Es ist 1.15 Uhr in der Nacht. Mein Wecker holt mich aus dem Schlaf. Nach kurzem Zögern gelingt es mir, der Verlockung des Liegenbleibens zu widerstehen und mich anzuziehen. Wenig später schleiche ich mich ganz leise zur Haustür und weiter ins Auto. Es ist eine kurze Fahrt durch die Stille der Nacht. Auf der sonst viel befahrenen Route erblicke ich unterwegs nur in der Ferne die Rücklichter eines weiteren Verkehrsteilnehmers. Nach knapp zehn Minuten habe ich mein Ziel erreicht. Aber wozu eigentlich das frühe Aufstehen? Wohin hat mich die nächtliche Fahrt geführt?
Es ist die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Traditionell bieten zahlreiche Gemeinden im Anschluss an den abendlichen Gottesdienst Anbetungsstunden an. Dem Rufe Jesu, „Bleibt hier und wacht!“ (Mk 14,34), folgend gibt es in manchen Kirchen sogar die ganze Nacht die Möglichkeit zur Anbetung des Allerheiligsten. In unserer Pfarrkirche wurde ebenfalls zur „Ölberg-Anbetung“ eingeladen. Auch wurden Freiwillige für die Gestaltung ausgewählter Stunden gesucht. Um etwa 1.45 Uhr kam ich an der Kirche an. In der kühlen Nachtluft war nur ein Werbebanner zu hören, das vom Wind an einen Bauzaun geschlagen wurde. Ansonsten herrschte in der Kleinstadt völlige Stille.
Die Stunde meiner „Wache”
Als ich die Basilika betrete, wundere ich mich zunächst. Noch bevor ich den Seitenaltar, den Ort der Anbetung, sehen kann, vernehme ich Stimmen. Fünf weitere Personen hatten sich zu dieser, je nach Auslegung, frühen oder späten Stunde in der Kirche eingefunden. Es wurden Lieder gesungen, ein Mann hatte eine kleine Andacht vorbereitet. Um 2 Uhr verlassen drei der anwesenden Leute den Kirchraum – die Stunde meiner „Wache“ beginnt! Ich teile kurz Zettel mit kleinen Gebetsimpulsen aus und trete in die Stille ein. „Wie schnell die Zeit verfliegt“, denke ich mir, als die Kirchenglocke zur halben Stunde schlägt. Zu meinem großen Erstaunen hatte in der Zwischenzeit ein weiterer Beter den Weg in die Basilika gefunden. Erst später merkte ich, dass es ein bekanntes Gesicht aus der wöchentlichen Anbetungsstunde unserer Gemeinde war.
Die Ruhe der Nacht und das Verweilen vor unserem Herrn sind gleichzeitig einnehmend und befreiend. Es gibt keine Ablenkung oder äußere Faktoren, die stören könnten. Es ist der richtige Raum für Klarheit. Ich frage mich, ob dieser Zustand auf solche außergewöhnlichen Tage beschränkt sein muss. Ich glaube nicht. Die Nacht und die frühen Morgenstunden sind der optimale Zeitpunkt für das Gebet. Das wusste bereits der Psalmist: „Schon vor dem Morgengrauen kam ich und flehte, auf deine Worte hab ich gewartet.“ (Ps 119,147) Es gibt kein Tageslicht, das unsere Wahrnehmung mit visuellen Eindrücken überflutet; wir sind nicht beständig damit beschäftigt, den Lärm und die Hintergrundgeräusche der Welt in uns aufzunehmen; und unser Geist ist noch frisch und nicht bereits von den Erfahrungen des Tages belastet. Und wer könnte nicht ein wenig früher aufstehen, um Zeit für Gott zu finden?
Kurz vor 3 Uhr trifft meine Ablösung ein. Ich entschließe mich dazu, noch ein wenig zu bleiben. Erst eine Stunde später macht mir die kühle Luft langsam zu schaffen. Es liegt noch das ganze Osterfest vor mir, eine Erkältung kann ich da nicht gebrauchen. Das Verlassen der Kirche fällt mir schwer und ich zögere einen Moment. Aber ich weiß das Allerheiligste gut bewacht und mache mich schließlich auf den Heimweg. Zuhause angekommen und erfüllt von der Anbetung liegt rasch eine Bibel vor mir auf dem Tisch, bereit für eine frühmorgendliche Lesung. Doch es siegen Vernunft und Müdigkeit, und so schleiche ich mich nach dem nächtlichen Ausflug zurück ins Bett. Es gibt schließlich Zeiten zum Wachen und Zeiten zur Ruhe – diese Nacht hatte beides.
Der Autor hat Altertumswissenschaften studiert und betreibt mit seiner Frau einen Online-Shop.
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