Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 25 Jahre 9/11

Begegnungen, die reinigen und bereichern

Der 11. September 2001 rückte ins Bewusstsein, dass Religionen sich missbrauchen lassen, aber auch einen Dienst am Frieden leisten können.
Kerzenvigil am Union Square in New York
Foto: IMAGO/Ringo Chiu (www.imago-images.de) | Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 halten Menschen eine Mahnwache mit Kerzen am Union Square in New York ab.

Der 11. September 2001 war ein Dienstag. Tags darauf sollte auf dem Petersplatz die reguläre Mittwochsaudienz stattfinden. Doch sie wurde anders als die gewohnten. Johannes Paul II. bat die Menschenmenge, als Zeichen der Trauer auf jeden Applaus zu verzichten. Die gesamte Audienz gestaltete er im Zeichen der Ereignisse vom Vortag. Er verurteilte die Anschläge als Terror, versprach, den Betroffenen und Hilfskräften nahe zu sein, sagte sogar, er „umarme“ sie, formulierte zum Abschluss aber auch eine geopolitisch weitsichtige Fürbitte: „Für die Verantwortlichen der Nationen, dass sie sich nicht von Hass und einem Geist der Vergeltung leiten lassen.“

Lesen Sie auch:

Mit dem 11. September war ins breite Bewusstsein gerückt, dass Religionen sich missbrauchen lassen. Eine derartige Analyse hatte Johannes Paul II. allerdings schon 1984 geäußert: „Religion kann selbst instrumentalisiert werden und wird dann zum Vorwand für Polarisierung und Spaltung.“ In den Monaten nach den Anschlägen kam der Papst immer wieder darauf zurück. In seiner Friedensbotschaft zum Jahresanfang 2002 arbeitete er heraus, was gewaltbereiter Fundamentalismus tut: Wie der Papst treffend sagte, „instrumentalisiert der Terrorismus nicht nur den Menschen, sondern auch Gott“, macht ihn nämlich zum Mittel für die Erreichung irdischer Ziele.

Reinigung und Bereicherung durch Religionsdialog

Johannes Paul II. hatte eine doppelte Klarsicht: Religion ist missbrauchbar, aber Religionen leisten auch jenen „dringend benötigten Dienst am Frieden zwischen den Völkern“. Woher dieses Zutrauen zu den Religionen, auch zu den Religionen der anderen? Johannes Paul II. hatte die Erfahrung von zwei gottlosen Regimen mit nach Rom gebracht: Er hatte den Nationalsozialismus erlebt und den Kommunismus. So konnte er den Unterschied benennen zwischen einer Menschenmacht, die Totalität beansprucht, und einer Menschenmacht, die sich selbst zurücknimmt, weil sie Gott anerkennt. In diesem Sinne waren unter seinem Pontifikat programmatische Handreichungen zum interreligiösen Gespräch entstanden, allen voran „Dialog und Mission“ von 1984. Hier heißt es, dass eine Begegnung von Menschen verschiedener Religion beide Seiten „reinigen und bereichern“ kann. Damit ist etwas Bedeutsames benannt, auch für die christliche Theologie: Obwohl in Christus alle Wahrheit liegt, sehen wir sie noch nicht in aller Deutlichkeit und leben wir sie noch nicht in aller Ehrlichkeit.

Papst Benedikt XVI. führte diese Linie ausdrücklich fort und zitierte sogar das Begriffspaar von der Reinigung und Bereicherung durch Religionsdialog in einer seiner letzten Ansprachen. Benedikt stand noch unter der Erschütterung von 9/11, wenn er vom Gewaltpotenzial der Religionen sprach. In Assisi bekannte er voller Scham auch die Gewaltsünden, die wir Christen selbst begangen haben, betonte dann jedoch, dass solche Exzesse dem Wesen von Religion zuwiderlaufen. Nun stellte er die entscheidende Anschlussfrage: Wenn Gewalteinsatz dem Wesen von Religion widerspricht, was ist dann überhaupt das Wesen von Religion? Solche fragenden Impulse waren typisch für den Papst aus Bayern. Er benannte die weiterführenden Fragen. Sie sollten Themen auf zukünftigen christlich–islamischen Dialogveranstaltungen werden: Papst Benedikt hatte das interreligiöse Gespräch in eine neue Gelegenheit zum ernsten theologischen Nachdenken gemacht.

