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Weil ich nur Armut bin

Eine Stunde pro Woche vor der Monstranz, ein Jahr für Gott – und die Frage, ob das verschwendete Zeit ist. Ein Zeugnis aus der Jüngerschaftsschule in Passau.
Eucharistische Anbetung
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Neun Monate beten und lernen die jungen Teilnehmerinnen der Loretto-Jüngerschaftsschule. Für Außenstehende ist das oft unverständlich.

Seit über zwei Monaten lebe ich hier in Passau direkt am Domplatz. Die Stimmen einer Gruppe von Touristen vermischen sich mit dem Glockengeläut des Doms. Und ich sitze, wie jede Woche Donnerstag, in der stillen Kapelle und bete. Meine Freunde in der Heimat treffen sich gerade zur Probe der Musikjugend unserer Blaskapelle, die ich noch vor wenigen Monaten dirigiert habe. Mein Alltag ist jetzt ein anderer. Ich lebe mit dreizehn anderen jungen Frauen in der HOME Base, dem Haus der Loretto Gemeinschaft im Bistum Passau.

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Neun Monate beten und lernen wir gemeinsam. Jede von uns hat andere Gründe, warum sie eine katholische Jüngerschaftsschule macht. Außenstehende fragen sich, warum ich meine Zeit nach dem Abitur dafür „verschwende“. Wenn ich donnerstags in der Barbara-Kapelle sitze, um eine Stunde stille Anbetung vor dem Allerheiligsten zu halten, frage ich mich das zugegebenermaßen manchmal auch. Andere reisen nach der Schule oder beginnen direkt mit einer Ausbildung oder dem Studium. Ich gebe ein Jahr für Gott. Und das eigentlich nur, weil ich ja sonst nicht wusste, was ich tun sollte. Ich wollte immer Musik machen – ich habe nie etwas anderes gemacht. Aber davon leben? Schwierig. Musik war immer das, worin ich mich selbst verstanden habe – auf der Bühne, im Zusammenspiel, in der Probe. Hier in Passau ist es still. Keine Blasmusik, kein Musikverein. Nur ich und eine Monstranz.

Jede Woche verbringe ich Zeit vor dem Allerheiligsten und besuche nahezu täglich die heilige Messe. Dennoch kann ich nur selten glauben, dass Gott in diesem Stück Brot wirklich gegenwärtig sein soll. Ich habe keine Ahnung, wer ich bin und was ich mit meinem Leben anfangen soll. Mit meinen gerade einmal 18 Jahren setze ich meine Hoffnung in das Jahr, das ich Gott hier in Passau gebe.

Gott die Zukunft anvertrauen

Das war vor über einem Jahr. „Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin, weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin“ heißt es im Hymnus „Gottheit tief verborgen“ des heiligen Thomas von Aquin. Heute denke ich, dass keine der Stunden in der Barbara-Kapelle verschwendet war. In den neun Monaten meiner Jüngerschaftsschule hatte ich immer wieder Momente, in denen ich mein Leben und meine Zukunft vor Gott gebracht habe. Aus einer Armut heraus, die ich lange Zeit als Orientierungslosigkeit bezeichnet habe.

Es war ein Donnerstagabend im Frühjahr, als ich begriffen habe, dass ich nicht Musik studieren werde. Nicht wie eine Eingebung, eher wie etwas, das schon lange da war. Ich saß in der Kapelle und merkte, dass ich seit Monaten nicht an die Musik dachte, sondern an die Angst, ohne sie niemand zu sein. Das war der eigentliche Punkt. Nicht: Was soll ich tun? Sondern: Wer bin ich, wenn ich nichts vorweisen kann? In der Stille der Anbetung habe ich gelernt, dass ich mehr bin als das, was ich leisten kann. Auch heute blicke ich auf die Monstranz und kann oft nicht glauben, dass Gott sich so klein macht, um mir zu begegnen. Aber vielleicht ist es genau das: Ein Gott, der sich so klein macht, dass er in ein Stück Brot passt, begegnet mir in meiner Armut – weil er sie nicht für eine Verschwendung hält.

Die Autorin, geboren 2006 in Paderborn, studiert Journalistik & strategische Kommunikation an der Universität Passau.

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