Wer von uns ist Judas Iskariot? Diese Frage ist provokant, und sie soll es auch sein. Denn Gründonnerstag lädt zur kritischen Gewissenserforschung ein, egal für wie gut oder heilig man sich hält. Der französisch-amerikanische Schriftsteller Julien Green schrieb einmal: „Merken Sie sich, dass wir alle, wie wir sind, unseren Namen statt den Namen des Judas einfügen können. Haben Sie sich darüber nie Gedanken gemacht?“
Gründonnerstag ist vielschichtig; es geht um Geld und Ansehen, menschliche Schwäche und Verrat, aber auch um Hoffnung und Zukunft. Die Feier umfasst die Einsetzung der Eucharistie und damit des sakramentalen Priestertums und ist geprägt von Nächstenliebe und der Demut der Fußwaschung. So ist Gründonnerstag nicht nur der Beginn des österlichen Triduums, sondern zugleich eine verdichtete Orientierung für das Leben der entstehenden Kirche Jesu.
Besonders eindringlich ist der Blick auf den Verräter Judas Iskariot. Oft erscheint er als der „Böse“, über den wir uns empören und der uns nichts angeht. Doch ein genauerer Blick auf diese Figur unter den Zwölf Aposteln und hinter die Fassade seines mörderischen Plans lohnt sich: Judas gehörte zu denen, die Gottes Denken nicht mit der menschlichen Hoffnung auf Rettung in Einklang zu bringen vermochten und nach menschlichen Lösungen Ausschau hielten. Frei nach Benedikt XVI. ist Judas eine Warnung vor Habgier und einem verhärteten Herzen sowie vor mangelndem Gottvertrauen. Er zeigt, dass die Nähe zu Christus nicht automatisch Treue bedeutet. Der Mensch ist einerseits auf die Gnade Gottes angewiesen und muss sie andererseits auch ergreifen.
Rettung nach menschlichen Vorstellungen
Judas muss innerlich zerrissen gewesen sein. Drei Jahre ging er mit Jesus, hörte seine Lehre, spürte seine Liebe und führte mit den anderen Aposteln ein Leben in Armut und Demut. Doch er vertraute mehr dem eigenen Verstand als Jesu Weisheit, und Stolz sowie Gier gewannen die Oberhand. Er war verstockt, verfehlte die Liebe und sündigte. Judas bekehrte sich nicht, obwohl er, wie Thomas von Aquin in seiner „Summa Theologiae“ schreibt, die gleiche Chance hatte wie die anderen Jünger. Er stellte fest, „dass Judas zusammen mit den anderen Jüngern den Leib und das Blut des Herrn empfangen hat“. Dennoch lieferte er Jesus aus und versank dann in tiefem Elend: Thomas erläutert im Rückgriff auf Augustinus: Wer unwürdig empfängt, empfängt nicht zum Heil – ein Gedanke, der letztlich auf 1 Kor 11,29 zurückgeht.
Offenbar hoffte Judas wie viele andere Menschen seiner Zeit auf Rettung nach seinen eigenen Vorstellungen, er war verstockt und wählte den Tod. Wobei niemand sagen kann, ob Judas verdammt ist oder nicht. Die Frage danach stellten sich viele Denker. Schon Origenes fragte sich im dritten Jahrhundert, ob Judas hätte gerettet werden können, und rang mit der Frage von Schuld und göttlichem Plan. Hans Urs von Balthasar erklärte, dass Christen für alle Menschen Heil erhoffen dürfen – ohne dabei die reale Möglichkeit ewiger Verlorenheit zu leugnen. Die Kirche spricht kein endgültiges Urteil über das ewige Heil einzelner Menschen, auch nicht über Judas, auch, weil Gottes Barmherzigkeit unergründlich ist.
Judas glaubte nicht an Gottes Barmherzigkeit
In diesem Sinn könnte Judas sogar zu einer Hoffnungsfigur werden — nicht in dem Sinne eines sorglosen Freibriefs, sondern im Sinne von Psalm 51,19: „…ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen“ (Ps 51,19). Es bleibt die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit, wie sie die heilige Faustyna bezeugt hat: Kein noch so großer Sünder wird enttäuscht, wenn er sich reumütig in die Arme Gottes wirft und sein Leben ändert. Petrus hat genau das getan: Nachdem er Jesus dreimal verleugnet hatte, bereute er und kehrte zu Christus zurück. Judas hingegen vertraute nicht auf Gottes Barmherzigkeit.
Gottes Art von Sieg und Erlösung kann nicht menschlich-militärisch verstanden werden. Das lehrt der Gründonnerstag. So sehr dies vielen heute klar zu sein scheint, so sehr ringen Menschen genau mit diesem Aspekt: Menschen erwarten oft schnelle, sichtbare Lösungen und geraten ins Zweifeln, wenn Gott Leid zulässt. Die Freiheit, die Gott dem Menschen geschenkt hat, kann Segen oder Fluch sein – je nachdem, wie sie genutzt wird. Niemand kennt das innere Ringen von Judas, vielleicht durchlebte er auch einen geistlichen Kampf, aber er hat sich für das Böse entschieden. Seine Geschichte zeigt die ganze Tragweite menschlicher Freiheit.
Schöpfen wir aus dieser Liebesquelle, die nie versiegt?
Anders als zu Judas’ Zeiten kennen wir die Fülle der Erlösung. Jesus hat alle menschlichen Sünden ans Kreuz genagelt und den Schuldschein mit seinem Blut unterzeichnet. Wir sind in Christus nicht nur Diener, sondern Freunde und Kinder Gottes, seine Erben (vgl. Joh 15,15 und Röm 8,17). Wir dürfen und sollen an seiner Sendung teilhaben, sind mit seiner Vollmacht ausgestattet, die jedoch immer von ihm kommt und an ihn gebunden bleibt. Wie der Vater ihn gesandt hat, so sendet er uns (vgl. Joh 20,21). Er gab seinen Nachfolgern „Macht über unreine Geister …“, dennoch gilt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5). Die Frage ist nur: Glauben wir nur, dass Gott uns liebt – oder haben wir diese Liebe erfahren und schöpfen wir aus dieser Liebesquelle, die nie versiegt?
Es geht nicht darum, Gottes Wirken immer nachvollziehen zu können. Es geht auch nicht darum, besonders gute Leistungen zu bringen und möglichst effizient zu sein. Es geht um Treue. Die hat Judas gefehlt; der Mut, treu zu bleiben, auch wenn äußerlich alles dagegen spricht, dass Christus der Retter ist. Darin liegt die Herausforderung des Glaubens: auszuhalten, dass Gott anders rettet, als wir es erwarten; oft durch das Kreuz hindurch. Gottes Reich ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). An dieser Aussage scheitert der Verstand. Hier beginnt der Glaube.
Treue bedeutet nicht, keine Zweifel zu kennen. Sie bedeutet, trotz der Zweifel nicht wegzulaufen. Petrus zweifelte, versagte, weinte – und blieb. Judas zweifelte, verzweifelte, versagte – und ging. Der Unterschied lag nicht in der Schwere des Versagens, sondern in der Richtung des nächsten Schritts: zurück zu Christus oder weg von ihm. Wie beim Verlorenen Sohn gibt es immer einen Weg zurück zum Vater. Gründonnerstag zeigt also: Die Kirche war von Anfang an brüchig. Sie existiert nicht aus sich selbst heraus. Darum ist sie jeden Tag neu auf die Gabe dessen angewiesen, der sich uns ausliefert, damit wir leben können.
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