militärischen Triumph – er führte zum schrittweisen Rückzug des Osmanischen Reiches aus Mitteleuropa. Der daraus folgende Frieden von Carlowitz 1699 schuf dann erstmals nach der Schlacht von Mohács eine stabile Grenzordnung in der mitteleuropäischen Region. So war Zenta eines der ersten Male, dass Europa nach Jahrhunderten der Zerrissenheit die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft erahnen konnte. Denn damals wie heute gilt: Nur wenn Großmächte aufhören, expansiv zu agieren, kann Raum entstehen für Zusammenarbeit, für Handel, für Frieden. Dann kann sich darüber hinaus eine Idee entwickeln, die mehr ist als die Summe ihrer Teile und schließlich Identität stiftet. So wie das in Europa geschehen ist.

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Springen wir knapp 300 Jahre weiter in das Jahr 1989 – das Jahr der friedlichen Revolutionen. Am 11. September 1989 geschah etwas, das auf den ersten Blick viel weniger spektakulär wirkt als eine große, dramatische Schlacht – aber eben nur auf den ersten Blick. Ungarn öffnete seine Grenze offiziell für alle DDR-Flüchtlinge. Hunderttausende hatten diesen Schritt im Vorfeld vorbereitet, mehr als zehntausend wagten ihn allein an diesem Tag. Aber was bedeutete das für Europa? Durch seine enorme psychologische Wirkung trug diese Maßnahme massiv dazu bei, den Eisernen Vorhang ins Wanken zu bringen. Denn die Menschen begriffen: Grenzen und Trennung können überwunden werden. Mehr noch: Freiheit ist möglich.

Und dann ist da noch der 11. September 2001, der Tag der Terroranschläge auf New York und Washington. Was diese mit Europa zu tun haben? Alles. Denn in Wahrheit waren es Attacken auf unsere westliche Zivilisation. Angriffe, die die Welt verändert haben. Seither wissen wir alle, dass Bedrohungen längst nicht mehr territorial, nicht mehr nur zwischen Staaten, sondern auch asymmetrisch funktionieren. Europa reagierte damals entschlossen und geschlossen: Der Europäische Haftbefehl, die Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung und auch weitere verstärkte Kooperationen in Sicherheitsfragen – all das war die Reaktion auf eine Erkenntnis: In einer globalisierten Welt kann es europäische Sicherheit nur durch eine starke europäische Gemeinschaft geben, ganz sicher aber nicht durch nationalistische Isolation, nur durch Miteinander, nicht durch Abschottung. Die Tragödien des 11. September 2001 haben somit zur beschleunigten Europäisierung von politischen Bereichen geführt, die zuvor rein nationale Angelegenheiten waren. Das war ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung eines Europas, das nicht nur Wirtschaftsraum, sondern auch Sicherheitsgemeinschaft ist.

Dringender denn je

Genau ein solches Europa brauchen wir in Zeiten wie diesen dringender denn je! Denn in Anbetracht der großen Herausforderungen, die sich aus immer mehr Konflikten und Kriegen auf der Welt, einer sich bedrohlich aufbauenden Wirtschaftskrise, den beunruhigenden Auswirkungen des Klimawandels, dem gefährlichen Phänomen einer polarisierten Gesellschaft, verbunden mit einer sich immer mehr radikalisierenden Politik, der wachsenden Desinformation, dem zunehmenden Vertrauensverlust in Institutionen und Wissenschaft, den unabsehbaren ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen der Künstlichen Intelligenz – um nur einige Faktoren zu nennen – ergeben, könnte es durchaus sein, dass „Daten auf Steroiden“ genau die richtige Medizin sind, die dabei hilft, aus der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft zu meistern.

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Gleichzeitig sollte man sich aber dessen bewusst sein, dass Tyler Stovalls Metapher nicht nur eine Chance beschreibt, sondern auch eine Gefahr, und damit verbunden eine gesellschaftliche Herausforderung. Denn Jahrestage können instrumentalisiert und zu ideologischen Projektionsflächen gemacht werden, sie können Menschen ausschließen und Perspektiven ausblenden. Man muss also wachsam sein, schließlich hat auf die Geschichte niemand exklusiven Anspruch. Sie ist unser aller Verantwortung.


Der Autor ist Prokurator des „St. Georgs-Orden. Ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen“.

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Baron Vinzenz von Stimpfl-Abele 25 Jahre 9/11 Osmanen Terroranschläge am 11. September 2001

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