Religiöse Begründungen für Gewalt aushebeln

Auch Papst Franziskus übernahm die Formel, dass Religionsdialog beide Seiten reinigt und bereichert. Seinen Stil hatte er selbst von Anfang an als „Freimut der Apostel“ beschrieben. Das ist die neutestamentliche parrhesia. Mit dieser Haltung gewann er auch die Herzen vieler Muslime. Er bat sie, für ihn mitzubeten, strahlte die Freude des Evangeliums aus, schrieb den Regierenden islamischer Länder aber auch ins Stammbuch, wo er dringenden Verbesserungsbedarf sah, etwa in puncto Religionsfreiheit. In diesen Jahren verstanden zahlreiche islamische Vordenker ihre eigene Rolle neu. Lange Jahre wollten sie sich zum islamistischen Terror gar nicht äußern. So halten es ja auch christliche Oberhäupter, die sich nicht von der christlich motivierten extremistischen Gewalt unserer Tage distanzieren. Man hält es dann für offensichtlich, dass ausdrücklich christlich begründete Gewaltverbrechen – von Uganda über Norwegen bis in die USA – gar nicht wirklich christlich sind. Hier gibt es auf beiden Seiten inzwischen Bewegung: Leitungspersonen und Fachleute müssen die angeblich religiösen Begründungen auch theologisch aushebeln.

Doch blicken wir nicht nur auf die Päpste! Mein Orden hatte mich zum Studium der Islamwissenschaften nach Bamberg geschickt. Als ich 1997 begann, schrieb ein Mitbruder in einem in mehrere Sprachen übersetzten Aufsatz über die jüngeren Jesuiten mit merklicher Verwunderung: „Einer studiert nun das Orchideenfach Islamwissenschaft“. Orchideenfach! Islam war bis 2001 für viele in Deutschland noch etwas Exotisches. Ein bisschen Zauber: Tausendundeine Nacht, Goethes Westöstlicher Divan – und ein bisschen Berührungsangst: „Gastarbeiter“ mit Hinterhofgebeten.
Manche Jesuiten allerdings hatten schon Jahrzehnte, Jahrhunderte vor mir Islam studiert. Genauso Dominikaner und andere Ordensleute wie die „Weißen Väter“. Einige von ihnen hatten auch gesehen: Die Muslime stellen entscheidende Fragen an das Christentum; wir Theologen sollten darauf eingehen. Aber ein breites Islaminteresse gab es nicht.

Mit dem 11. September 2001 änderte sich das. Nun stieß ich fast überall auf Islaminteresse. Es war zunächst ein Sicherheitsinteresse. Auch die deutschen Behörden suchten plötzlich händeringend Islamfachleute. Kein Orchideenfach mehr. Aber genügt das: den Islam beobachten?

Vielstimmig und gesprächsbereit

Als ich Ende 2002 nach Ankara geschickt wurde, hatte das Auswärtige Amt gerade eine junge Islamkennerin mit türkischen Wurzeln an die Deutsche Botschaft in der Türkei entsandt. Wir sahen gemeinsam: Über den Islam berichten, das ist wichtig und gut, aber wir sollten auch mit denjenigen Musliminnen und Muslimen zusammenarbeiten, die ihre Religion neu durchdenken, die die zukünftigen Religionslehrkräfte ausbilden und die Schulbücher schreiben. So entstand eine lebendige Zusammenarbeit mit der renommierten Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Für viele überraschend, gab es dort Theologinnen und Theologen, die ähnlich arbeiteten wie ihre evangelischen und katholischen Kollegen in Deutschland: vielstimmig, gesprächsbereit und kenntnisreich, auch in europäischer Geistesgeschichte. Der Schock des 11. September war zum Impuls für christlich–islamische Freundschaften, Buchreihen und ein neues Verständnis für die Rolle wissenschaftlicher Theologie geworden.

