Es gibt diesen einen Tag im Jahr, der uns lehrt, wie es ist, wenn Gott zu schweigen scheint, wenn Zweifel einen zu überwältigen drohen und alles sinnlos wirkt. So etwa müssen sich die Jünger Jesu gefühlt haben, als Jesus gestorben war — und von Rettung und Erlösung weit und breit keine Spur zu sein schien.
Alles war einfach nur trostlos. Der Karsamstag spiegelt dies heute wider. Es ist kein Fest, aber auch kein Fasttag im eigentlichen Sinn. Es gibt weder Eucharistie noch Segen. Die Altäre sind leer, die Tabernakel stehen offen. Stillstand. Warten. Haben die Jünger überhaupt noch auf die Auferstehung gewartet? Hat sie der Glaube an das, was in der Schrift steht, verlassen? Oder begannen sie zu begreifen, was Jesus ihnen drei Jahre lang versucht hatte klarzumachen: dass der Gottessohn sterben und auferstehen musste?
Die Stille der Grabesruhe
Theologen nennen diesen Tag den „Tag der Grabesruhe“. Das klingt fast erholsam: Jetzt erst einmal Pause. Grabesruhe meint aber keine Stille im Sinne eines Morgens, an dem man weiß, dass der Tag zur freien Verfügung steht. Gefühlt ist es die Stille, die eintritt, wenn auch der Letzte die Schaufel Erde auf den Sarg geworfen hat. In Wirklichkeit ist es aber die Stille nach dem Schlussakkord — ein Ende, auf das aber dann brandender Applaus folgt.
Gehen wir einmal 2000 Jahre zurück. Die Jünger wussten nicht oder zweifelten daran, dass morgen Ostern sein würde. Die Ankündigung der Auferstehung war an ihnen abgeglitten, allenfalls geblieben als dumpfes Geräusch hinter verschlossener Tür. Sie sahen nur das Kreuz, erinnerten sich an das letzte Mahl, die letzten Worte Jesu. Vielleicht hing ihnen noch der Geruch von Brot und Wein in der Nase. Aber er war nicht mehr da. Während die Zeit weiterlief, muss sie den Jüngern wie eine bleierne Last vorgekommen sein. Sie müssen sich zurückgelassen gefühlt haben, abgestellt, und fassungslos nachsinnend über den schändlichen Tod Jesu.
Maria hielt an der Verheißung fest
Auch Maria muss es das Herz zerrissen haben. Doch sie hielt am Glauben fest, hat „nicht gezögert, das Leiden ihres Sohnes zu teilen und auf dem Kalvarienberg unter dem Kreuz das ‚Ja' der Verkündigung zu erneuern“, wie Papst Benedikt XVI. es 2008 formulierte. Maria, die im Glauben fest stand, war vielleicht diejenige, die am stärksten an dem Versprechen der Schrift festhielt, dass Jesus am dritten Tage auferstehen würde. Vielleicht betete sie sogar darum, dass sich dieses Wort ein wenig schneller erfülle.
Wahrscheinlich waren ihr unerschütterlicher Glaube, ihr Gottvertrauen, die Hoffnung und Vorfreude auf die Auferstehung wie Strohhalme, die sie über Wasser hielten nach dem Tag der Dunkelheit, an dem dem äußeren Anschein nach alles zerbrochen war und sich das Schweigen wie ein Grabtuch über die Grausamkeiten des Vortages gelegt hatte.
Christi Abstieg in die Unterwelt
Aber was geschieht noch so Bedeutendes am Karsamstag, außer dass Gott scheinbar schweigt? Das Apostolische Glaubensbekenntnis sagt es in einer Zeile: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes." Der Theologe Hans Urs von Balthasar, der dem Karsamstag eine besondere und intensive theologische Aufmerksamkeit gewidmet hat, verstand dieses Schweigen als den lebendigen Hintergrund allen Redens Gottes. Jedes göttliche Wort gehe aus diesem Schweigen hervor und müsse „dorthin zurückgeführt werden“, um als göttliches Wort verstanden zu werden. „Auch dann bleibt das Schweigen des Karsamstags etwas vom übrigen Schweigen Gottes Verschiedenes.“ Wer den Karsamstag überspringe, so Balthasar, verstehe auch Ostern nicht, lehrte er.
Benedikt XVI. deutete Christi Abstieg in die Unterwelt als die äußerste Solidarität Gottes mit dem Menschen: Der menschgewordene Gott sei „so weit gegangen, in die extreme und absolute Einsamkeit des Menschen einzutreten, wohin kein Strahl der Liebe dringt, wo völlige Verlassenheit herrscht, ohne auch nur ein Wort des Trostes". Jesus steigt hinab in das, was die Bibel „Scheol" nennt: den Ort der Toten, den Ort ohne Gott — als der, der am Kreuz gerufen hatte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Gott lässt den Menschen nicht im Stich
Dass Jesus in diese totale Verlassenheit hinabsteigt, ist die Antwort auf eine der brennendsten Fragen des leidenden Menschen: Hat Gott mich verlassen? Benedikt XVI. sagte dazu während einer Meditation zum Heiligen Grabtuch 2010: „Auch in der extremsten Dunkelheit der absoluten menschlichen Einsamkeit können wir eine Stimme hören, die uns ruft, und eine Hand finden, die uns ergreift und uns nach draußen führt." Vielleicht liegt darin auch eine Einladung an den Menschen, Gott zu fragen, wo er in der einen oder anderen Situation gewesen ist. Die Antwort zu hören, könnte bereits eine Andeutung von Ostern und insofern heilsam sein.
Allerdings ist es nicht Gott, der den Menschen im Stich lässt; es ist der Mensch, der sich von Gott entfernt. Karsamstage erfährt jeder Mensch in seinem Leben: Zeiten, in denen Gott schweigt; die Erfahrung des Todes eines geliebten Menschen macht, Krankheit, Dunkelheit, Zweifel, vielleicht auch Leere erfährt. In solchen Momenten kann man den Eindruck haben, dass das Gebet wie gegen eine Wand prallt und Gott einfach zusieht und schweigt. Aber der Karsamstag lehrt, dass es nur vordergründig so ist. Während der Mensch sich noch fragt, ob es jemals wieder ein Ostern geben wird, wirkt Gott im Verborgenen längst und bereitet etwas Neues vor.
Eine Sehnsucht, die nach Erfüllung ruft
Am Karsamstag sind wir eingeladen, am Grab Jesu zu verharren — so, wie es die Frauen vor 2000 Jahren getan haben. Vielleicht hat sie die Hoffnung verlassen, aber nicht die Liebe zu Jesus. In dieser stillen Liebe, im Schweigen und Warten, kann mehr Glaube liegen als in einem lauten Bekenntnis einer fröhlichen Seele. Es ist eine Stille, in der sich neue Knospen von Erkenntnis und Weisheit bilden können und aus der der Glaube gestärkt hervorgeht.
Benedikt XVI. hat diese Haltung wunderbar beschrieben: Wir leben in dieser Stille „berührt von der grenzenlosen Liebe Gottes, in der Erwartung des Morgens des dritten Tages, des Morgens des Sieges der Liebe Gottes, des Morgens des Lichts, das den Augen des Herzens ermöglicht, das Leben, die Schwierigkeiten, das Leid auf neue Weise zu sehen."
Karsamstag ist eine Sehnsucht, die nach Erfüllung ruft. Man hält an einer Wirklichkeit fest, die über das Sichtbare hinausgeht. Und auch wenn noch alles dagegenspricht: Irgendwann wird Ostern hereinbrechen wie ein sonniger Morgen nach einer langen Nacht.
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