Das Entscheidende geschah allerdings gleichzeitig in Deutschland. Den Aufschlag machte das Bildungsministerium unter Annette Schavan. Eine Islamtheologie, die dem Standard europäischer Wissenschaft entspricht, sollte es nicht nur in Ländern wie der Türkei geben! 2010 legte der Deutsche Wissenschaftsrat einschlägige Empfehlungen vor, und kurz darauf entstanden in Münster und Frankfurt/Main, bald auch in Erlangen-Nürnberg, Tübingen und Osnabrück islamisch-theologische Universitätsinstitute. Inzwischen sind weitere hinzugekommen, unter anderem in Hamburg, Paderborn und Berlin. Hier erforschen und lehren seither muslimische Akademikerinnen und Akademiker ihre eigene Religion. Die allermeisten von ihnen sind in Deutschland aufgewachsen, sind interdisziplinär qualifiziert, über alle Standortunterschiede hinweg innerislamisch vernetzt und im lebendigen Austausch mit Fachvertreterinnen und -vertretern anderer Universitätsfächer.

Eine Erfolgsgeschichte. Nun sollte man die Islamische Theologie im deutschsprachigen Raum allerdings nicht einengen, indem man sie als Reaktion auf den 11. September 2001 sieht. Universitätstheologie ist die Disziplin, die eine Religion wissenschaftlich untersucht und fragt, was ihre Texte und Traditionen heute bedeuten können. Der Erfolg eines akademischen Faches ist nicht danach zu bemessen, wie viele Radikalisierungsgefährdete es zur Vernunft bringt. Aber die Präsenz von jederlei Theologie an der Universität – vertreten von Gläubigen, die bereit sind, zukünftige Multiplikatoren auszubilden – ist äußerst wünschenswert. Schon der Wissenschaftsrat sah, dass eine zugleich universitäre und konfessionelle Theologie ein dreifaches Plus bedeutet: für die jeweilige Religionsgemeinschaft – sie bekommt hochqualifiziertes Personal –, für die Universität – sie erhält ein Kollegium, das Ansichten argumentativ vertritt und weiterentwickelt, statt sie bloß zu referieren –, ein Plus aber auch für die Gesamtgesellschaft. Denn durch das Theologiestudium Ausgebildete können in die Debatten der Gegenwart heilsam herausfordernde Impulse aus ihren Glaubenstraditionen einbringen.


Der Autor ist Jesuit, promovierter Islamwissenschaftler und Theologe. Er war Professor für Dogmatik und Dekan der Missionswissenschaftlichen Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Heute lehrt er am Zentralinstitut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Felix Körner SJ 25 Jahre 9/11 Annette Schavan Apostel Auswärtiges Amt Evangelische Kirche Islamistischer Terror Jesus Christus Johann Wolfgang von Goethe Johannes Paul II. Katholische Theologie Muslime Papst Franziskus

Weitere Artikel

Über das Potenzial liberaler Theologie: Magnus Striet, Georg Essen und Stefan Orth schwebt eine anschlussfähige Zunft vor – Antworten auf zentrale Fragen bleiben sie schuldig.
13.08.2026, 09 Uhr
Elmar Nass
Am 18. Juli 1566 starb Bartolomé de Las Casas. Der Dominikaner setzte sich nach der Eroberung Lateinamerikas als Missionar und Bischof für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein.
18.07.2026, 05 Uhr
Josef Bordat

Kirche

Im postsäkularen Zeitalter noch nicht angekommen? Der fromme neue DBK-Vorsitzende spricht auf dem St.-Michael-Empfang lieber nicht über seinen Glauben. Schade.
10.09.2026, 20 Uhr
Jakob Ranke
Bei Jesus Christus sein und mit dem Herz eines Hirten lernen, „sein“ Volk zu lieben: Was sich Papst Leo von den neuen Bischöfen der Kirche wünscht.
10.09.2026, 16 Uhr
Guido Horst
Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers nimmt seinen Hut – ein Jahr vor dem üblichen Datum. Warum? Ein Rückblick auf eine nicht ganz konfliktfreie Amtszeit.
10.09.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Grün schlug 1992 vor, einen beschuldigten Priester im Dienst zu lassen. An den Fall erinnerte er sich am Freitag nicht, nach Angaben von Münsterschwarzach jetzt offenbar doch.
09.09.2026, 12 Uhr
Meldung